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Mering

23.08.2019

Sie schreibt über die Vertriebenen in Mering

Über die Ankunft der Flüchtlinge in Mering nach Kriegsende kann Maria Kretschmer aus eigener Erfahrung berichten. Hier zeigt sie in einem Buch ein Foto ihres Bruders Heinrich vor dem väterlichen Geschäft in der Heimat.
Foto: Heike John

In Mähren durfte Maria Kretschmer ein Jahr lang nicht in die Schule gehen. In Mering unterrichtete sie später selbst Generationen von Kindern.

Was die Meringer Heimatgeschichte betrifft, gehört Maria Kretschmer zum Kreis der wichtigen Ansprechpartner in der Marktgemeinde. In ihrem Haus birgt sie einen großen Schatz an Erinnerungen an die Vergangenheit. Dabei ist die knapp 80-Jährige gar keine gebürtige Meringerin.

Sie kam im Mai 1945 zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder als Vertriebene aus dem Sudetenland nach Mering. Und darin sieht Maria Kretschmer auch den Grund, warum ihr Geschichte und Heimatkunde so viel bedeutet. „Das hat mich immer am meisten interessiert, denn in Gedanken war ich oft in der Heimat meiner Kindheit.“ Und darum gehört sie auch zum Autorenstamm der Meringer Ortschronik, die anlässlich des tausendjährigen Jubiläums der Marktgemeinde 2021 erscheinen soll. Was die Schulgeschichte betrifft, arbeitet sie der Autorin Elisabeth Lukas-Goetz zu.

Jeder in Mering musste Flüchtlinge aufnehmen

Zum Thema „Vertriebene in Mering“ kann sie aus eigener Erfahrung viel berichten. Ihre ganz persönlichen Erlebnisse werden in der Chronik im Detail allerdings nicht zu lesen sein. Über Fürth und Augsburg kam sie in einer Gruppe von rund 30 Personen nach Mering. „Allein drei Familien aus unserem Dorf kamen mit hierher“, erzählt Maria Kretschmer.

Übernachtet wurde zunächst am Boden im Saal des Bayerischen Löwen. Am nächsten Tag saß die ganze Flüchtlingsgruppe mit ihrem spärlichen Gepäck im Hof, und die Meringer kamen vorbei und suchten sich Leute aus. Jeder musste damals Flüchtlinge aufnehmen.

Maria Kreschmer erinnert sich: gekocht wurde auf dem Flur

„Unser Vater war schwer rheumakrank, wir Kinder noch jung, aber die Mutter sah kräftig aus, und so nahm ein Bauer aus Meringerzell uns mit.“ Ein paar Monate später bezog die Familie in der Meringer Kirchstraße zu viert eine Kammer.

Gekocht wurde auf dem Flur, aber als ein Teil der Decke runterkam, zog man in den Saal vom Greifhans um, wo zwei Zimmer abgetrennt wurden. „Wir sind bis heute befreundet“, sagt Maria Kretschmer. Später gab es eine Kreiswohnung in der Nordendstraße. „Eine abgeschlossene Wohnung mit eigenem Bad, wir haben uns gefühlt wie im Paradies“, erinnert sich Kretschmer. Die Mutter war Alleinverdiener, arbeitete erst in der Ziegelei, dann in der Kleiderfabrik Gruny als Näherin.

Die Kinder der Vertriebenen füllten die Schulklassen

Maria Kretschmer durfte wieder in die Schule gehen, nachdem sie als Deutsche in ihrer böhmischen Heimat Stachenwald, heute eingemeindet zum tschechischen Fulneck, ein Jahr lang keine Schule besuchen konnte. „Die Kinder der Flüchtlinge und Vertriebenen füllten die Schulklassen zu einer heute unvorstellbaren Klassenstärke“, schreibt Maria Kretschmer für die Meringer Chronik nieder.

Zunächst zurückversetzt in die fünfte Klasse konnte sie schnell in die sechste Klasse aufrücken. Eine Klosterschwester machte sich dann stark dafür, dass sie trotz großer Geldknappheit in der Familie genauso wie ihr Bruder auch in die Oberschule nach Augsburg gehen durfte.

Bei den Englischen Fräulein erwarb sie den Grundstein für ihr späteres Lehrerstudium. 41 Dienstjahre absolvierte sie. Zunächst war Maria Kretschmer fünf Jahre in der Landschule in Schmiechen, wo die Klassen 1 bis 4 gemeinsam unterrichtet wurden, dann in der Mädchen-Volksschule in Mering, später in der gemischten Hauptschule.

In Heimatkunde machte sie viele Exkursionen mit ihren Schülern. „In Mering ging das wunderbar, denn es gab vor Ort die Ziegelei, die Blumentopfabrik und die Keramikwerkstatt“, erzählt sie. Als Konrektorin hatte sie auch Zugriff auf die Zensurbücher der Schule, die für jetzige Recherchen sehr wertvoll sind. „Leider haben wir kein richtiges Schularchiv“ bedauert Kretschmer.

Maria Kretschmer ist auch fürs Pfarrarchiv aktiv

Auch im Pfarrarchiv in der ehemaligen Bücherei im Papst-Johannes-Haus ist sie gelegentlich noch zugange. Ihre dortige Nachfolge haben Renatus Scheglmann und Josef Halla angetreten. Als Mitglied im historischen Arbeitskreis der Pfarrgemeinde St. Michael kann sie wertvolle Beiträge liefern. „Somit schließt sich der Kreis. Was es nur für Fügungen gibt!“, staunt Maria Kretschmer immer wieder.

Mering liegt der fast 80-Jährigen sehr am Herzen. Aber ihre Kuhländler Tracht trägt sie noch immer mit Stolz bei vielen Anlässen. Und natürlich hat sie auch die Zeitung der Sudetendeutschen Landsmannschaft abonniert.

Hintergrund In lockerer Folge soll an dieser Stelle über Themen berichtet werden, die in der Meringer Ortschronik aufgegriffen werden. Diese erscheint zum tausendjährigen Jubiläum der Marktgemeinde im Jahr 2021.

Lesen Sie dazu auch die erste Folge: Als in Mering noch der „Eiskönig“ regierte und den Artikel: Die Meringer Ortschronik wird ein „dicker Wälzer“

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