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Kreis Donau-Ries

03.10.2019

Wie Stella nach Jahren der Ehe-Hölle entkam

Bin ich hier sicher? Für die Frauen, die vor ihren gewalttätigen Partnern ins Frauenhaus fliehen, ist das zunächst die wichtigste Frage. Er danach kann die Frage nach der Zukunft gestellt werden.
Bild: Peter Steffen, dpa (Symbol)

Plus Stella wird über Jahre von ihrem eigenen Ehemann verprügelt. Es ist ein harter Weg aus der privaten Hölle. Sie schafft ihn – dank des Frauenhauses Nordschwaben.

Stella ist eine schmale, zierliche Frau. Ihre langen, braunen Haare hat sie sich in einem strengen Zopf nach hinten gebunden und, wenn sie erzählt, dann zupft an ihren Nägeln herum. Ihr Lächeln ist ein wenig schief, aber es ist echt. Sitzt man ihr gegenüber, kommt einem die Frau ziemlich schutzlos, fast zerbrechlich vor.

Doch das täuscht. Stella ist nicht zerbrochen. Nicht an den Schlägen und Erniedrigungen ihres Ehemannes. Nicht an dem Schuldenberg, der sie in die Privatinsolvenz getrieben hat. Und auch nicht, als ihr eigenes Kind sich gegen sie gestellt hat. Vor allem aber nicht daran, dass ihr Traum von einer eigenen Familie langsam aber stetig zerbröselt ist und sie am Ende wieder auf sich gestellt war. „Ich bin ein Einzelkämpfer“, sagt Stella.

2009 das erste Mal im Frauenhaus Nordschwaben

Die junge Frau, deren echter Name zu ihrem eigenen Schutz nicht öffentlich genannt wird, ist eine von bisher über 900 Betroffenen, die von ihrem gewalttätigen Ehemann ins Frauenhaus Nordschwaben geflüchtet sind. Seit 1994 gibt es die Zuflucht für von physischer, psychischer oder sexueller Gewalt betroffene Frauen, die in ihrem eigenen Zuhause vor Schlägen, Fausthieben und Tritten nicht sicher sind (lesen Sie dazu: Zu wenig Plätze: Freistaat will mehr Geld in Frauenhäuser stecken ). Laut Statistik des Frauenhauses ist es zu 63 Prozent der eigene Ehemann oder Lebenspartner, der prügelt, gegen die Wand schubst, vergewaltigt, Rippen bricht, Veilchen verpasst. Meist ist die psychische Gewalt nicht weniger schmerzhaft. Wenn sich die Frau aus dieser Situation befreien will, ist die geheime Adresse des Frauenhauses ihre Rettung.

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So war es auch bei Stella. 2009 versuchte sie das erste Mal sich von ihrem prügelndem Ehemann zu lösen. Die beiden kannten sich von der Ausbildung. Anfangs war die Liebe wie ein Rausch, nur sechs Wochen nachdem die beiden ein Paar wurden, heirateten sie. Stella hoffte auf eine gemeinsame Zukunft, auf eine gemeinsame Familie. Endlich. Denn sie selbst musste ohne Eltern und ihre Geschwister aufwachsen.

Die Schlägen blieben - und Stella blieb auch

Doch der Höhenflug wurde jäh beendet. Vor allem, wenn ihr Mann wieder getrunken hatte, fing er an zu schreien, sie zu schubsen, es rutschte mal die Hand aus. Am nächsten Tag sollte sie ihm verzeihen – und sie tat es. Die Schläge blieben und Stella blieb auch. Als ihr Mann inhaftiert wurde, weil er wegen Betrugs verurteilt wurde, war es für sie eine Befreiung. Wie Luftholen nach einer langen Zeit unter Wasser. Als er wieder entlassen wurde und wieder Kontakt zu ihr suchte, floh sie das erste Mal ins Frauenhaus. Sie floh vor ihrem eigenen Ehemann.

Die Mehrzahl der Opfer, die im Frauenhaus Nordschwaben Unterschlupf finden, melden sich nicht selbst. Professionelle Dienste oder Freunde bringen die Frauen in die Zuflucht. „Anfangs haben sich viele Frauen nachts über den Notruf gemeldet“, erklärt Lotte Hins, die seit 25 Jahren als Ehrenamtliche im Frauenhaus arbeitet und Stella seit 2017 begleitet. Heute melden sich die Betroffenen öfters tagsüber, wenn der Mann aus dem Haus ist. Die Entscheidung, dass sie weg müssen von der Gewalt, ist langsam in ihnen gereift. Sie planen, wann der beste Zeitpunkt ist.

Dann packen sie das Nötigste: Kleidung, Papiere, Geld, Erinnerungsstücke – alles, was einem wirklich wichtig ist und für das neue Leben gebraucht wird. Was zurückbleibt kann schon wieder Anlass für Kontakt und damit für die Gefahr einer Rückkehr zum Mann sein, erklärt Hins. Dass das nicht selten passiert, belegt die Statistik. Jede vierte Betroffene, die ins Frauenhaus geflohen ist, kehrt zu ihrem Partner zurück. So auch Stella.

