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17.07.2010

Der letzte Sommer zwischen Geranien und Autobahnlärm

"Leider ist der Lavendel schon fast verblüht", entschuldigt Renate Rauer. Einen Neuen pflanzen? "Das lohnt sich leider nicht mehr, wir müssen ja bald alles abbauen", bedauert ihr Lebensgefährte Werner Boldt. Fotos: Eckert
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"Leider ist der Lavendel schon fast verblüht", entschuldigt Renate Rauer. Einen Neuen pflanzen? "Das lohnt sich leider nicht mehr, wir müssen ja bald alles abbauen", bedauert ihr Lebensgefährte Werner Boldt. Fotos: Eckert

Burgau Leise trommelt der Regen auf das Vorzeltdach. Akkurat eingefasst mit Zäunchen und Blumenbeeten steht der verlassene Wohnwagen da, direkt dahinter fließt der kleine Erlenbach. Doch die Idylle trügt. "Zu verkaufen" steht auf dem Schild, das an der Wohnwagenscheibe klebt. Der Stellplatz nebenan ist schon leer, wie noch etliche andere Parzellen. Sauber aufgeräumt, alles abgebaut. Nichts erinnert mehr daran, dass hier vor Kurzem noch Familien ihre Wochenenden, Rentner jede freie Minute verbracht haben. "Tja, jetzt ist es soweit, der Campingplatz am Burgauer Autobahnsee geht in seinen letzten Sommer", bedauert Pächterin Katharina Stocker.

Seit über 40 Jahren gibt es den Platz schon, 20 Jahre ist sie Pächterin, auch von der Rastanlage gleich nebenan. Sechsspuriger Autobahnausbau, neue Parkplätze für Autos und Lastwagen, Umbau und Erweiterung der Tank- und Rastanlage Burgauer See machen die Auflösung des Campingplatzes unumgänglich. Camperin Maria Jauk ist traurig: "Wir wussten ja schon länger, dass es einmal vorbei ist mit dem Campen am Autobahnsee." Und doch sei es sehr schade, dass diese schöne Zeit nun vorbei sei, sagt sie und streichelt beruhigend ihren Hund Mausi, der die Besucher meldet.

Immer noch tröpfelt es vom Himmel, aber unter dem Pavillon, umgeben von bunten Blumen, direkt am See mit eigenem Badesteg, ist es trotzdem sehr gemütlich. "Zehn Jahre sind wir nun schon hier, haben viel Zeit und Geld in unser Zweitheim investiert", erzählt Jauk.

Mit den Platznachbarn verbindet sie eine langjährige Freundschaft

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Schöne Feste haben sie hier gefeiert, mit den Platznachbarn verbindet sie eine langjährige Freundschaft. "Als wir unseren vorigen Stellplatz im Allgäu aufgeben mussten, haben wir sie hier besucht." Nehmt doch auch einen Stellplatz hier, schlugen die Bekannten vor, "aber das kam für mich gar nicht infrage", sagt Maria Jauk und lacht. "Bei dem Autobahnlärm, und dahinter rasen die Züge vorbei?" Ausgeschlossen. Zwei Stunden seien sie zusammen beim Kaffee gesessen, dann hätte die Bekannte gefragt: "Und, hörst du den Lärm noch?" Schon da hätte sie sich an den Geräuschpegel gewöhnt, schmunzelt Maria Jauk.

Als Übergangslösung sollte dann der Wohnwagen auf der schönen Seeparzelle aufgestellt werden. Und dabei sei es geblieben. Noch einmal neu aufbauen auf einem anderen Campingplatz werden die Jauks nicht mehr. "Wir werden langsam älter, da wird uns das zu anstrengend."

Ähnlich sehen das Renate Rauer und Werner Boldt: "Seit drei Jahren haben wir hier nun den wunderschönen See mit Paddelboot und eigener Seerose vor der Wohnwagentür", zeigt Renate Rauer ihr Schmuckstück. Gesundheitlich sei ein Urlaub nicht mehr so oft möglich, deshalb sei es umso bedauerlicher, dass nun hier auch Schluss mit Campen sei. "Würde es eine Verlängerung geben - wir würden sofort 'Ja' sagen", sind sich beide einig.

Schildkröte und Hund Idefix campen auch gerne

Gerne wiederkommen würde auch Familie Heilig. "Schon als 13-Jähriger war ich Anfang der 90er mit meinen Eltern hier", erzählt Familienvater Gino und trinkt einen Schluck vom Frühstückskaffee. Jetzt sei er mit seiner Familie als Durchgangscamper wieder hier gelandet, für die nächsten vier Wochen. Tipptopp aufgeräumt ist der riesige Wohnwagen, kein Stäubchen und kein Campingkram ist zu sehen. "Schuhe abputzen", ruft der dreijährige Julio, und eiligst wird der Aufforderung nachgekommen. Schließlich bekommt man nicht alle Tage eine echte "Camping-Schildkröte" vorgeführt, die auch im Wohnwagen mitreisen darf. Und der Familienhund Idefix sei auch schon ans Campen gewöhnt, erzählt stolz die neunjährige Yvette.

Die Einkaufsmöglichkeiten in Burgau und Umgebung sind ideal

Sehr praktisch, so Mama Georgia, sei der Campingplatz direkt an der Autobahn, besonders bei der Weiterreise. "Man hat alles in der Nähe: Dusche, Toiletten." Auch die Gaststätten und Einkaufsmöglichkeiten in Burgau und Umgebung seien ideal. Der Autobahn- oder Zuglärm störe sie nicht besonders. "Wir wohnen in Nürnberg neben dem Bahnhof." Und der Burgauer See sei insbesondere bei den momentanen Temperaturen eine willkommene Abkühlung.

Nicht nur zum Baden, sondern hauptsächlich zum Fischen nutzt Dauercamper Josef Esser den Autobahnsee. Beruflich immer unterwegs, sei er nun seit einem Jahr hier auf dem Platz, davon die letzten zehn Monate am Stück. "Schon morgens um 5 Uhr draußen angeln zu können, das wird mir fehlen", bedauert er zutiefst den bevorstehenden Abbau. "Die ersten zwei Tage", lächelt Esser, "habe ich den Autobahnlärm wahrgenommen. Dann gewöhnt man sich an den Geräuschpegel."

Zusammen mit Nachbar und Fischerkollege Michael Rauer zeigt der gebürtige Euskirchener stolz seinen nagelneuen Holzsteg mit Angelhalter. Und auch gleich noch die komplette Angel-Sammlung, feinsäuberlich aufgehängt im Vorzelt, direkt neben dem Bügelbrett. "Mir ist zum Heulen zumute, wenn ich mir vorstelle, hier meine Zelte abbrechen zu müssen." Auch die beiden leidenschaftlichen Angler lädt Pächterin Katharina Stocker zum zünftigen Spanferkel-Abschiedsessen ein, wie alle anderen Camper. "Schließlich haben wir hier, egal ob Durchgangs- oder Dauercamper, eine schöne Zeit verbracht." Und viele Feste gefeiert.

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