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Kissing

23.03.2019

Der blinde Masseur aus Kissing

Nino Murolo arbeitet in Kissing als Physiotherapeut. Er ist blind und auf technische Hilfe angewiesen. Der gebürtige Italiener ist Fan des Fußballvereins SSC Neapel, was in seinem Behandlungszimmer unschwer zu erkennen ist.
Bild: Bernhard Weizenegger

Carmine Nino Murolo verlor vor über zwei Jahrzehnten sein Augenlicht. Trotzdem arbeitet er als Masseur.

Digitalisierung – allein das Wort löst heute bei vielen Menschen inzwischen gemischte Gefühle aus. Manche haben Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Carmine Nino Murolo gehört nicht zu ihnen. Für ihn ist der technische Fortschritt die einzige Möglichkeit, überhaupt arbeiten zu können.

Murolos Leben wird von fremden Stimmen kontrolliert. Sie sind in seinem Kopf, er hört sie jeden Tag und zu jeder Zeit. Manchmal ist es nur ein unverständliches Murmeln, dann wieder eine strenge Aufforderung. Der 48-Jährige hat lange gebraucht, um sich an sie zu gewöhnen. Manchmal, wenn er das Gefühl hat, dass sein Kopf platzt, wünscht er sich Stille. Doch er kann die Stimmen nicht abschalten. Ohne sie wäre er hilflos: Die blechernen Stimmen gehören zu Theorg, Alice, Bixby und Alexa. Sie sind seine Kollegen, seine Sekretäre, seine Vertrauten. Und vertrauen muss der gebürtige Italiener auf das, was sie ihm sagen, denn sehen kann er nicht. Eine Autoimmunkrankheit ließ ihn erblinden – die Stimmen aus seinen technischen Hilfsmitteln sind der Grund, dass Murolo heute wieder arbeiten kann. Letztes Jahr hat er sich als medizinischer Masseur in Kissing selbstständig gemacht.

Blinder Masseur: Am Computer kennt er jeden Handgriff auswendig

Konzentriert und routiniert tippt der Mann, dessen Augen von einer verspiegelten Sonnenbrille verdeckt werden, auf der Tastatur seines PC, er kennt jeden Handgriff auswendig. Eine harte Computerstimme ertönt, er unterbricht seine Arbeit: „Nächster Termin: Nadine, 17 Uhr: Lymphdrainage“. Ein Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus: „Theorg ist mein Gedächtnis! Der Kerl weiß besser Bescheid als wir alle zusammen.“ Durch die helle Praxis schallt das Gelächter seiner menschlichen Kollegen. Tatsächlich ist Theorg ein Kalendersystem mit Sprachausgabe, das die Organisation der ganzen Praxis übernommen hat. Nicht nur für Murolo, sondern für alle Therapeuten. „Wir sind alle faul, Theorg erledigt unsere Arbeit.“ Wieder wird gelacht.

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Auf den ersten Blick sieht Murolos Behandlungszimmer nicht anders aus als das seiner Kollegen: eine Liege, Handtücher, Öle. Erst durch genaues Hinsehen fallen die vielen schwarzen Kabel auf, mehrere Computer, Handys, Lautsprecher – Brummen und Piepen durchbrechen den Gesang von Gianna Nannini aus dem Radio in der Ecke. Bei seinem Termin mit Nadine mus der 48-Jährige mit Ultraschall arbeiten. Auch dieses Gerät spricht, pfeift, vibriert und signalisiert, was zu tun ist. Jedes Programm hat einen anderen Ton, jede Anweisung wird formuliert. „Wenn das Gerät nicht mit mir sprechen würde, könnte ich Nadine nicht behandeln.“

Ultraschallgerät würde für den blinden Murolo extra umgerüstet

Ein normales Ultraschallgerät spricht nicht. Damit es das für Nino tut, musste es für 20000 Euro umgebaut werden. Während Murolo die Liege neu bespannt, meldet sich Alice, die persönliche Sprachassistentin seines Handys, zu Wort. Wie auf Knopfdruck verharrt er, um zuzuhören. Alice liest die aktuelle Push-Nachricht über Diesel-Fahrverbote vor. Als sie verstummt, nimmt Murolo die Vorbereitung wieder auf, als wäre nichts passiert. Absolut sicher stöpselt, drückt und tippt er auf das Gerät, während er von dem Tag erzählt, als Theorg nicht mehr funktionieren wollte. Die ganze Praxis war wie gelähmt, keiner konnte mehr arbeiten. „Erst da haben wir gemerkt, wie abhängig wir alle uns von dieser Maschine gemacht haben.“ Murolo schüttelt den Kopf. Natürlich erleichtere ihm die Technik sein Arbeitsleben, aber sie diktiere es auch. „Es wäre schön, die Technologie manchmal komplett abschalten zu können, um ein bisschen freier zu sein. Doch ohne sie wäre ich noch gefangener.“

Am Nikolaustag vor 24 Jahren hat Nino sein Augenlicht verloren. Er kam aus seiner Heimat an der Amalfitana nach Deutschland. In Italien war er Elektriker – als Blinder im fremden Land erst mal arbeitslos. Ein neues Leben und ein neuer Beruf. „Ich musste noch mal von vorne anfangen. Das war hart, aber es hat auch Spaß gemacht.“ Gefäße, Muskeln, Knochen – all das musste der Italiener in der Ausbildung neu lernen. Seine Sprachassistenten und Lerncomputer haben ihm geholfen, sich den menschlichen Körper perfekt einprägen zu können.

Roboter helfen Schwerbehinderte am Arbeitsplatz zu integrieren

Murolo ist nicht der Einzige, der durch technische Hilfsmittel wieder normal arbeiten kann. Das AQUIAS-Projekt beispielsweise, eine Zusammenarbeit des Fraunhofer-Instituts und des Technikkonzerns Bosch, machte 2017 den ersten Mensch-Roboter-Arbeitsplatz Deutschlands möglich, der speziell für die Integration von Schwerbehinderten entwickelt wurde. „Roboter und Mensch sollen Hand in Hand arbeiten und voneinander lernen.“ So formuliert David Kremer, Projektleiter der Abteilung Arbeitswirtschaft des Fraunhofer-Instituts, das Berufsziel der Zukunft.

Auch Murolo setzt darauf, dass die Technik sein Leben noch weiter verbessert: „Es wäre fantastisch, einen Bildschirm zu haben, auf dem der Körper des Patienten dreidimensional heraustritt und ich die Muskeln und Fasern fühlen könnte.“ Dann könnte er mit den Händen „sehen“. Sein Traum aber wäre ein bionisches Auge, auch wenn die Forschung vermutlich erst in Jahrzehnten so weit sein wird. Doch er gibt die Hoffnung nicht auf: „Dann habe ich Mikrochips im Auge und werde selbst eine Maschine.“ Wieder sein strahlendes Grinsen. Dann könnte er sogar sehen, wer sich hinter all den Stimmen in seinem Leben verbirgt.

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