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Skifahren am Arlberg

18.02.2020

Hochwürden Pfarrer Müller war der erste Freerider am Arlberg

Pfarrer Johann Müller war der erste Skifahrer in den Alpen.
Bild: Warth Tourismus

In Warth am Arlberg übte der Pfarrer Müller Ende des 19. Jahrhunderts heimlich das Skifahren. Heute kann man auf seiner Route in den legendären Skiort Lech fahren. Durch eine Region, die von und mit dem Schnee lebt

Über Nacht hat es geschneit, doch jetzt ziehen die Wolken langsam ab. Es scheint so, als würde die Sonne sie einfach verdampfen. Tags zuvor wirkte bei Nebel und Sturm alles noch grau, jetzt dagegen leuchtet die Landschaft weiß. Hubert Strolz hat es nicht lange auf der Skipiste gehalten. Kurz nach der Bergstation der Salober-Sesselbahn zieht er nach links weg und quert die sonnigen Hänge unter dem felsigen Auenfelder Horn. Dann öffnet sich nach unten hin ein unberührter Hang. Er zieht die ersten Spuren in den frischen Schnee. In der Ferne sind die breiten Pisten von Lech zu sehen, dem legendären Arlberger Skiort.

Hubert Strolz, 58, kennt sich aus. In den Bergen rund um den Arlberg – und mit dem Skifahren. Er ist in Warth am Arlberg geboren. Bei den Olympischen Spielen in Calgary hat er 1988 eine Goldmedaille geholt, in der Kombinationswertung aus Abfahrt und Slalom. Er findet auch dann noch fast unberührte Tiefschneehänge, wenn die bekannteren Routen längst zerfahren sind. Heute verbindet eine Gondelbahn das Skigebiet Warth-Schröcken mit Lech. Wer abseits der Piste sicher unterwegs ist, kann auf die Gondel aber verzichten – und erlebt einen landschaftlichen Hochgenuss. Hubert Strolz führt immer wieder Skifahrer auf diesem Weg nach Lech. Sogar einen Namen gibt es inzwischen für diese besondere Freeride-Variante, sie wurde von den Touristikern „Pfarrer-Müller-Tour“ getauft.

Hier spurt Oympiasieger Hubert Strolz unterhalb des Warther Horns auf historischen Spuren.
Bild: Jörg Heinzle

Glaubt man den Erzählungen, dann war es Johann Müller, der Ortspfarrer von Warth, der Ende des 19. Jahrhunderts als Erster das Skifahren an den Arlberg brachte. Er soll, so erzählen es die Einheimischen, vom Skifahren in Skandinavien gelesen und sich deshalb im Jahr 1894 Skier bestellt haben. Angeblich übte er nachts heimlich auf einer Wiese beim Pfarrhof, ehe er sich sicher genug fühlte, um mit den Skiern seinen Pfarrer-Kollegen in Lech zu besuchen. „Ich wartete bis Abend, um nicht gesehen und ausgelacht zu werden, und versuchte im großen Neuschnee des Pfarrwidums mein Glück. Doch – da lag ich schon im Schnee und so immer wieder bis gegen Mitternacht“, erinnerte sich Johann Müller 1948 in den Vorarlberger Nachrichten. Die Winter müssen einsam gewesen sein zu dieser Zeit in Warth. Der Ort war oft lange von der Außenwelt abgeschnitten.

Hochwürden Pfarrer Müller war der erste Freerider am Arlberg

Der "Schwoabanebel" bringt Neuschnee an den Arlberg

Mit dem Schnee kennen sie sich deshalb aus, hier oben, auf 1500 Meter über dem Meer. Thomas Walch, der Chef des Hotels Walserberg in Warth, schaut heute zwar auch die Wetter-App seines Handys. Doch er kennt sie noch, die alten Weisheiten über den Schnee, die sich die Bewohner der Arlbergregion über Generationen weitergegeben haben. Das „Schneeblühen“ etwa – wenn viele klein zerrupfte Wölkchen den Himmel bedecken – ist ein Zeichen, dass es in einigen Tagen Neuschnee geben wird. Auch der „Schwoabanebel“ – also Wolken, die vom Schwäbischen her gen Arlberg ziehen – bringt frischen Schnee.

