Newsticker

Merkel warnt: "Wir riskieren gerade alles, was wir in den letzten Monaten erreicht haben"
  1. Startseite
  2. Geld & Leben
  3. Wie gefährlich sind Handdesinfektionsmittel?

Giftiges Methanol

05.08.2020

Wie gefährlich sind Handdesinfektionsmittel?

Wie sicher sind Desinfektionsmitteln in Deutschland?
Bild: Christin Klose, dpa-tmn

In den USA werden zahlreiche Handdesinfektionsmittel zurückgerufen, weil sie gefährliches Methanol enthalten. Wie sicher sind diese Produkte in Deutschland?

In Zeiten wie diesen, in denen die ganze Welt Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus hat, sind Handdesinfektionsmittel äußerst begehrt - zeitweise waren sie in Deutschland sogar in vielen Supermärkten und Apotheken ausverkauft. Auch in den USA stieg die Nachfrage nach Handdesinfektionsmitteln rasant an. Doch nun ruft die Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten (FDA) dutzende dieser Produkte zurück. Der Grund: Viele der Handdesinfektionsmittel enthalten nicht Ethanol, wie auf dem Etikett angegeben, sondern Methanol.

Methanol ist potentiell lebensbedrohlich und kann auch über die Haut aufgenommen werden

Methanol kann lebensbedrohliche Folgen nach sich ziehen, wenn es getrunken wird: Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) drohen schwere irreversible Gesundheitsschäden wie zum Beispiel Erblinden, aber auch Nervenschäden und bei extremen Vergiftungen sogar der Tod. Methanol kann allerdings auch durch die Haut aufgenommen werden. Doch wie gefährlich ist das? "Prinzipiell kann die Aufnahme über die Haut auch zu solchen Vergiftungserscheinungen führen, wahrscheinlich allerdings erst in hohen Konzentrationen beziehungsweise Mengen und längerer Einwirkung", heißt es seitens des BfR. Das BfR habe jedoch keine eigene Risikobewertung hinsichtlich der Hautaufnahme von Methanol vorgenommen, da Zulassungen für entsprechende Händedesinfektionsmittel in Deutschland nicht beantragt wurden. Das Bundesinstitut verweist deshalb auf das Gefahrstoffinformationssystem der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Dort heißt es, dass von einer "hohen perkutanen Resorption" - also einer starken Aufnahme des Stoffes über die Haut - ausgegangen werden sollte.

Aus diesem Grund sollte Methanol nicht in Handdesinfektionsmitteln enthalten sein, warnt auch die FDA. Offenbar ist genau dies jetzt allerdings in den USA der Fall. Könnte das also auch in Deutschland passieren?

Alle Inhaltsstoffe von Biozid-Produkten müssen dem Bundesinstitut für Risikobewertung mitgeteilt werden

In Deutschland muss jeder, der ein Biozid-Produkt in den Verkehr bringt, dem Bundesinstitut für Risikobewertung die Produktinformationen zur Verfügung stellen. Darunter fallen auch Apotheken, die selbst Handdesinfektionsmittel herstellen. Biozid-Produkte sind Produkte, die schädliche Organismen zerstören oder abschrecken, also fallen auch Handdesinfektionsmittel darunter.

Ist Methanol denn grundsätzlich als Inhaltsstoff verboten? "Methanol darf in der EU nicht als Biozidwirkstoff eingesetzt werden. Methanol darf auch nicht eingesetzt werden, um Ethanol zu vergällen. Beistoffzusätze von Methanol wären aber grundsätzlich in geringen Konzentrationen möglich" sagt ein BfR-Pressesprecher. Dem Bundesinstitut sind ihm zufolge jedoch keine Produkte zur Händedesinfektion in Deutschland bekannt, die Methanol enthalten.

 

Das BfR sei allerdings keine Überwachungsbehörde. Das Institut stelle lediglich Informationen über die Zusammensetzung der Produkte für Giftinformationszentren bereit, erklärt der Sprecher weiter. Im Falle eines Giftnotrufs können diese Zentren dann auf Basis dieser Informationen eine medizinische Beratung geben.

Die Überwachung von Produkten und Lebensmitteln ist in Deutschland Ländersache. In Bayern ist dafür grundsätzlich das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) zuständig. Da es sich bei Handdesinfektionsmitteln jedoch in vielen Fällen um Biozide handelt, liegt die Zuständigkeit für die Einhaltung der sogenannten Biozid-Verordnung laut LGL beim Gewerbeaufsichtsamt bei der Regierung von Oberfranken in Coburg.

Gewerbeaufsichtsamt: Keine Fälle von Methanol-Desinfektionsmitteln bekannt

"Die Verantwortung für die Einhaltung der gesetzlichen Anforderungen liegt bei den Herstellern beziehungsweise Inverkehrbringern der Biozid-Produkte und wird von der Bayerischen Gewerbeaufsicht im Rahmen der Marktüberwachung überprüft", sagt eine Pressesprecherin der Regierung von Oberfranken. Der Regierung seien bis jetzt keine Fälle von mit Methanol verunreinigten Desinfektionsmitteln bekannt.

Im Moment laufe außerdem die bayernweite Kampagne "ProduktCHECK Corona" des Verbraucherschutzministeriums. Im Rahmen dieser Kampagne werden Desinfektionsmittel von der Gewerbeaufsicht überprüft. "Desinfektionsmittel, welche die rechtlichen Vorgaben nicht erfüllen, werden vom Markt genommen. Besteht zudem eine ernste Gefahr für die Verbraucher, wird zusätzlich eine Verbraucherwarnung über das europäische Schnellwarn-System eingeleitet", erklärt die Sprecherin.

Was macht Methanol so gefährlich?

"Methanol wird in der Leber langsam zu Formaldehyd und Ameisensäure verstoffwechselt. Da die Ausscheidung der Stoffwechselprodukte ebenfalls langsam erfolgt, verbleiben die Stoffe lange im Organismus", erklärt ein Pressesprecher des BfR. "Die Ameisensäure führt zu einer Entgleisung des Säure-Base-Haushalts und einem Absinken des pH-Werts im Blut. Formaldehyd ist die Ursache für die Schäden am Auge, am Nervensystem und an weiteren inneren Organen."

Ist der Gebrauch von Desinfektionsmittel ratsam?

Der Pressesprecher des Bundesinstituts für Risikoforschung empfiehlt, mit Desinfektionsmitteln sparsam umzugehen. "Waschen mit Seife ist das Mittel der Wahl", sagt er. Denn der Gebrauch von Desinfektionsmitteln könne viele Resistenzen nach sich ziehen. Das heißt, Mikroorganismen können gegen das Desinfektionsmittel resistent werden und dieses wirkt dann nicht mehr. Grundsätzlich verteufeln will er Desinfektionsmittel aber nicht.

Das könnte Sie auch interessieren:

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren