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Neue Erfahrung

17.07.2018

Plötzlich Camper: Mit dem Wohnwagen an den Hopfensee

Der Hopfensee im Allgäu. Der Campingplatz dort zählt zu den besten Deutschlands.
Bild: dpa

Kleine Kiste, große Abenteuer. Der Anfänger merkt schnell: Ohne die richtige Technik an Bord knüpft man schnell Kontakte. Denn man ist auf Hilfe angewiesen

Kurt haben wir sie genannt, unsere kleine Kiste. Von außen sieht sie aus wie eine Schuhschachtel auf einem Anhänger. Aber es sind die inneren Werte, die Kurt so besonders machen: Kurt, der Wohnwagen, hält auf kleinstem Raum ein Stockbett für die Kinder und ein Doppelbett für die Eltern bereit, hat einen Kühlschrank, eine Toilette, eine Küchenzeile mit Spüle und jede Menge Stauraum. Kurt ist ein multifunktionales Raumwunder.

Der Wohnwagen wurde von der Familie Kurt getauft. 
Bild: Maximilian Czysz

Das erste Mal im Wohnwagen begann mit einem Abenteuer: Wir mussten die Nacht ohne Licht verbringen. Niemand hatte uns gesagt, dass es auf Campingplätzen unterschiedliche Stromanschlüsse gibt, über die der Caravan elektrisch versorgt wird. Die Rezeption am Hopfensee-Camping hatte bereits geschlossen und wir wollten die Hilfsbereitschaft der anderen Camper nicht noch einmal bemühen. Die Nachbarn waren bereits zur Stelle gewesen, um Kurt mit vereinten Kräften an den richtigen Platz zu schieben. Das war die erste von vielen Erfahrungen als Camper-Neulinge: Man hilft sich, jeder packt an. Doch jetzt war es zu spät, um nach einem geeigneten Stromadapter zu fragen. Was tun? Aus den Stirnlampen wurden Deckenleuchten – Licht aus und gute Nacht.

Bei Tageslicht war das Problem schnell gelöst. Kurt gingen mit dem richtigen Adapter sämtliche Lichter auf. Auch der Kühlschrank surrte. Nur die Spülung der Mini-Toilette wollte nicht so, wie wir wollten. Wie sich herausstellte, war die Saugpumpe defekt. Nach einigen Klicks im Internet fand sich ein entsprechender Eintrag und eine Anleitung, wie sich das Teil austauschen lässt.

Plötzlich Camper: Mit dem Wohnwagen an den Hopfensee

Technik spielt auf dem Campingplatz eine große Rolle

Überhaupt: Technik spielt auf dem Campingplatz eine große Rolle. Gerade die älteren Semester, die vielleicht früher noch mit Koffern auf dem Autodach über den Brenner zum Italien-Strandurlaub zuckelten, sind bestens ausgestattet. Die meisten gehen mit dem Tablet online und sind rund um die Uhr über die Wetterentwicklungen informiert. Und zur Abendunterhaltung läuft in den Wohnwagen oder -mobilen die Flimmerkiste. Dazu richtet sich automatisch die Satellitenschüssel auf dem Dach aus. Wer die nicht hat, stellt sich eine Art Wunderkugel vor den Wagen. Das ist eine receiverunabhängige vollautomatische Satelliten-Anlage, die sich auf Knopfdruck innerhalb von wenigen Minuten auf einen ausgewählten Satelliten ausrichtet. Die ganze Technik steckt unter einer aerodynamisch geformten Kunststoffhaube und kostet ein kleines Vermögen.

Auch die Rangierhilfen sind nicht billig: Das sind kleine Antriebsräder, die den Wohnwagen per Fernbedienung manövrieren – damit er millimetergenau und wie von Geisterhand bewegt an seinen Platz rollt. „Gerade im Herbst, wenn es nass und schlammig werden kann, hilft das“, erklärt Gerd aus dem Odenwald. Er ist zur Stelle, als uns am nächsten Morgen das Vorzelt mit seinen gefühlt hundert Teilen ein großes Rätsel aufgibt. Die Vorbesitzer von Kurt hatten es uns mit den Worten überlassen: „Eine Dreiviertelstunde Zeit braucht man dafür schon, wenn man etwas Übung hat. Und wenn man bis dahin nicht schon geschieden ist.“ Ohne Übung, aber dank Gerd, der wie alle auf dem Campingplatz geduzt wird, klappt es in einer Stunde. Und ganz ohne Scheidung.