Es gibt klare Regeln: Kein Besuch, kein Alkohol, niemand darf die Adresse wissen

Neun Monate lebt die junge Frau aus dem Landkreis das erste Mal im Frauenhaus Nordschwaben. Sie hat ein Zimmer für sich. Bad, Küche, Ess- und Wohnzimmer, Waschmaschine und Fernseher teilt sie mit den anderen Frauen. Sie muss sich – wie die anderen Betroffenen an die Regeln halten: Wenn sie das Haus verlässt, muss sie sich mit den anderen absprechen, wer sie wieder reinlässt. Ein Hausschlüssel wird nicht herausgegeben. Niemand darf die Adresse weitergeben, Kinder dürfen nicht ans Telefon. Besuch ist nicht gestattet. Jeden Morgen beim Frühstück wird verabredet, wer putzt und aufräumt. Alkohol ist verboten.

„Damals war das Haus proppenvoll. Kinder waren auch noch da. Das war schon ziemlich laut und anstrengend“, sagt Stella, die im Haus lieber ihre Zimmertür zumacht. Für sie war damals klar, dass sie schnell auf eigenen Füßen stehen will. Die zwei Sozialpädagoginnen und die Erzieherin im Frauenhaus helfen ihr, den Weg aus den Schulden zu finden. Sie findet eine Arbeitsstelle als Reinigungskraft, kann sich eine kleine Wohnung leisten. Sie lebt schon fast wieder ein halbes Jahr außerhalb des Frauenhauses, als der Kontakt zu ihrem Mann wieder auflebt. „Er hat mir Nachrichten aufs Handy geschickt. Und irgendwie hat er wieder die richtigen Knöpfe gedrückt“, sagt sie. Sie schaut unsicher, weil sie weiß, wie ungläubig das Gegenüber auf die Geschichte reagiert. Auch damals ist ihr Mann wieder in Haft. Doch beim ersten Ausgang wird Stella schwanger. Das Kind kommt auf die Welt, da ist der Vater noch im Gefängnis.

Der Mann gibt sich geläutert - „Es ist perfekt“, sagt Stella

Vielleicht ist es das Baby, dass erstmal viel ändert. Der Ehemann gibt sich geläutert, hört auf zu trinken, sucht sich eine Arbeit, kauft ein Auto. Sie finden in Nördlingen ein kleines Haus zur Miete und bauen sich ein Nest. „Es war perfekt“, sagt Stella und wenn sie davon erzählt, leuchten ihre Augen. Ihre kleine Welt war so, wie sie es sich immer gewünscht hat. Ein Zuhause, ein Garten, ein Ort, wo man hingehört. Jahrelang hat sie alles dafür getan, dass es so bleibt. „Ich hab halt geschaut, dass alles läuft.“ sagt sie. Dann wird sie ernst. Denn sie weiß, wie die Geschichte ausgeht.

Zu leicht ist es für ihren Mann, wieder die alten Geschäfte zu machen. Zu schwer, dem Alkohol zu entsagen. Auf Montage wird er betrunken am Steuer erwischt. Das Auto, der Führerschein und der Job sind futsch. Zuhause bekommt es Stella ab. Er schlägt zu, würgt sie, drückt sie an die Wand. Wie genau es jedes Mal abläuft – sie weiß es gar nicht mehr. Alles ist für sie ein Brei aus Angst und Schlägen.

Die kleine Familie muss das Haus aufgeben, Stella schafft den Absprung nicht und zieht mit in eine Wohnung, verkauft alles, damit die Familie die drei Monate finanziell überbrückt, bis ihr Mann Hartz IV beziehen kann. „Es ging immer mehr bergab“, sagt sie trocken und versucht zu überspielen, dass gleich die erste Träne kullert.

Acht Jahre nach der ersten Flucht ins Frauenhaus sucht sie wieder Schutz

Acht Jahre nach der ersten Flucht ins Frauenhaus, sucht sie dort wieder Schutz und Hilfe. Sie ist erschöpft, kraftlos, ernüchtert. Der Gedanke zu fliehen ist schon länger in ihrem Kopf. Doch das Kind bindet sie. „Ich wollte alles retten“, sagt Stella. „Aber es funktionierte nicht. Ich wollte endlich Frieden“, sagt sie. Als sich auch noch ihr Kind abwendet, es dem Papa gleich tut und sie beschimpft und schlägt, geht sie. Es ist das Jahr 2017. Für Stella ein gutes Jahr, denn sie schafft einen Neuanfang. Nach Monaten der Ruhe, Besinnung auf sich selbst und Erholung im Frauenhaus schöpft sie neuen Mut. Das Team hilft ihr, motiviert sie die Arbeitsstelle wieder aufzunehmen, die sie für ihren Mann aufgegeben hatte. Heute verdient sie einen schmalen Lohn, er reicht für eine kleine Wohnung in Donauwörth, ihr kleines, selbstbestimmtes Leben. Ihr Sohn lebt beim Vater.

Was sie sich für die Zukunft wünscht? Stella muss überlegen. Vermutlich hat sie das lange keiner gefragt. Es ging immer nur um die anderen. „Ich möchte meine Wohnung behalten und in meine Arbeit gehen. Das gefällt mir und die Kollegen sind gut zu mir“, sagt sie. Und sie will mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen. Seitdem es eine Zeit Funkstille gab, habe sich das Verhältnis verbessert. Und noch was will sie erzählen, die zarte, kämpferische Stella: „Ich will die Scheidung durchziehen.“

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