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Rioja

27.06.2017

Weinschlacht: Wenn spanischer Rotwein die Menschen irre macht

Zu der Weinschlacht kommen Menschen aus der ganzen Welt.
Bild: AFP

In der Weinregion Rioja findet ein besonderes Fest statt: Bei der traditionellen Weinschlacht bei Haro bespritzen sich tausende Menschen mit Rotwein und tanzen durch die Straßen.

Máximo Ugalde wischt sich Rotwein aus den Augen. Ein dunkelrotes Rinnsal fließt von seinen grauen Haaren über die Augenbrauen und tropft auf das mit pastellvioletten Sprenkeln versehene weiße T-Shirt, das an seiner Brust klebt. Vor dem 53-jährigen Spanier ziehen rot und weiß gewandete Menschen die 600 Meter hohen Felsberge Riscos del Bilibio hinauf, auf deren Spitze eine Einsiedlerkapelle und die Statue des heiligen Felices thronen. In dem kleinen Wald am Bergfuß stehen tausende jubelnde Frauen und Männer. Manche mit Schwimmbrille, andere tragen Latex-Handschuhe. Aus gigantischen Plastikwasserpistolen feuern sie Salven reinen Rioja-Tafelweins in die Menschenschar. Sie leeren Botas, die traditionellen Weinschläuche, und Tetrapaks über den Köpfen der anderen und gießen ganze Eimer Rotwein übereinander aus. Ruckzuck färben sich weiße Kleider in ein leichtes Violett. Fingernägel und Zehen in Badelatschen bilden langsam farbige Ränder. Die Weinpfützen auf dem Asphaltweg, der sich durch die Rebfelder im Tal bis zum Bergfuß schlängelt, verwandeln sich nach und nach in einen kleinen Bach. „Mit acht Jahren war ich das erste Mal auf der Weinschlacht von Haro und bin seitdem jedes Jahr wieder dabei“, sagt Ugalde, der die Weinschlacht gemeinsam mit der Stadt Haro organisiert.

Ein Vormittag mit 100.000 Litern Rotwein

Die Batalla del Vino, die Weinschlacht, ist das Highlight des größten Volksfestes in Haro. Die Kleinstadt am Zusammenfluss von Rio Tirón und Spaniens längstem Fluss, dem Ebro, nennt sich selbst Weinhauptstadt der Rioja. Prunkvolle Adelspaläste aus dem 17. Jahrhundert und traditionsreiche Bodegas zeugen hier vom einstigen Reichtum. Zwar misst das nordspanische Weinbaugebiet, das zum Großteil zur gleichnamigen autonomen Provinz La Rioja zählt, nur 5200 Quadratkilometer und ist damit international ein eher kleines Licht im Weinanbau. Doch produzieren hier immerhin gut 500 Bodegas mehr als 4000 verschiedene Weine, insgesamt über eine Million Liter besten Qualitätswein pro Jahr. Dafür steht das Siegel DOCa, Denominación de origen calificada, eine geschützte Herkunftsbezeichnung für spanische Weinbaugebiete, die besondere Qualitätsanforderungen erfüllen. Wie zum Beispiel eine limitierte Menge. Maximal 6500 Ki-logramm rote Trauben je Hektar dürfen verarbeitet werden. Und darauf ist man stolz. Zu Recht. Können im ganzen Land doch nur die Rioja und das katalanische Priorat mit dem Gütesiegel punkten.

Einmal im Jahr allerdings, zur Weinschlacht am 29. Juni, interessiert das alles kaum jemanden. „Mehr als 8000 Menschen bespritzen sich dann an nur einem Vormittag mit rund 100.000 Litern Rotwein, haben Spaß dabei und feiern anschließend auf der Plaza de la Paz weiter“, beschreibt Ugalde die Fiesta zu Ehren der heiligen Juan, Felices und Pedro.

Fragt man die Einheimischen zur Geschichte, gibt es immer die gleiche Antwort: die Weinschlacht resultiere aus einem historischen Grenzkonflikt zwischen den Orten Haro und dem in der Nachbarprovinz Burgos gelegenen Miranda de Ebro. Ein Streit um das Felsmassiv Riscos del Bilibio soll es gewesen sein. Beide Gemeinden erheben Anspruch auf den Berg, auf dem einst eine mittelalterliche Burg Schutz und strategische Aussicht gewährt hat. Die Reconquista, die Rückeroberung der von den Arabern besetzten Gebiete, soll ausgerechnet hier begonnen haben.

Mehr als 100.000 Liter Wein kommen fliegen bei der Schlacht durch die Luft.
Bild: AFP

Tatsächlich aber belegen historische Aufzeichnungen ein anderes Bild. Bis Ende des 19. Jahrhunderts feierte man hier noch eine Wallfahrt. Die Frauen zogen ihre schönsten Kleider an und pilgerten mit ihren Männern hinauf zur Kapelle, um dort den heiligen Felices zu ehren. Der ehemalige Priester, der auszog, um an den Felsen als Eremit zu leben, erlangte schnell Berühmtheit als heiliger Mann und später als Schutzpatron von Haro. Warum aus dem religiösen Pilgertum eine volkstümliche Weinschlacht wurde? Ob möglicherweise ein Spaß oder bloßer Zufall beim anschließenden Pilgeressen die erste Weintränke auslöste? Niemand weiß das. Nur, dass es im Jahre 1949 einen offiziellen Namen gab, ist belegt: Batalla del Vino.

