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KZ-Außenlager Burgau

08.07.2019

Der Holocaust und die bange Frage, was mit Tante Juci passierte

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3 Bilder
Eine Aufnahme von Julia Engel aus den 1940er Jahren. 1945 starb die junge Frau im KZ-Außenlager in Burgau.
Bild: Familie Grossmann

Plus 1945 wurde Julia Engel von den Nazis verschleppt. 70 Jahre später findet ihr Großneffe Spuren, die ins KZ-Außenlager Burgau führen. Jetzt herrscht endlich Klarheit.

Es gibt noch die Fotos von Juci, wie die Familie sie bis heute nennt: Julia Engel in den 1940er Jahren in Budapest, im langen samtenen Abendkleid und in hohen Schuhen. Lächelnd, den Blick in die Ferne, vielleicht in die Zukunft gerichtet. Oder Juci im kurzen karierten Kostüm auf einem Sessel sitzend, ernst in eine Zeitschrift vertieft. Oder schließlich, 1942, mit Tochter Marta als Säugling in weißen Spitzen. Die junge Mutter mit müdem Blick, aber glücklich.

Und dann gibt es die Fakten des Internationalen Suchdienstes, die von dem erzählen, was nach den Bildern passierte: Engel, Julia, eingeliefert in das KZ-Außenlager Burgau am 5. März 1945, Häftlingsnummer 143418. Gestorben am 19. März 1945, Todesursache: Kehlkopf-TBC. Begraben auf dem Jüdischen Friedhof Ichenhausen (Kreis Günzburg).

Es sind Schlaglichter auf ein Leben. Schlaglichter auf ein Leiden. Dazwischen liegt viel Raum für Spekulationen und düstere Ahnungen. Für Verdrängen und Schweigen. Für eine große Leere und nicht heilende Wunden. Die Geschichte von Julia Engel ist auch die eines Familientraumas und darüber, wie man als Nachgeborener damit umgeht. Wie es am Ende sogar zu einem Zeichen eines sehr lebendigen jüdischen Lebens in Deutschland werden kann.

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München, das Viertel Lehel, einer dieser drückenden Julitage. Die Menschen schwitzen beim Mittagessen unter Sonnenschirmen. Daniel Grossmann – Stehkragenhemd, feine Nickelbrille – bestellt eine große Maracujaschorle. Dann wartet er ab. Er ist keiner, der anderen seine Familiengeschichte aufdrängt, eher einer, der Fragen abwartet, um dann sehr gezielt und klar darauf antworten zu können.

Julia Engel, geboren am 3. August 1917, war die Großtante von Daniel Grossmann, die Schwester seiner Großmutter. Es ist nicht ganz einfach, sich durch den Stammbaum der Budapester Familie Fischer, so der Ursprungsname, zu denken. Die Fischers waren eine jüdische Großfamilie aus der gehobenen Mittelschicht. Eltern, Kinder und Enkel in drei Wohnungen auf einer Etage mitten in Budapest. Tochter Julia, vor dem Krieg als Bürokraft angestellt, war die Einzige, die von ihnen im Holocaust sterben sollte.

1944 begann Adolf Eichmann, Cheforganisator des Holocaust, mit der systematischen Vernichtung der ungarischen Juden. Erst auf dem Land, dann in Budapest, wo die jüdische Gemeinde mehr als 200000 Menschen umfasste. Julia Engel wurde zum Arbeitsdienst verschleppt und nie wieder gesehen. Ihre Spur verlor sich – so dachte die Familie lange – in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Dachau. Tochter Marta, zwei Jahre alt, als sie die Mutter verlor, wurde versteckt und überlebte den Krieg. Ebenso wie der Rest der Familie, die Männer teilweise im Arbeitslager.

Die Geschichte der verschollenen Juci begleitet Daniel Grossmann schon sein Leben lang – auch wenn darüber kaum gesprochen wurde. „Ich habe als Kind und Jugendlicher sehr stark wahrgenommen, dass da diese Lücke ist“, sagt der 41-Jährige, der nach der Flucht seiner Eltern aus dem kommunistischen Ungarn in München geboren und aufgewachsen ist. Er habe gespürt, dass seine Großmutter unter dem gewaltsamen Tod ihrer älteren Schwester litt. Dass das Leben von Marta vom Verlust ihrer Mutter beschattet war.

