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Großsorheim

17.10.2020

Großsorheim bestand schon im frühen Mittelalter

Nur eine kleine Auswahl der Fundstücke, einzeln verpackt und nummeriert.

Plus Grabungen für ein neues Baugebiet in Großsorheim erbringen eine rekordverdächtige Zahl an Befunden. Was die Fachleute bislang herausgefunden haben.

Dass die Menschen über Jahrtausende bevorzugt im Ries siedelten, ist bekannt. So finden Archäologen auch in und um Großsorheim zahlreiche Spuren von historischen Siedlungen. Was freilich bei den Grabungen im Bereich des neuen Wohngebiets Großsorheim-Nord zum Vorschein kam, überraschte selbst die Fachleute. Er habe noch nie eine Fläche mit so vielen Befunden erlebt, berichtet Manfred Woidich, der mit Kollegen aus seinem Archäologiebüro das Areal untersucht hat. Eine erste Auswertung gebe Hinweise, dass die Ortsgeschichte des heutigen Harburger Stadtteils wohl umgeschrieben werden müsse.

Bislang ist durch schriftliche Überlieferungen belegt, dass Großsorheim bereits im 12. Jahrhundert existierte. Allerdings ist unklar, ob die Quellen Groß- oder das benachbarte Kleinsorheim (Gemeinde Möttingen) meinen. Der erste sichere Nachweis Großsorheims stammt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Nach neuesten Erkenntnissen ist Woidich zufolge anzunehmen, dass die Siedlung schon vom frühen Mittelalter an durchgehend existierte. Der Archäologe nennt in diesem Zusammenhang die Zeit des 7. und 8. Jahrhunderts.

Menschen und Vieh lebten in Großsorheim gemeinsam in Langhäusern

„Der Großteil der Befunde lässt sich dieser Phase zuordnen“, erklärt der Archäologe. Es ließen sich durch Verfärbungen im Boden einige Langhäuser rekonstruieren: „Hierbei dürfte es sich sehr wahrscheinlich um sogenannte Wohnstallhäuser handeln, in denen sich in den kalten Monaten Menschen und Vieh den Wohnraum teilten.“ Für das 7./8. Jahrhundert sprechen laut Woidich zudem charakteristische Keramikscherben, die Muster aufweisen, die mit Stempeln aufgebracht wurden.

Weil das Spektrum an Keramiken, das die Archäologen zutage förderten, wohl auch Formen des 10. und 11. Jahrhunderts beinhaltet, lässt sich nach Ansicht von Woidich eine kontinuierliche Besiedlung vom Früh- ins Hochmittelalter belegen. Der Fachmann folgert daraus: „Der Anfang der Ortsgeschichte von Großsorheim lässt sich nun um einige Jahrhunderte früher ansetzen.“ Dies sei nicht alltäglich, seien Funde aus dem frühen Mittelalter doch relativ selten. Aus dieser Epoche der Menschheit sei nur wenig bekannt.

Eine Pfeilspitze aus Feuerstein stammt wohl aus der Steinzeit

Freilich war der Bereich am südlichen Riesrand dank des fruchtbaren Bodens und der günstigen Lage am Zugang der Ebene seit jeher ein günstiger Siedlungsraum. Auch das zeigen die neuesten Funde. Dazu gehören – so erläutert Archäologin Marion Sorg – beispielsweise Relikte aus der Steinzeit. Die Expertin zählt dazu eine Pfeilspitze aus Feuerstein und eine Tonscherbe mit vielen kleinen Löchern: „Das könnte eine Abdeckung über einer Feuerstelle gewesen sein oder als Sieb bei der Verarbeitung von Milch gedient haben.“

Ein Teil der Fundstücke stamme aus der Spätzeit der Kelten, der sogenannten Spätlatenezeit (etwa 250 bis 50 vor Christus). Dieser dürfte auch ein Teil der kleineren Gebäudestrukturen, die noch sichtbar sind, angehören.

Auch auf Spuren der Römer stießen die Archäologen – was nicht verwundert, kreuzten sich bei Großsorheim doch gleich drei Römerstraßen. Nur einen Steinwurf vom neuen Baugebiet entfernt befindet sich eine teilweise rekonstruierte Villa mit Badehaus aus jener Zeit. Marion Sorg zeigt dazu mehrere Ziegel, von denen der ein oder andere von einem Dach stammen könnte. Auch ein kleines, feines Keramikteil, außen dunkel und innen rötlich, könnte von den Römern herrühren.

Viele weitere Teile ließen sich (noch) nicht genau datieren, berichtet Marion Sorg. Einige Beispiele: drei Spinnwirteln (Schwunggewichte), mit deren Hilfe auf einem Stock ein Faden gesponnen wurde, ein Stück von einem Mühlstein, Tierknochen (vielleicht Schlachtabfälle), ein Schleifstein aus feinem Sandstein, ein kleines Messer aus Eisen, eine kleine Nähnadel aus Bronze, ein Hämatit (weiches Gestein, das zu rot-brauner Farbe verrieben werden kann), ein Bronzeknopf (der vielleicht ein Möbelstück zierte) und eine blau-grüne Glasperle.

Auf den freigelegten Flächen in Großsorheim stoßen die Archäologen auf 1462 Befunde

Weil das Architekturbüro Dr. Woidich derzeit voll ausgelastet ist, konnte das ganze Material bisher nur gereinigt, jedoch nicht weiter bewertet und inventarisiert werden. Beeindruckend sei aber bereits die gewaltige Menge von 1462 Befunden auf den freigelegten Flächen. Allein im Bereich der vier nördlichen Bauplätze, die vollständig untersucht wurden, waren es schon 550 Befunde – „unglaublich“, so der Kommentar von Manfred Woidich. Die Fläche war geradezu übersät von nummerierten Steckschildern.

Noch ist nicht das komplette Baugebiet untersucht. Woidich weiß jedoch, dass weitere Funde zu erwarten sind. Die einstigen Siedlungen erstreckten sich auch auf die noch unberührten Teile des Baugebiets. Dort würden weitere Grabungen „sicher noch weitere Erkenntnisse liefern“.

Gut möglich also, dass die Großsorheimer Ortsgeschichte in naher Zukunft um weitere Kapitel bereichert wird.

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