18.04.2016

Bindegewebe verbindet

Medizin Jeder hat Faszien, viele trainieren sie inzwischen mit speziellen Rollen. Für Günzburger Fachleute sind die Körperfasern zugleich Forschungsobjekt und Basis vieler Behandlungen

Günzburg Wer etwas auf sich hält, der rollt mit der Faszienrolle. Kaum ein Sportverein oder Fitnessstudio kommt im Moment drum herum: Faszientraining ist zum absoluten Trend geworden. Was kaum jemand weiß: Die Grundlagenforschung dafür stammt aus Günzburg. Und dort bedeutet das Thema weit mehr als Gymnastik. Denn die Faszien verbinden nicht nur die Körperteile, sie schaffen auch eine Verbindung zwischen medizinischen Fachbereichen.

2007 brachte der Schwabe Jürgen Dürr die „Blackroll“ auf den Markt – eine Rolle aus hartem Schaumstoff. Der Körper wird massiert, indem der Nutzer über einzelne Partien des Körpers rollt, das eigene Körpergewicht hilft dabei beim Druckaufbau. Zusätzlich dienen die Übungen dem Krafttraining, beispielsweise beim Aufstützen auf die Arme, wenn die Beine „abgerollt“ werden. Solche Rollen gab es zwar schon früher, Dürr entwickelte das Konzept jedoch weiter und ist mit seinem Produkt inzwischen überall präsent: Die Spieler der Fußballnationalmannschaft beispielsweise nutzen die Rollen zur Regeneration. Das Marketing für die Rollen funktioniert – nicht zuletzt gibt es Nachahmerprodukte auch beim Kaffeeröster.

Auch wenn das Bearbeiten der Faszien recht schmerzhaft sein kann – überall wird fleißig gerollt. Doch was genau passiert, wenn die Schaumstoffrolle auf das Gewebe drückt? Und welche Funktion hat das Gewebe im Körper? Damit beschäftigt sich im Günzburger Bezirkskrankenhaus Professor Werner Klingler. Der Anästhesist ist Spezialist für neuromuskuläre Erkrankungen. Er untersucht im Labor, welche Wirkung verschiedene Substanzen auf die Faszien haben – oder wie sich Druck und Dehnung auf die Fasern auswirken. „Unter dem Mikroskop sehen die Faszien normalerweise aus wie eine schöne Dauerwelle“, sagt der Mediziner. „Doch wenn sie verkleben, wirkt das Gewebe wie ein verfilzter Wollpulli, der zu heiß gewaschen wurde.“

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Die Faszien, jenes Bindegewebe, das den gesamten Körper durchzieht, verändern durch zu wenig, aber auch zu viel Beanspruchung ihre Struktur. Und das bedeutet allzu oft Schmerz. Der Muskelkater nach dem Sport: Er ist eigentlich ein Faszienkater, sagt Schmerztherapeutin Dr. Hanne Heiß-Kimm. Durch die Ergebnisse aus Klinglers Forschung werde auch die Funktionsweise der von ihr angewendeten Akupunktur erklärbar. Der Druck, der beispielsweise mit der Faszienrolle auf das Gewebe ausgeübt wird, macht es nicht nur elastischer, es schafft auch jene Neustrukturierung, die unter dem Mikroskop sichtbar wird. Ganz so neu ist das Thema Faszien nicht, sagt Physiotherapeut Udo Winterhalter, der am Bezirkskrankenhaus im Team mit Klingler und weiteren Fachleuten das Thema in der Praxis behandelt. Schon vor 20 Jahren habe man sich mit dem Bindegewebe beschäftigt, um das jetzt ein regelrechter Hype entstanden sei. Für den Therapeuten gehört die Faszienbehandlung zum Berufsalltag – nicht zuletzt hängt auch in seinem Behandlungszimmer an der Wand ein Plakat mit Übungen mit der Faszienrolle.

Viele Muskelerkrankungen, sagt Klingler, fangen mit Veränderungen im Bindegewebe an – deshalb kann man auch von einer funktionellen Bedeutung der Faszien sprechen. Hier setzt die Arbeit von Dr. Timo Müller, dem Leiter des Interdisziplinären Schmerzzentrums am BKH, an – wenn es beispielsweise darum geht, die Ursache von Rückenschmerzen herauszufinden. „Bei chronischem Schmerz müssen wir uns anschauen, wo liegt eine Fehlhaltung, was führt dazu, gibt es vielleicht eine psychische Belastung als Ursache? Die Faszienforschung ist auch hier ein Teilaspekt.“

Was kann man nun – abgesehen vom Rollen und Massieren – tun, um die Faszien in die richtige Form zu bringen? Dr. Hanne Heiß-Kimm rät dazu, es wie die Katzen zu machen: „Noch bevor Sie aus dem Bett steigen: Strecken und Dehnen Sie sich in alle Richtungen.“ Schon diese kurze Zeit, eine halbe Minute bis zwei Minuten Faszienpflege, sei besser als nichts. Übertreiben sollte man es mit der Faszienbehandlung allerdings auch nicht, sagt Werner Klingler. „Aber wenn man das Gewebe zweimal pro Woche reizt, erreicht man eine Verbesserung der Kollagenstruktur. Wenn man allerdings übertreibt, baut sich nichts mehr auf.“

Mehr erfahren über das Thema Faszien kann man bei einem Vortrag von Prof. Werner Klingler am Donnerstag, 16. April, bei der AOK Günzburg.

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