Daniel Grossmanns Mutter wiederum, 1951 geboren, ist nach der verschollenen Tante Julia benannt. „Als Jugendlicher wusste ich gar nicht, ob ich nachfragen darf, ob man darüber überhaupt reden kann“, sagt Daniel Grossmann. Der Holocaust als Tabuthema – das gab es nicht nur in den Familien der Täter, sondern auch in den Familien der Opfer. Wobei Daniel Grossmann letztere sogar verstehen kann. „Ich finde, diese Generation hatte auch ein Recht auf Verdrängung.“ Umso mehr sei es an der Enkelgeneration, darüber zu sprechen und nachzuforschen.

Als Marta vor einigen Jahren sagte, dass sie das Konzentrationslager Dachau besuchen möchte, um dort Blumen für ihre Mutter niederzulegen, rief Daniel Grossmann in der Gedenkstätte an und erfuhr: Julia Engel war nie in Dachau, ihr Name ist in den Unterlagen nicht zu finden. Der Großneffe forschte weiter über die israelische Gedenkstätte Yad Vashem, die den Holocaust wie kein anderer Ort auf der Welt dokumentiert, und stellte eine Anfrage beim Internationalen Suchdienst.

Schnell erfuhr er, dass die Tante in den letzten Kriegsmonaten vom Konzentrationslager Ravensbrück im heutigen Brandenburg nach Burgau transportiert wurde, wo ein Außenlager Dachaus stand. Und dass sie dort nach nur zwei Wochen, am 19. März 1945, starb. Außerdem erfuhr er von dem Grab auf dem jüdischen Friedhof in Ichenhausen, wo Julia Engel und 17 weitere Tote des KZ Burgau bestattet worden waren.

„Plötzlich gab es dieses Grab“, sagt Daniel Grossmann. Einen zumindest theoretischen Ort zum Trauern und Erinnern. Eine Stelle, an der sich eine bis dahin unfassbare Tragödie verorten ließ. Das sei für Marta, die Tochter, und auch für Grossmanns Mutter Julia wichtig gewesen. Aber auch für ihn selbst habe sich etwas geändert: Die im Holocaust ermordete Vorfahrin, sie bekam einen Bezug zu seiner Gegenwart.

Wie es Julia Engel auf der mehr als 700 Kilometer langen Fahrt von Ravensbrück nach Burgau und die wenigen Tage bis zu ihrem Tod erging, weiß die Familie nicht. Ihr Martyrium lässt sich vielleicht erahnen, wenn man die Dokumente und Zeitzeugenberichte zum Lager liest, die unsere Zeitung in einer Artikelserie 2016 veröffentlicht hat.

Das KZ-Außenlager, am südlichen Rand von Burgau gelegen, wurde vom Sommer 1944 an auf einem etwa 36000 Quadratmeter großen Areal errichtet. 14 grau gestrichene Baracken, umgeben von Stacheldraht und Wachposten. Das Lager sollte Arbeitskräfte bereitstellen für das nahe gelegene Geheimwerk Kuno. Dort, im Scheppacher Forst, wurde Hitlers Wunderwaffe, das Kampfflugzeug Me 262 der Messerschmitt AG, zusammengebaut.

Anfang März erreichten zwei Züge mit fast 1000 jüdischen Frauen aus den Lagern Ravensbrück und Bergen-Belsen den Bahnhof Burgau. Die Frauen aus Ravensbrück hatten 16 Tage und Nächte ununterbrochene Fahrt in Viehwaggons hinter sich. Ohne ausreichend Essen und Trinken, ohne Toiletten und Medikamente, ohne Licht und Schutz, in eisiger Kälte. Einige starben bereits während der Fahrt. Die Anderen kamen fast verhungert und krank an, viele waren nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Im Lager ging das Leiden weiter. Am Morgen gab es eine Tasse Kaffee, mittags eine Schale heißes Wasser, am Abend Kaffee und 120 Gramm Brot – so hat es die ehemalige Insassin Eva Langley-Danos beschrieben.

