Günzburg

23.04.2018

Der Alltag im Krieg

Die Nazi-Propaganda verfehlte ihre Wirkung nicht. Selbst in den letzten Monaten des Krieges hielten viele auch in Stadt und Kreis Günzburg dem Regime noch die Treue.
Bild: Zofka, Repro: Kaiser

Das jüngste Buch von Zdenek Zofka erzählt Schicksale aus den Jahren 1939 bis 1945 – und klammert auch ein vermeintlich heißes Eisen nicht aus.

Die Geschenke und Glückwünsche kamen bergeweise in der Reichskanzlei in Berlin an. Vor allem an Weihnachten und zum Geburtstag des Führers. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich und nach den siegreichen Kriegen gegen Polen und Frankreich war Adolf Hitler auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Millionen von Deutschen huldigten dem angeblich größten Feldherrn aller Zeiten. Spätestens mit der verlorenen Schlacht um Stalingrad im Winter 1942/43 wendete sich das Kriegsglück. Die Präsente für den Diktator gingen nach und nach auf ein Minimum zurück. Denn den meisten Deutschen dämmerte, dass der Krieg nicht zu gewinnen war. „Alles Leid, alle Opfer umsonst – wofür?“ lautet folgerichtig der Titel des jüngsten Buches von Zdenek Zofka, herausgegeben vom Historischen Verein Günzburg. Das lesenswerte Werk beleuchtet den Alltag der Menschen in Stadt und Kreis Günzburg in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 an der sogenannten Heimatfront.

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In bislang drei Bänden, gleichfalls herausgegeben vom Historischen Verein Günzburg, hat Zdenek Zofka das radikale Werden und die rigorose Wirkweise des Nationalsozialismus in Günzburg und Umgebung dargestellt. Im vierten und letzten Band der Reihe widmet sich der Historiker den Kriegsjahren von 1939 bis 1945. Wie haben die Menschen den Niedergang des 1000-jährigen Reiches erlebt – inmitten von NS-Propaganda und Durchhalteparolen, angesichts von Not und Hunger oder den zerstörerischen Bombenangriffen der alliierten Siegermächte. Und warum haben doch so viele bis zum bitteren Ende dem Regime die Treue gehalten?

Anhand der Erinnerungen von Zeitzeugen – der Buchtitel geht auf das Tagebuch der Günzburgerin Martha Berkl zurück – und der vielfältigen Dokumente aus staatlichen und städtischen Archiven führt Zdenek Zofka dem Leser die Wirklichkeit der letzten Jahre des Dritten Reiches vor Augen. Heldentum war nicht mehr gefragt, für die meisten ging es ums nackte Überleben. Trotz der angeblichen Wunderwaffen oder des zwangsweise „heldenhaften“ Einsatzes von Hitlerjugend und Volkssturm. Zugleich war der Schmerz über den Niedergang des „heroischen deutschen Volkes“ stets greifbar.

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Der Autor nimmt sich in seinem jüngsten Buch einer Fülle von Themen an. Etwa des Schicksals des trotz aller Diffamierung und Verfolgung aufrechten und widerständigen Günzburger Pfarrers Adam Birner oder seines gleichgesinnten katholischen Amtskollegen Sebastian Bayer aus Freihalden. Zofka greift neuerlich auch ein vermeintlich heißes Eisen auf – die menschenverachtende Vita des Günzburger Auschwitz-Arztes Josef Mengele.

Muss das sein? Es muss. Denn auch das ist Teil der Günzburger Geschichte, ähnlich wie das kriminelle Treiben von Ludwig Trieb, der als ehemaliger Verwaltungsleiter der Heil- und Pflegeanstalt Günzburg im Rahmen des sogenannten Euthanasieprogramms der Nazis an der tausendfachen Ermordung körperlich und geistig Behinderter beteiligt war. Im Übrigen ohne größere Folgen. Wenige Jahre nach Kriegsende war Trieb in Günzburg wieder in Amt und Würden.

Bei der Mitgliederversammlung des Historischen Vereins vor einigen Tagen ging Oberbürgermeister Gerhard Jauernig auf dieses dunkle Kapitel der Günzburger Geschichte ein. Für sein Bemühen um die geschichtliche Wahrheit habe der Historische Verein in der Vergangenheit „nicht nur freundliche Worte zu hören bekommen“. Mit den Büchern von Zdenek Zofka habe der Verein aber Vorbildliches geleistet, „um das uns heute viele Städte beneiden“.

Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und die Terrorherrschaft der Nazis im Allgemeinen sind den meisten Interessierten bekannt. Zdenek Zofkas 270 Seiten umfassendes Buch illustriert dem Leser die heimatkundlichen Details. Sie sind auch so etwas wie die Warnung vor einem Rückfall in vermeintlich glorreiche nationale Zeiten, die letztlich nur barbarisch und verheerend waren.

Das Buch „Alles Leid, alle Opfer umsonst – wofür?“, 270 Seiten, ISBN 978-3-00-059210-2, ist bei der Buchhandlung Hutter in Günzburg zum Preis von 15 Euro erhältlich.

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