Zuerst wird die dicke Plane in die spezielle Leiste am Wohnwagen eingeführt. Dann ist das schwere Gestänge an der Reihe. Nach und nach wird klar, was wohin gehört. Zuletzt die Plane über das Gerippe gezogen, verspannt, Seitenfenster eingehängt und fertig ist Kurts Vorbau. Das T-Shirt ist nach der Gestängebastelei klatschnass. Gerd, der kein Shirt trägt, beruhigt: „Wir haben alle mal angefangen. Beim nächsten Mal wird’s leichter.“ Gerd zieht übrigens ein Zelt mit modernem Leichtgestänge und dünner Außenhaut vor. „Das geht wesentlich schneller“, sagt er. Den neuen Luftzelten traut er nicht. Bei der Technik werden alle Stangen durch Luftschläuche ersetzt. Die Kammern werden mit einer Handpumpe oder einem Kompressor aufgepumpt. Sie sollen sehr robust und im Vergleich zu Fiberglasstangen auch stärker sein.

Für den Aufbau des Vorzeltes benötigt man als Profi eine Dreiviertelstunde.
Bild: Maximilian Czysz

Die Campingbranche wächst wie nie zuvor

Elf Jahre hat Kurt auf dem Buckel. Ein stolzes Alter für ein Gefährt in einer Branche, die sich im Augenblick zu überholen scheint. Reisemobile sind so gefragt wie noch nie. Der Geschäftsführer des Caravaning-Industrie-Verbands, Daniel Onggowinarso, erwartet, dass dieses Jahr in Deutschland 70.000 Freizeitfahrzeuge neu zugelassen werden, zehn Prozent mehr als 2017. Europaweit könnte die Marke von 200.000 geknackt werden. Deutschland bleibt der mit Abstand zulassungsstärkste Markt. Aktuell gibt es rund 1,4 Millionen Fahrzeuge, davon 420.000 zugelassene Reisemobile, 100.000 umgebaute und als Pkw zugelassene Reisemobile, 620.000 Caravans und etwa 260.000 Caravans auf Dauerstandplätzen. Die Zahlen stammen vom Wirtschaftswissenschaftlichen Institut für Fremdenverkehr an der Uni München. Camping mit jährlich 140 Millionen Übernachtungen und Tagesreisen ist mittlerweile wichtiger Wirtschaftsfaktor in Deutschland. Zuletzt gab es einen Umsatz von rund zwölf Milliarden Euro. Darüber dürfen sich übrigens alle Steuerzahler freuen. 2,3 Milliarden Euro davon nimmt der Staat aus Mehrwert-, Einkommens- sowie Lohnsteuer ein. Darüber hinaus gehen 219 Millionen Euro durch Gewerbesteuer, Grundsteuer, Tourismusbeiträge und andere Abgaben an die öffentliche Hand.

Dass die Branche diese Entwicklung nehmen wird, hatte vor 64 Jahren am Hopfensee niemand geahnt. Damals saßen Hans Röck, der Leiter des dortigen Reisebüros, Eduard Mayr und Jakob-Karl Marx am Stammtisch des Gasthofs Seeblick in Hopfen am See zusammen. Röck zog einen Brief aus seiner Tasche. Die Ortsgruppe München des Deutschen Camping-Clubs hatte geschrieben und bat um eine gemähte Wiese am Ufer des Hopfensees, um an Pfingsten zelten zu können.

Eduard Mayr war etwas zögerlich, erzählt Schwiegertochter Herta Mayr-Marx. Schließlich sei ja nicht bekannt gewesen, was da für Leute kommen. Jakob-Karl Marx meinte dagegen, dass möglichst viele kommen sollten. Sie alle sollten sehen, wie schön es am Hopfensee ist. Und sie kamen. Sie reisten mit dem Rad oder auch im Volkswagen ins Ostallgäu und bauten am Pfingstsamstag auf Mayrs Wiese ihre Zelte auf.

Kurt ist ein Raumwunder. Am Hopfensee besteht er seine Bewährungsprobe - ab Tag zwei auch mit elektrischem Licht.
Bild: Maximilian Czysz

Dann passierte es: Ein Gewitter zog auf. Der kleine Bach an der Wiese schwoll an und schwemmte Kleider und anderes Gepäck der Gäste in den See. Die Zeltler schleppten daraufhin ihre nassen Sachen zum Trocknen in den Saal des „Seeblick“ – unter dem Protest der Mutter von Herta Mayr-Marx, die ihr frisch gebohnertes Parkett ruiniert sah. Das war der Anfang von Camping am Hopfensee, das dieses Jahr ausgezeichnet wurde.

Edi und Herta Mayr, die zwölf Jahre nach dem Zeltler-Ausflug heirateten, bauten nach und nach den Platz aus. Für sie war klar: Qualität ist das A und O. Sie sind Mitbegründer der „Leading Campings of Europe“ – ein Zusammenschluss von 39 Spitzenplätzen in ganz Europa.

