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Burgau

27.01.2015

Anna schreibt jetzt blau statt plau

Legasthenie: Für Anna Risel (Mitte) ist dies Vergangenheit. Seit 15 Jahren leitet Dr. Nina Hellwig (rechts) die Pädagogische Praxis Legatrain in Burgau. Links Legasthenie- und Dyskalkulietherapeutin Katja Seferovic. 
Bild: Peter Wieser

Legasthenie wird immer noch oft verkannt. Der Weg, der Lese-Rechtschreib-Störung zu entkommen, ist hart. Seit 15 Jahren hilft dabei die Burgauer Therapieeinrichtung Legatrain.

Anna Risel hat Legasthenie. In der dritten Klasse der Grundschule hat sie zum Beispiel „plau“ statt „blau“ geschrieben. Aber das Mädchen wollte unbedingt aufs Gymnasium. „Das schaffst du sowieso nicht“, meinte die Lehrerin. Die heute 18-jährige Anna Risel erzählt: „Ich hatte zu diesem Zeitpunkt null Selbstvertrauen und war ständig in Angst vor dem nächsten Test.“ Ein Vortrag von Dr. Nina Hellwig führte sie dann zu Legatrain nach Burgau. Mittlerweile geht die junge Frau in die elfte Klasse des Günzburger Dossenberger-Gymnasiums. Sie hat die Legasthenie im Griff, betont aber: „Es war nicht einfach. Teilweise musste aus eigener Tasche bezahlt werden.“

Nina Hellwig sagt: „Es ist ganz schlimm. Manchmal kennen sich nicht einmal die Lehrer aus.“ Sie steht in engem Kontakt zu Schulen, leistet Aufklärungsarbeit, indem sie dort Vorträge hält. Mittlerweile kämen auch immer wieder Lehrer zu ihr, um sich zu informieren. Seit 15 Jahren gibt es ihre Therapieeinrichtung Legatrain, seitdem konnte Hellwig 800 Kindern und Erwachsenen helfen, berichtet sie. In einer Umfrage wollte Hellwig wissen, ob die Erfolge anhielten: Bis zu 90 Prozent hätten bestätigt, dass sie sich sogar verbessert hätten. Das ist auch bei Anna Risel so: Nicht selten komme es vor, dass sie einen ihrer Mitschüler verbessere, erzählt sie.

Etwa acht Prozent der Schüler sind betroffen

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Legasthenie ist eine genetisch bedingte Lese-Rechtschreib-Störung. Etwa acht Prozent der Schüler in Deutschland sind davon betroffen. Oft werden die Betroffenen abgestempelt, weiß Hellwig: „Du kannst das sowieso nicht“, „Du bist faul“, „Sie sind halt nicht so intelligent“. Mit Nachhilfeunterricht sei nicht viel zu bewegen, manchmal drohe die „Abschiebung“ auf eine Förderschule, sagt Hellwig. Die Folge: Legastheniker sehen sich als minderwertig – fehlendes Selbstbewusstsein, Ausgrenzung, Angstgefühle bis hin zu Depressionen und Schlafstörungen sind keine Seltenheit.

Viel hat sich in den vergangenen Jahren nicht gebessert, sagt Hellwig. Es fehle an Aufklärung und am Erkennen der Problematik, auch Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrer gebe es kaum. Die Befreiung von Noten in bestimmten Fächern, ein Zeitzuschlag bei Klassenarbeiten oder das Benutzen von Hilfsmitteln möge zwar hilfreich sein, es löse aber das Problem nicht.

Oft ist es ein steiniger Weg

Hellwig erklärt das Vorgehen: Zunächst müsse abgetastet werden, ob eine Lese-, eine Schreibstörung oder beides vorliege. Dies muss ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder ein psychologischer Psychotherapeut bestätigen. Danach muss beim Jugendamt – es übernimmt in der Regel die Kosten für eine Therapie – ein Antrag auf Wiedereingliederungshilfe gestellt werden. Das kann allerdings dauern. Krankenkassen übernehmen eine Therapie in den seltensten Fällen. Hellwig betont zwar, dass sie gut mit dem Jugendamt zusammenarbeite, sagt aber auch: „Waren es früher 100 Therapiestunden, kann man heute froh sein, wenn es 60 sind, die bewilligt werden.“ Der Weg, der Legasthenie zu entkommen, sei nicht selten mit Steinen übersät, sagt Hellwig. Und das, obwohl gerade diese Kinder – sie kommen aus allen Schichten – oft hochbegabt seien.

Die einzelnen Methoden zur Therapie sind unterschiedlich. „Die Strategien entwickeln sich aus der Zusammenarbeit aus den Erfahrungen. Man muss sich auf die Kinder immer individuell einstellen“, erklärt Hellwig. Dann geht es zum Beispiel um die Fähigkeit, zwischen harten oder weichen Konsonanten und langen oder kurzen Vokalen zu unterscheiden, um das Differenzieren ähnlich aussehender Buchstaben. Inhalte sind aber auch feinmotorische Übungen, Training des optischen Gedächtnisses, Rollenspiele und therapeutische Gespräche. Dazu hat Hellwig ihre eigene Methode entwickelt.

Tag der offenen TürDie Praxis informiert am Samstag, 31. Januar, von 10.30 bis 16 Uhr Kinder, Eltern, Lehrer und andere Interessierte über ihre Arbeit. Für Erwachsene gibt es um 11 Uhr einen Vortrag zum Thema „Legasthenie/Dyskalkulie – wie gehen Eltern damit um?“, in dem die Ursachen und Symptome der Lese-, Rechtschreib- und Rechenstörungen erläutert werden. Für die Schüler gibt es Lese-, Rechtschreib- und Rechentests.

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