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03.03.2019

Wenn der Schulweg zur Odyssee wird

Manche Kinder in der Region sind lange unterwegs, um zur Schule und wieder heim zu gelangen.

Verkehr Viele Kinder müssen lange und komplizierte Schulwege in Kauf nehmen. Zwei Beispiele aus der Region zeigen, welche Auswirkungen das auf betroffene Familien hat

Kadeltshofen/Osterbuch Mittagspausen kennt Steffi Felk seit zwei Jahren kaum noch. Wenn andere Menschen Energie für die zweite Hälfte des Arbeitstages tanken, sitzt die alleinerziehende Mutter im Auto und fährt ihren Sohn von der Förderschule nach Hause. Dabei gäbe es einen Schulbus – doch mit dem darf Florian nicht mehr fahren, er ist zu alt.

Dass Kinder – aus verschiedensten Gründen – nicht zur Schule befördert werden, kommt immer wieder vor. Erst Mitte Februar wurde ein Fall vor den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof verhandelt. Ein Vater hatte geklagt, weil sein Sohn Marc vom oberfränkischen Marktschorgast aus zwei Kilometer auf einer kurvigen, unübersichtlichen Landstraße zur Schule laufen musste. Einen Bus stellte der Landkreis nicht zur Verfügung. Die Richter entschieden: Der Weg ist zu gefährlich für Marc. Jetzt zahlt die Behörde ihm ein Taxi.

Steffi Felk und ihr Sohn wohnen in Kadeltshofen im Landkreis Neu-Ulm, Florian besucht die sechste Klasse der Rupert-Egenberger-Schule in Pfuhl, ein sonderpädagogisches Förderzentrum. „Florian verlässt gegen 6.50 Uhr das Haus“, erzählt Felk, „und ist um Viertel nach sieben in der Schule.“ Dort wartet der 13-Jährige, ehe der Unterricht eine halbe Stunde später beginnt. Das sei nicht weiter schlimm, sagt die 41-jährige Mutter. Was sie wirklich störe: Am Nachmittag fahre der erste Bus um 13.18 Uhr, ihr Sohn habe aber bereits um 12.40 Uhr aus – manchmal gar um Viertel nach zwölf. Felk sagt, „in dieser Zeit ist mein Sohn unbeaufsichtigt, es ist kein Lehrer da.“ Und weil Florian nicht so sicher im Umgang mit der Uhrzeit ist, wartet er an der Bushaltestelle auf den Bus anstatt im Inneren der Schule. Bei Wind und Wetter. Dabei gibt es einen Bus, der jeden Tag die Kinder pünktlich von der Schule abholt. Nur – laut der 41-Jährigen darf ihr Sohn nicht mitfahren. „Früher ging das noch, aber jetzt ist Florian zu alt für diesen Bus.“ Der sei nur für Schüler von der ersten bis zur vierten Klasse vorgesehen. Heiko Schleifer, Leiter des Fachbereichs Schule im Landratsamt Neu-Ulm, erklärt: „Die Schüler ab der 5. Klasse aus dem Einzugsgebiet müssen generell den ÖPNV nutzen, da für die älteren Schüler die Wartezeiten nach derzeit geltender Rechtsprechung zumutbar sind.“ Außerdem seien die zusätzlichen Busse an die Schülerzahl angepasst und ausgelastet.

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Eine Schulfreundin von Florian ist ebenfalls betroffen. Zusammen mit deren Mutter wechselt sich Felk beim Abholen der beiden Kinder ab. „Wir waren bereits beim Landratsamt Neu-Ulm“, sagt Felk, „dort fanden wir aber kein Gehör.“ Das Landratsamt habe alle Versuche, gemeinsam eine Lösung zu finden, abgeblockt. Und ein Schulwechsel komme nicht infrage, erklärt Steffi Felk. Schließlich brauche ihr Sohn die Förderung. Ob sie ihn auch in Zukunft mit dem Auto holen müsse, wisse sie noch nicht, erzählt Felk. Das hänge von der Entwicklung ihres Kindes ab. „Im kommenden Schuljahr hat Florian Nachmittagsunterricht – bis wie viel Uhr, das kann ich noch nicht sagen.“ Was sie aber wisse: Der erste Bus am Nachmittag fährt erst nach 15 Uhr.