Der Platz am Hopfensee wurde vom ADAC ausgezeichnet

Es gab auch Rückschläge für den ehemaligen Eishockey-Bundesligaspieler und seine Frau: Ein Sturm zerstörte das alte Bauernhaus, Sohn Arno starb mit 22 Jahren und im Dezember 1994 vernichtete ein Großbrand das gerade neu errichtete Badehaus – zehn Tage vor der Fertigstellung. Die Mayrs hatten fünf Millionen Mark investiert. Heute erinnert eine Chronik an die schlimmen Tage. Die Bilder sind auch im zentralen Badehaus zu sehen, wo Gäste im 31-Grad-Hallenbad schwimmen gehen oder wellnessen können. Untergebracht sind dort neben dem Zwergerlbad auch Sauna, Spül- und Trockenräume, moderne Sanitäranlagen, Mietkabinen, Vortragsraum, ein Automat zur Reinigung der Wohnwagen-Toilette. Wie die Maschine funktioniert, bleibt wohl für immer ein Rätsel. Wie angewurzelt standen wir jedenfalls vor dem „Butler“, der in wenigen Minuten die Kassette drehte und wendete und spülte. Das mit dem Rätsel gilt übrigens auch für die Gasheizung, die Kurt gerade an kühleren Tagen kuschelig warm machen soll. Nach vielen Versuchen und noch mehr Schweißperlen auf der Stirn haben wir aus Angst, am Ende eine kleine Explosion auszulösen, beschlossen: Kurt wird nur dorthin gezogen, wo es warm ist.

Kurt kann gemütlich. Für die Eltern gibt es ein Doppelbett, für die Kinder ein Stockbett.
Bild: Maximilian Czysz

Den Kinder ist’s egal – sie entdecken nach und nach die Angebote und haben für die atemberaubende Landschaft am See im Land des Märchenkönigs nichts übrig. Im Fokus steht zunächst einmal der lichte Zwergerl-Pavillon. Dann geht’s ins Spielhaus: Das ist eine eigene Sporthalle neben dem Bolz- und Tennisplatz. Trampoline, Riesenrutsche, Kletterwand, Billard, Fußballfeld, Tischtennisplatte, Monsterbauklötze – die Kinder toben und finden in Windeseile Anschluss. Neue Freunde sind beim Camping inklusive.

„Camping hat sich mit den Jahren verändert“

Das war früher sicherlich nicht anders. Trotzdem habe sich Camping insgesamt verändert. „Die Gäste“, sagt die 77-jährige Herta Mayr-Marx, „kommen kurzfristig. Übers Wochenende haben wir schon mal 100 An- und Abreisen. So etwas gab es früher nicht.“ Früher brachten die meisten Gäste ihr Zelt mit. Heute gibt es neben Wohnmobilen und Wohnwagen auch Mietunterkünfte. Sie gehören zum glamourösen Camping, kurz Glamping. Das Angebot richtet sich laut ADAC an Nichtcamper und alle, die nach Jahren auf der Luftmatratze frisch bezogene Betten und Komfort schätzen. Und es wird immer bunter und größer: Viele Betreiber bieten Baumhäuser, Jurten, Schlafstrandkörbe, Safarizelte und sogar umgebaute große Weinfässer an. Am Hopfensee gibt es vier Superkomfort-Ferienhäuser. Die sind übrigens nicht ausschlaggebend für die Auszeichnung des ADAC: Camping am Hopfensee ist seit 1982 ein „Superplatz“. Bewertet wurden die Anzahl und die Qualität der Sanitäranlagen, die Größe und die Ausstattung der Standplätze, die Pflege und Gestaltung des Geländes, Einkaufsmöglichkeiten, Gastronomie, Freizeitangebot und Bademöglichkeiten. 2018 gibt es europaweit 109 ADAC-Superplätze, in Deutschland sind es 16, in Bayern drei. Auch das Internet-Portal camping.info, an dem sich viele Reisende orientieren, führt den Platz mit fünf von fünf möglichen Sternen. Bei dem Portal können Camper auch Kritik loswerden: Zum Beispiel, dass es wuselig auf dem Platz zugeht. Die Kinder lieben es. Und sie lieben Kurt – die praktische Kiste, die auf zehn Quadratmetern viele Abenteuer bietet.

Eines davon kündigt sich am Abend an: Ein Gewitter zieht auf. Im Wohnwagen hört es sich ganz anders an, wenn der Donner an der Wand des Tegelbergs hallt und der Regen auf die dünne Hülle prasselt. Aber wenigstens bleibt alles trocken und schwimmt nicht in den See davon wie im Jahr 1954, als das Camping am Hopfensee begann.

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