War der meterhohe Schnee hier früher für die Bewohner, die alle Landwirtschaft betrieben haben, vor allem eine Last, so ist er heute das wichtigste Gut der Menschen in der Gemeine Warth. Fast alle hier leben irgendwie vom Tourismus, vor allem vom Wintersport. Auch Hubert Strolz. Er betreibt mit seiner Frau eine Landwirtschaft, er hat die Skischule geleitet und er vermietet Ferienwohnungen. Die Klimaerwärmung spüren sie auch hier oben. Es regnet jetzt auch immer wieder mal mitten im Winter. Und es gibt mehr warme Tage. Doch der Schnee lässt sie bis jetzt nicht im Stich. Auch in diesem warmen und schneearmen Winter liegt Anfang Februar an der offiziellen Messstation am Körbersee mehr als ein Meter Naturschnee. In vielen anderen Wintersportorten können sie davon nur träumen.

Olympiasieger Hubert Strolz führt Gäste auf der historischen Route von Pfarrer Müller von Warth nach Lech.
Bild: Jörg Heinzle

Ulrike Schlierenzauer, die am 1675 Meter hoch gelegenen Körbersee mit ihrer Familie ein Hotel betreibt, betreut die Wetterstation. Jeden Morgen geht sie aus dem Haus, liest die Werte ab und meldet sie per Internet. Die Daten fließen dann ein in den Lawinen-Warnbericht, der jeden Tag neu erstellt wird. Der Schnee, sagt sie, sei trotz Klimawandel in den vergangenen Jahren nicht weniger geworden. Was ihr auffällt: Im Sommer war es früher in jedem Monat zumindest kurzzeitig weiß, auch im Juli oder August. Das gibt es jetzt nur noch seltener. Aber im Durchschnitt gibt es pro Winter hier oben noch immer rund elf Meter Neuschnee. Der Schnee türmt sich natürlich nicht so hoch auf. Neu gefallener Schnee setzt sich mit der Zeit, es gibt zwischendurch auch mal Tauwetter – und inzwischen öfter auch mal Regen. Aber auf mindestens einen Meter Schneehöhe bringen sie es hier oben eigentlich in jedem Winter. Und schneit es viel, dann können es schon auch mal vier Meter werden.

Auf weiten Südhängen geht es nach Lech

Dass der Arlberger Ski-Pionier Pfarrer Müller vor über 100 Jahren gut in Lech angekommen ist, hatte er wohl auch dem Glück zu verdanken. Heute gibt es Technik, die den Skifahrern im Ernstfall helfen soll. Lawinen sind die größte Gefahr für Skifahrer im freien Gelände. Hubert Strolz nimmt auf die „Pfarrer-Müller-Tour“ nur Skifahrer mit, die mit einem sogenannten Pieps ausgestattet sind. Das ist ein Gerät, dass Funksignale abgibt und empfängt. Wird ein Skifahrer verschüttet, kann man ihn unter dem Schnee orten und versuchen, ihn zu befreien. Auch eine Schaufel hat deshalb jeder dabei, und eine Sonde, ein Stab, mit dem man im Schnee nach einem verschütteten Menschen stochern kann. Weil es am Vortag kräftig gestürmt hat, will Hubert Strolz kein Risiko eingehen. Zu stark hat es den Schnee „verfrachtet“, erklärt er. An manchen Stellen ist fast kein Schnee mehr, weil er weggeblasen wurde. An anderen Stellen dagegen türmt er sich plötzlich hoch auf und kann Lawinen auslösen. Er geht mit seiner Gruppe zwar in den Tiefschnee, die ganze Runde auf den Spuren des Warther Pfarrers macht er an diesem Tag aber nicht. Die Sicherheit geht vor. Das müssen die Skiführer hier

auch immer wieder Urlaubern erklären, die sich lange auf die Tour gefreut haben. Hubert Strolz sagt: „Wenn dann das Wetter nicht mitspielt, ist es natürlich ärgerlich, aber man darf da keine Kompromisse machen.“