Professor Christian Böttger lehrt an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Er ist Experte für den öffentlichen Nahverkehr in Deutschland. Böttger sagt, die Qualität des ÖPNV hänge maßgeblich vom Engagement des Bundeslandes und der Schaffung entsprechender Strukturen ab. „Faktisch ist der ÖPNV ja öffentlich“, erklärt der Professor, „ein erheblicher Teil der Verkehre wird von Betrieben im Eigentum der öffentlichen Hand erbracht.“ Durch Ausschreibungen solle eigentlich sichergestellt sein, dass der ÖPNV effizient funktioniere. Ein Problem des ÖPNV in der Fläche seien die geringe Nachfrage und die dementsprechend hohe Kostenbelastung durch Busfahrer. Ob dabei zukünftig Busse ohne Fahrer, also autonom fahrende, Abhilfe schaffen, bezweifle er, erklärt Böttger. Nicht nur, weil die Ausrüstung der Strecken dafür viel Geld kosten würde, es gebe auch ganz praktische Probleme: „Möchten Sie ihr halbwüchsiges Kind in einem autonomen Bus alleine mit einem wildfremden Mann sitzen sehen?“

Florian und seine Mutter sind nicht die Einzigen, die einen komplizierten Schulweg in Kauf nehmen müssen. Auch Natascha Pompe aus Osterbuch im Landkreis Dillingen weiß, wie es ist, wenn ein Kind unter dem Nahverkehr leidet. Pompe hat zwei Söhne, einer besucht die Grundschule, der andere die Realschule in Wertingen. Jonas ist zehn Jahre alt, sein Weg zur Realschule beginnt um kurz vor sieben Uhr und endet um kurz nach sieben vor dem Schulgebäude. „Die Schule beginnt um zehn vor acht“, sagt die 37-jährige Mutter. Ihr Sohn könne auch einen späteren Bus nehmen, erklärt Pompe, dann käme er um fünf vor acht Uhr im Klassenzimmer an. „Wir haben bereits mit der Klassenleitung gesprochen“, sagt die 37-Jährige, „manchmal kann Jonas den späten Bus nutzen.“ Aber Zuspätkommen könne auch keine Dauerlösung sein.

Pompe schildert, im späteren Bus gebe es zwar eine Umsteigemöglichkeit in Geratshofen, die ein rechtzeitiges Eintreffen ermöglichen würde, der dortige Bus warte aber nicht. „Oft fährt der Bus meines Sohnes dem anderen hinterher.“ Pompe sagt, sie sei in Osterbuch aufgewachsen. Sicher, es funktioniere alles – aber in 30 Jahren könne sich ja auch mal etwas ändern. Mehr Nahverkehr zum Beispiel.

Dabei gibt es eine simple Lösung für die langen Wartezeiten auf Jonas’ Schulweg: Wenn der Zehnjährige am Marktplatz in Wertingen aussteigen könnte, sagt seine Mutter, dann käme er auch mit dem späten Bus rechtzeitig. „Leider hält der Bus dort nicht. Warum genau, das konnte der AVV meinem Mann gegenüber nicht erklären.“ Immerhin, der Verkehrsverbund stellte in Aussicht, dass der Fahrplan im Dezember 2019 angepasst werden könnte. Dazu erklärt Irene Goßner, Pressesprecherin des AVV, der Verbund habe die Fahrzeiten seiner Linienbusse auf die Schulzeiten abgestimmt. Derzeit liege eine Anfrage vor, die Änderungen auf der Linie Osterbuch-Wertingen beinhalte.

„Der Heimweg nach dem Nachmittagsunterricht ist noch schlimmer“, sagt die 37-jährige Mutter. Jonas hat einmal in der Woche bis 14.45 Uhr Unterricht, der Bus nach Hause kommt allerdings erst um 16.10 Uhr. Wenn der Zehnjährige dann noch Hausaufgaben machen oder lernen muss, bleibt wenig Zeit für den Fußballverein, in dem er spielt. Bisher konnten sich Mutter und Sohn auf Hilfe aus der Familie verlassen, sagt Pompe. „Zum Glück haben wir ein Opa-Taxi.“

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