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Donauwörth

22.10.2014

Gericht: Kirche darf Erzieherin nach Porno-Dreh entlassen

Die Erzieherin mit dem Künstlernamen "Julia Pink" sitzt im Saal des Arbeitsgerichtstags in Donauwörth mit ihrem Anwalt Florian Fleig.
Bild: Annette Zoepf epd

Weil sie in ihrer Freizeit Pornos dreht, kündigte die Diakonie Neuendettelsau einer Erzieherin fristlos. Die 38-Jährige zog vor Gericht und zeigte sich heute zufrieden.

Die 38-Jährige nennt sich "Julia Pink". Für die Diakonie Neuendettelsau arbeitete sie jahrelang mit behinderten Menschen zusammen. In ihrer Freizeit drehte sie Pornofilme. Wie das letztendlich die Diakonie erfuhr, weiß sie bis heute nicht. Ihr wurde fristlos gekündigt.

Erzieherin darf wegen Pornos nicht fristlos gekündigt werden

Das darf sie nicht, entschied heute das Arbeitsgericht Augsburg. Zumindest nicht fristlos. Die Verhandlung am heutigen Mittwoch hat nur wenige Minuten gedauert. "Julia Pink" gibt sich demonstrativ zufrieden. Ein Teilerfolg sei das Urteil, sagt die Erzieherin. "Ich werde auf jeden Fall in die nächste Instanz gehen", kündigt sie vor laufenden Fernsehkameras am Mittwoch in Donauwörth an. Ihr Anwalt Florian Fleig war Sekunden zuvor noch vorsichtiger: "Wir müssen uns jetzt erst einmal die genaue Urteilsbegründung ansehen."

Es ist kurz nach 9.15 Uhr, als Richterin Renate Leirer die Sitzung des Arbeitsgerichts Augsburg in der Außenstelle Donauwörth eröffnet. Die Argumente der beiden Parteien seien bereits hinlänglich ausgetauscht worden, schriftlich und auch beim Gütetermin Anfang Juli, sagte Leirer. Die Diakonie sieht im Mitwirken in Pornos nach kirchlichem Arbeitsrecht eine "Pflichtverletzung im außerdienstlichen Bereich". Die Erzieherin will maximal abgemahnt und nicht fristlos oder ordentlich gekündigt werden, weil sie ihren Nebenjob in der Erotikbranche nicht angemeldet hat.

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Pornodarstellerin "Julia Pink" gibt viele Interviews

Die Erzieherin mit dem Künstlernamen "Julia Pink" gibt vor Sitzungsbeginn zahlreiche Interviews. Die Antworten sind immer die gleichen: Sie fühle sich nach wie vor ungerecht behandelt, sie habe ihren Job jahrelang gut gemacht, habe in einem tollen Team gearbeitet, nie habe es Grund zur Beanstandung gegeben. Ihren Nebenjob habe sie immer strikt von der Arbeit als Erzieherin in einem Oettinger Heim für erwachsene Menschen mit Behinderung getrennt. "Ich weiß nicht, warum mein Nebenjob nicht mit den christlichen Werten der Kirche vereinbar sein soll", sagt sie.

Die Erzieherin will ihren Auftritt vor der Außenstelle des Arbeitsgerichts möglichst medienwirksam in Szene setzen. Ihr bulliger Ehemann sortiert die Medienvertreter - wer bekommt welche Schnittbilder, wer exklusive O-Töne, mit wem wird am besten gar nicht geredet. "Julia Pink" sieht an diesem Mittwoch so gar nicht wie ein Starlet aus der Pornobranche aus, mit Ausnahme der langen Fingernägel in Pink und Zartrosa vielleicht. Sie trägt vor Gericht nur schwarz: Kunstledermantel, Stiefel bis kurz unters Knie und einen glitzernden Pulli. Ihr Blick ist immer betont betroffen.

"Julia Pink" muss von Diakonie vorerst weiterbezahlt werden

In der kurzen mündlichen Verhandlung liefern sich Kläger und Beklagte ein kurzes verbales Scharmützel. Anwalt Florian Fleig betont, dass die Erzieherin "durchaus wieder eingestellt werden will". Der Rechtsanwalt der Diakonie kontert, in den zahlreichen Interviews seit der Kündigung habe "Julia Pink" mehrfach betont, sie wolle nicht zurück zur Diakonie, sie wolle eine Abfindung. Richterin Leirer beendet die Diskussion, "weil für die Entscheidung ohnehin irrelevant ist, "was nach der Kündigung gesagt wurde". Dann zieht sich das Gericht zur Beratung zurück.

Um 9.38 Uhr kommen Richterin Renate Leier und ihre ehrenamtlichen Kollegen zurück in den Sitzungssaal. Sofort wird das Urteil verkündet. Die außerordentlichen, fristlosen Kündigungen vom Mai und Juni seien unwirksam, nicht aber die ordentliche Kündigung vom Juni. Demnach endet das Arbeitsverhältnis zwischen Erzieherin und Diakonie zum 30. November dieses Jahres. Bei der Interessensabwägung sei das Gericht zu dem Schluss gekommen, "dass eine Weiterbeschäftigung der Klägerin bis zum Ende der Kündigungsfrist zumutbar ist", erläuterte Leirer.

Das heißt, dass "Julia Pink" auf jeden Fall bis Ende November von der Diakonie weiter bezahlt werden muss. Der Anwalt der Diakonie sowie die Heimleiterin der Oettinger Einrichtung verlassen nach der Verkündung des Urteils beinahe fluchtartig das Gebäude, während sich die Erzieherin samt Anwalt vor den Fernsehkameras aufbaut. "Ich bin eigentlich total zufrieden", sagt sie. Wie ans Tageslicht gekommen ist, dass sie Pornos dreht, weiß sie übrigens bis heute nicht: "Pornos gucken ist anscheinend ok, Pornos drehen nicht. Sind das die christlichen Werte der Kirche?" epd/AZ

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