Schöne weite Tiefschneehänge erfreuen auf dem Weg nach Lech.
Bild: Jörg Heinzle

Passen Wetter und Schnee, dann führt die Tiefschneetour von Warth aus unterhalb des Warther Horns entlang auf weiten Südhängen in Richtung Lech. Oben am Berg liegt die kleine Siedlung Bürstegg. Zu Pfarrer Müllers Zeiten lebten hier das ganze Jahr Menschen. Mit den Skiern konnte er sie auch im Winter besuchen. Heute wird die Siedlung nur noch im Sommer als Alpe bewirtschaftet. Lech war Ende des 19. Jahrhunderts auch noch nicht der Edel-Skiort mit Boutiquen und teuren Hotels, der er heute ist. Zwischen all den Urlaubern mit teuren Sonnenbrillen und Designer-Winterkleidung kann man sich den Bergpfarrer mit seinen bescheidenen Holzskiern auch nur schwer vor stellen. Die Arlbergregion hat sich sich in den vergangenen gut 100 Jahren massiv weiterentwickelt – dank des Schnees.

Warth profitiert durch den Anschluss an den Arlberg

Als Pfarrer Müller seine Spuren in den Schnee zog, war es einsam um ihn auf den Hängen. Heute gibt es hier rund 300 Kilometer Pisten und 88 Lifte und Bahnen – alles miteinander verbunden. Das Skigebiet von Warth und Schröcken lag dabei lange etwas im Schatten. Zwar waren die Lifte von Lech in Sichtweite, doch eine Skigebietsverbindung kam viele Jahre nicht zustande. Seit sieben Jahren aber gibt es nun eine Bahn mit Zehner-Gondeln, die Skifahrer zwischen den beiden Skigebieten hin- und herschweben lässt. Vom dem Zusammenschluss haben sie in Warth profitiert, ist Hubert Strolz überzeugt. „Wir sind damit ein Teil des Arlbergs“, sagt er. Im Wettbewerb um Winterurlauber ist der Arlberg eine Marke von unbezahlbarem Wert, weltbekannt.

Um von Lech aus mit den Skiern zurück nach Warth zu kommen, braucht Hubert Strolz die Verbindungs-Gondel nicht. An der Bergstation der Rotschrofen-Sesselbahn zweigt er von einer Piste ab. Es folgten ein paar Querungen, dann einige Schwünge im Tiefschnee und eine Schussfahrt durch das Tal des Auenfelds. Nur ein paar Mal abstoßen mit den Stöcken und man ist zurück im Gebiet von Warth-Schröcken. Es gibt auch eine Variante, die bei stabilen Schnee- und Wetterverhältnissen deutlich mehr Nervenkitzel bietet. Es ist eine Freeride-Abfahrt vom Zuger Hochlicht aus nach Schröcken und von dort mit dem Skibus zurück nach Warth. Diese Route mit weiten Hängen, aber auch steilen und engen Rinnen ist nur etwas für gute Skifahrer. Das hätte seinerzeit wohl auch den Warther Pfarrer mit seinen Holzlatten überfordert. Abgesehen davon, dass der wagemutige Pfarrer auch keinen Skibus hatte, mit dem er einfach abkürzen konnte.

Weitere Infos

  • Die Pfarrer-Müller-Tour: Die Freeride-Tour auf den Spuren von Pfarrer Müller sollte man mit einem Skiführer angehen. Die Skischule Warth und die Schneesportschule Warth bieten die Tour an.
  • Übernachten: Das Vier-Sterne-Hotel Walserberg hat neben dem obligatorischen Wellnessbereich auch eine hauseigene Bäckerei.
  • Mehr über Skifahren am Arlberg lesen Sie hier.
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