Offiziell gab es 18 Tote im KZ Burgau, das nur bis Mitte April 1945 bestand – 13 Frauen und fünf Männer. Auf einem braun gewordenen DIN A4-Blatt sind sie mit Schreibmaschine aufgelistet, einer unter dem anderen. An 13. Stelle steht Julia Engel, verzeichnet mit Geburts- und Sterbedatum, mit Beruf, Religion und Todesursache.

Der Burgauer Arzt Karl Schäffer hat die Totenscheine ausgestellt: auf Herzmuskelschwäche, Unterernährung oder Kehlkopf-Tbc. Tatsächlich könnten es auch mehr als die 18 offiziell verzeichneten Sterbefälle gewesen sein. In Burgau gingen Gerüchte um, dass die SS jede Nacht die Toten wegschaffte. Wie viele es gewesen sein könnten, ist bis heute unklar. Dass die Leichen in Ichenhausen begraben wurden, war wohl eher eine Notlösung, weil die eigentlich vorgesehene Burgauer Wiese zum Schutz des Grundwassers nicht zur Verfügung stand. Noch heute erinnern drei Grabsteine an Julia Engel und die anderen. Und auch daran, was in der schwäbischen Provinz geschehen ist.

Das Grab wird auch die erste Station sein, wenn Daniel Grossmann an diesem Sonntag nach Ichenhausen kommen wird. Grossmann ist Dirigent, hat seine Ausbildung in München, New York und Budapest gemacht. 2005 gründete er das Orchester Jakobsplatz, das heute Jewish Chamber Orchestra Munich heißt. „Eine zeitgenössische jüdische Stimme“ will das Orchester sein, eine jüdische Gegenwartskultur schaffen und in der Gesellschaft verankern, bewusst auch abseits von Religion und Vergangenheit. Und auch abseits aller Berührungsängste. „Dass die Auseinandersetzung mit meiner jüdischen Identität ein wichtiger Teil meiner Arbeit geworden ist, hat sicherlich mit dieser Familiengeschichte zu tun“, sagt Grossmann. Er ist überzeugt, dass ein lebendiges modernes Judentum, das nach draußen geht, auch ein Kontrapunkt und Gegenmittel zum Antisemitismus sein kann, der momentan wieder an Anhängern gewinnt.

Derzeit ist das Orchester auf einer Synagogentour durch Süddeutschland, will in die ehemaligen Gebetshäuser auf dem Land ein Stück jener Kultur zurückbringen, die oft unwiederbringlich verloren ging. Dass Ichenhausen Teil der Tour werden würde, stand für Daniel Grossmann außer Frage. Das Konzert mit Orchesterliedern Gustav Mahlers ist Julia Engel gewidmet.

Etliche Verwandte aus Deutschland und Budapest werden kommen, darunter auch Marta, Julias Tochter. Ein Schlussstrich unter die Geschichte, gar eine Versöhnung damit, nein, das könne dieses Konzert nicht sein, dazu sei das Geschehene zu monströs, sagt Grossmann. Für ihn gehe es darum, an den Ort des Geschehens zu gehen. Sich zu erinnern und sich damit der eigenen Geschichte zu stellen, ohne Ausflüchte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Auch die Kinder des Dirigenten werden im Publikum sitzen. Sechs und zehn Jahre alt sind Tochter und Sohn, und das Thema Holocaust sei bereits ein drängendes für sie, sagt er. Im Gegensatz zu ihm habe diese Urenkelgeneration keinerlei Scheu mehr, Fragen zu stellen.

Und wer weiß, vielleicht werden auch sie bei diesem Konzert in der Synagoge, nur wenige Meter vom Grab der Opfer des KZ-Außenlagers Burgau entfernt, ein bisschen besser verstehen, wer Tante Juci eigentlich war. Und was vor nicht einmal 75 Jahren mit ihr passiert ist.

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