Besucher kommen aus Japan und Australien zur Weinschlacht

Noch heute kommen ein paar wenige Pilger zur religiösen Wallfahrt und besuchen am Morgen des 29. Juni die Messe in der Bergkapelle. Trockenen Fußes jedoch schafft es kaum einer dorthin. Denn der Großteil der Schlachtbesucher reist ausschließlich des Spaßes wegen an. Meist cliquenweise. Manchmal sogar tausende Kilometer weit aus Japan und Australien. Die Organisatoren unterstützen das. Gruppen von mehr als 20 Personen können sich beim Rathaus der Stadt Haro bewerben und bekommen mit Glück ihren Rotwein für die Schlacht geschenkt. Eine offizielle Ausschreibung unter den Rioja-Winzern macht das möglich.

Das Weingut Vivanco in Briones, sieben Kilometer außerhalb von Haro, ist eines derer, die allerdings auf eine Teilnahme verzichten. Kellermeister Rafael Vivanco konzentriert sich lieber auf seinen Qualitätswein, dessen Tempranillo- und Garnacha-Trauben noch per Hand gepflückt werden. Bruder Santi managt das hauseigene Weinmuseum. „Vor 40 Jahren fing die Familie Vivanco an, Dokumente und Gegenstände aus der Weinwirtschaft zu sammeln“, erzählt Eduardo Santamaria. Auf 4000 Quadratmetern in sechs Räumen zeigt sie traditionelle Gerätschaften, moderne Kunstwerke von Trauben tretenden Menschen und eine Sammlung aus 3000 Korkenziehern. Um der Reblaus Herr zu werden, die die Weinherstellung 1878 zunächst zum Erliegen brachte, hatte man ganz spezielle Methoden entwickelt: Das Überfluten von Feldern und das Spritzen von Nonnen-Urin sollte helfen. Dann zeigt er auf einen Bildschirm, auf dem ein Film über Felix Barbero, den einzigen Botas-Hersteller der Rioja, läuft – ein wichtiger Mann für Haros Weinschlacht.

Weinschlacht bringt den Bewohnern Arbeit

Barbero steht jeden Tag in seiner Ladenwerkstatt in Logroño und schneidet Kuhleder zurecht. Die wirkliche Hauptstadt der Rioja steht mit der Kathedrale Santa Maria de la Rédonda und der Tapas-Meile Calle Laurel für Tradition und Moderne. „Ich finde die Weinschlacht toll. Sie hat Tradition. Aber ich war noch nie dort, ich kann ja nicht aus dem Laden weg.“ Dieser Tage mache er sein meistes Geschäft, sagt Barbero leise. Schließlich ist er einer von nur sechs Herstellern traditioneller Weinschläuche in ganz Spanien. Der 60-Jährige hat zur Festzeit Hochkonjunktur. „Wenn die Batalla auf einen Wochentag fällt, produzieren wir 200 Botas. Findet sie am Wochenende statt, sind es sogar doppelt so viele“, erklärt Barbero. Mit wir meint er seine Tochter und sich. Die 35-Jährige wird wohl in die Fußstapfen des Vaters treten. Die Söhne aber zog es in eine Fabrik. Da gibt’s weniger Arbeit für mehr Geld. Eine Stunde Handarbeit benötigt Barbero für einen Weinbeutel: Leder ausschneiden, Schlauch nähen, Latextasche hineinstopfen. Zwischen sieben und 25 Euro kostet das fertige Stück. „Da braucht man schon sehr viel Idealismus“, sagt er.

Die Weinregion Rioja bietet eine wunderschöne Landschaft.
Bild: Fotolia

Idealismus beweist auch Damasos Navajas. Der Koch zaubert in der Küche der La Possada de Laurel in Préjano ein ausgefeiltes Null-Kilometer-Menü auf den Tisch. Alles, was der Eigenanbau auf dem trockenen Boden der Rioja Baja, im Osten der Provinz, hergibt, landet in seinen Töpfen. Denn Regionalität ist ein absolutes Muss bei diesem Kochtrend. „Am liebsten kombiniere ich Gemüse und Rotwein, denn meine Heimat, die Rioja, ist ein wundervolles Wein- und Gemüseland“, schwärmt der 40-Jährige. Blutrotes Kirschgazpacho, sautierter Borretsch mit warmem Blumen-kohl und ein Salat aus weißen und roten Tomaten mit Ventresca vom Thunfisch stehen auf seiner Karte. Die Gäste kommen aus der ganzen Provinz.

Ein großes Fest begleitet die Weinschlacht

Zur Weinschlacht genießen die hungrigen Schlachtenbummler in weingetränkter Kleidung aber vor allem gegrillte Garnelen zu Caracoles à la Riojana, Schnecken in Tomaten-Paprika-Sauce an weiß gedeckten Klapptischen in Haros Seitenstraßen. Während auf der Plaza de la Paz hunderte von Zuschauern auf den Festumzug warten, der gemächlich durch die Calle Navarra tanzt. Musikkapellen pusten in ihre Posaunen. Peñas, die traditionellen Vereine, singen lauthals, während sie die knallrote Stadtflagge schwingen. Allen voran José Ruiz Extremiana. Der 83-Jährige mit der dicken Brille, den sie respektvoll El Feo, den Hässlichen, nennen, führt den Umzug an. Solange er denken kann, engagiert sich der leidenschaftliche Zigarrenraucher für das Fest. Ehrenamtlich. Dafür haben ihn die Festverantwortlichen vor zwei Jahren zum Fiesta-Bürgermeister gemacht.

Laura Rivado, die Bürgermeisterin von Haro, räumt dann ihren Platz und überlässt dem Hässlichen das Zepter für diesen ganz besonderen Tag, an dem es in der Weinhauptstadt der Rioja nicht wie üblich „Prost“ heißt, sondern „die Rioja goes purple“.

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