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Günzburg

22.11.2018

„Alleine kann eine Klinik das nicht stemmen“

Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste, Technisches Hilfswerk: Gemeinsam mit der Kreisklinik Günzburg haben am Wochenende hunderte Kräfte einen Großschadensfall im Legoland simuliert. Für die Kreisklinik war es ein besonderer Belastungstest.
Bild: Marc-Michael Ventzke

Was Mediziner aus dem Szenario am Samstag im Legoland gelernt haben – und was hinter der gemeinsamen Aktion der Hilfsorganisationen steckt.

Die Großübung von Polizei, Rettungskräften und Feuerwehr am vergangenen Wochenende im Legoland (wir berichteten) war auch für die Günzburger Kreisklinik ein Belastungstest. Die Mediziner Dr. Marc-Michael Ventzke, Leitender Notarzt des Landkreises und einer der Übungsorganisatoren, und Dr. Oliver Segitz, Chefarzt der Unfallchirurgie am Klinikum Günzburg, erklären, was es mit dem Test auf sich hat – und welche Grenzen er aufgezeigt hat.

Ein Rettungswagen nach dem anderen hielt am Samstag vor der Notaufnahme der Kreisklinik Günzburg, um Leicht- bis Schwerverletzte auszuladen. Glücklicherweise handelt es sich hierbei nur um eine Übung, bei der der Ernstfall einer Großschadenslage mit einer Vielzahl von Verletzten trainiert werden soll. Hierzu haben interdisziplinär alle Hilfsorganisationen – Polizei, Rettungsleitstelle, Rettungsdienste, Feuerwehren und Katastrophenschutzeinheiten und das Klinikum Günzburg die Einsatzführung durch die Leitstelle – das Zusammenspiel an der Einsatzstelle und den Abtransport der Verletzten geprobt.

Zusammenarbeit aller Einheiten wird auf die Probe gestellt

Auch das Technische Hilfswerk war mit eingebunden: die 50 Verletztendarsteller rekrutierten sich überwiegend aus diesem Helferkreis. Dr. Marc-Michael Ventzke erklärt, warum diese Übung notwendig ist: „Jede Hilfsorganisation leistet in ihrem Bereich im Alltag ganz hervorragende Arbeit. Glücklicherweise sind Einsätze in diesem Ausmaß, bei denen die Zusammenarbeit aller Einheiten auf die Probe gestellt wird, selten. Aber gerade aus diesem Grund sind Übungen, bei denen wir in diesem Umfang Großszenarien hilfsorganisationsübergreifend beüben können, dringend notwendig.“

Realübungen bis in die Klinik hinein seien wegen des extrem hohen planerischen und logistischen Aufwands nur sehr schwer realisierbar. „Mit dem Ergebnis der Übung sind wir sehr zufrieden, galt es doch vor allem die Verbindung der einzelnen Schnittstellen der Hilfsorganisationen und des Günzburger Krankenhauses auf ihre Belastbarkeit zu testen.“

Zeitnahe Versorgung der Verletzten

Zur Schwerverletztenversorgung wurde unter dem Dach der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie bereits vor Jahren ein flächendeckendes Netz etabliert. Teilnehmende Kliniken haben sich deutschlandweit zu „Traumanetzwerken“ zusammengeschlossen. Dabei geht es um die optimale zeitnahe Versorgung Verletzter am Unfallort, sowie deren geregelten Transport in die nächstgelegene, kompetente Klinik. Die Kreiskliniken Günzburg-Krumbach sind Teil dieses Netzwerkes. Dieses System ist allerdings nur für die Versorgung einzelner Verletzter ausgelegt.

Eine andere Situation liegt bei einem Großschadensfall, beispielsweise bei einem Busunfall oder Zugunglück vor, wie die vergangene Woche bei dem schweren Busunglück nahe Fürth vor Augen führte. „Derartige Großschadensfälle haben glücklicherweise absoluten Seltenheitscharakter – umso mehr fehlt dann aber den Akteuren die Routine“, betont Dr. Oliver Segitz. „Die nachfolgende Herausforderung an die Krankenhäuser, insbesondere in Zeiten der personellen Ausdünnung, findet erst langsam Einzug in die Übungsszenarien.“

Es bedarf Unterstützung von außen

„Eine derartige Verletztenzahl kann keine Klinik ad hoc stemmen“, erklärt Ventzke. „Aus diesem Grund bedarf es Unterstützung von außen. Die Feuerwehr und Einheiten des Katastrophenschutzes können wichtige Aufgaben an und um die Klinik herum übernehmen und so die Klinik entlasten, die sich dann auf ihre Kernaufgabe konzentrieren kann.“ Eine erste Großübung habe deshalb bereits vor einem halben Jahr stattgefunden, auch sie sei zur Zufriedenheit der Beteiligten verlaufen. Dennoch habe sich daraus eine Lernkurve ergeben, die nun mit einer Folgeübung im größeren Maßstab geprüft werden sollte.

„Um keiner Betriebsblindheit zu erliegen, haben wir zusätzlich externe Fachbegutachter der medizinischen Fachgesellschaften eingeladen“, berichtete Segitz. Nach der Übung sollen nun Verbesserungsoptionen erarbeitet und in den Folgeübungen wieder abgeprüft werden. „Hausinterne Übungen, sowie Schulungen des Personals werden auch künftig im jährlichen Fortbildungszyklus abgebildet werden“, führt Segitz weiter aus.

Enormer Aufwand

Der personelle und logistische Aufwand der Übung war enorm: Vorausgegangen ist eine halbjährige Vorbereitungsphase. Die Integrierte Leitstelle in Krumbach besetzte zwei zusätzliche Einsatzleitplätze und musste knapp 40 Fahrzeuge der Feuerwehr und des Rettungsdienstes führen, hierunter auch Einheiten aus dem benachbarten Baden-Württemberg und Augsburg. Rund 140 Hilfskräfte versorgten 50 Verletze, die in der Klinik in Günzburg parallel zum unbeeinträchtigt weiterlaufenden Klinikbetrieb – bei voller Notaufnahme und laufendem OP – versorgt wurden.

Dass die Teilnehmer der Einsatzübung diese Herausforderung gemeistert haben, ist für die beiden Mediziner keine Selbstverständlichkeit. „Sie haben bei schönstem Wetter einen erheblichen Anteil ihrer Wochenendfreizeit geopfert, um die Versorgung der Bürger des Landkreises weiter zu verbessern und für seltene Ausnahmefälle gerüstet zu sein.“ (zg)

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