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Burgau

23.12.2017

Die letzten Stunden im Burgauer Jugendtreff

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8 Bilder
Nadine Erath und Tobias Ullmann spielen mit Jugendlichen noch eine Runde Airhockey im Jugendtreff. Essen und Getränke sind zum Abschied gratis, die Vorräte müssen aufgebraucht werden.
Bild: Christian Kirstges

Die Jugendhilfe Seitz hat sich mit einer kleinen Party aus Burgau verabschiedet. Der Wehmut ist bei Betreuern und Besuchern groß – zumal es keine Nachfolgelösung gibt.

Sie zocken noch einmal ein Fußballspiel auf der Playstation, spielen Poker um eine Tüte Twix, messen sich im Airhockey, essen Toast und Chips – und quatschen. Fast 20 Jugendliche sind am Donnerstag ein letztes Mal in ihren Treff an der Kapuzinerstraße zwischen Grundschule und Therapiezentrum gekommen. Ein letztes Mal, weil nach einem Beschluss des Burgauer Stadtrats der Vertrag mit der Jugendhilfe Seitz nicht verlängert wird und der Treff schließen muss. Die Resonanz auf das Angebot war der Mehrheit des Rats nicht groß genug gewesen, nur wenige hatten sich deutlich für eine Fortführung ausgesprochen. Nadine Erath und Tobias Ullmann von der Jugendhilfe sagen, seit der Entscheidung seien immer weniger gekommen, die Jugendlichen hätten resigniert. Einer habe zwar noch eine Unterschriftenaktion zum Erhalt initiieren wollen, daraus sei aber nichts geworden.

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Die beiden sind wehmütig. „Es ist schade, wir haben hier viel Energie reingesteckt“, sagt Erath. „Ein paar Jugendliche haben jetzt sogar gemeint, sie kaufen das Gebäude und dann geht es weiter.“ Sie findet es zwar gut, dass die Vereine in der Stadt nun stärker unterstützt werden sollen, aber es hätte aus ihrer Sicht beides gebraucht. „Wer hierher kommt, ist nicht unbedingt in einem Verein.“ Dass eine falsche Information zum Alter der Nutzer des Treffs verbreitet und der Eindruck erweckt worden sei, es seien vor allem Kinder gewesen, ärgert sie.

Manchen Jugendlichen waren zuletzt zu viele Kinder hier

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An diesem Abend sind viele Ältere da, etwa der 17-jährige Etienne. Er war gerne im Treff, hier konnte er sich mit Freunden zusammensetzen statt „auf der Straße rumzulungern“. Er würde sich wünschen, dass es hier weitergeht, die Schließung „kann ich nicht verstehen“. Hier sei immer jemand gewesen, den er kannte, mit dem er reden und Spaß haben konnte. Wo er sich jetzt mit seinen Kumpels treffen soll, weiß er noch nicht.

Fabian, 16 Jahre alt, und ein gleichaltriger Freund, der seinen Namen nicht hier lesen möchte, waren auch oft hier. „Wir konnten unsere Freunde treffen und mussten nicht draußen sein“, sagt Fabian. Zuletzt seien sie allerdings seltener gekommen, „es waren zu viele kleine Kinder hier, für Ältere war das nichts mehr“. Trotzdem finden sie es schade, wie der Stadtrat entschieden hat. „Wir wollten jetzt nochmal kommen, um uns zu verabschieden.“ Sie treffen sich nun bei Freunden oder beim V-Markt, „da gibt es freies WLAN“. Es fehle eben eine Anlaufstelle für ältere Jugendliche in Burgau, auch die Öffnungszeiten des Treffs seien nicht lang genug gewesen. Hier Alkohol trinken zu dürfen hätte für sie schon etwas geändert, aber sie verstehen, dass das mit den jüngeren Besuchern nicht möglich gewesen sei.

Die Jugendlichen kamen mit ihren Problemen zu den Betreuern

Tobias Ullmann freut sich jedenfalls sehr, „dass sich so viele verabschieden und dass so vielen der Treff etwas bedeutet hat“. Von denen, die gekommen sind, wissen einige nicht, warum es hier nicht weitergeht. Wenn Erath und Ullmann es ihnen erklären, ist die Reaktion immer dieselbe: Unverständnis. Einer meint beim Rausgehen noch: „Hoffentlich macht er bald wieder auf.“

Erath sagt, dass es nicht leicht gewesen sei mit den ganz unterschiedlichen Alters- und Herkunftsgruppen, „man kann es nicht allen recht machen“. Dass alle miteinander auskommen, sei auch manchmal schwierig gewesen. Aber es habe für sie viele besondere Momente gegeben, etwa als sie mit ein paar Jungs anderthalb Stunden das Musikspiel „Guitar Hero“ spielte, „danach waren wir durchgeschwitzt“. Aber vor allem, dass viele mit Problemen zu ihr und ihren Kollegen kamen, sie zusammen Lösungen suchten, hat ihr viel gegeben. „Die Beziehungsarbeit hat Früchte getragen.“

Die Betreuer gaben den Jugendlichen viele Tipps fürs Leben

Ein anderer Fabian, ebenfalls 16 Jahre alt, war alle zwei bis drei Wochen im Treff. Er fand es gemütlich und hat gern mit Freunden Playstation gespielt, gekickert, Musik gehört und „sehr viel geredet“ mit den Betreuern. Sie hätten viele Tipps gegeben fürs Leben. Auch Sportaktionen waren ihm wichtig. Die Entscheidung des Stadtrats kann er nicht verstehen, zumal er hier nie jemanden aus dem Gremium gesehen habe. Ullmann sagt, es hätten sich nur wenige einen eigenen Eindruck verschafft.

Jetzt wird sich Fabian mit seinen Freunden eben auch am Minifeld oder am V-Markt treffen, auch wenn man das dort nicht gerne sehe. Tobias Ullmann sagt noch, dass die „Gemeinde wohl was falsch verstanden hat. Das hier war eine offene Jugendarbeit, keine geschlossene. Wir können keinen zwingen, reinzukommen.“ Einer der Besucher sagt zum Abschluss: „Dann bis zum Erwachsenentreff.“ Eine Anlaufstelle hätten alle gerne wieder.

Bürgermeister: „Wir werden eine Lücke bekommen“

Was aus dem Gebäude wird, weiß hier keiner. Die Einrichtung bleibt drin, sie gehört der Stadt. Es ist aber das eingetreten, wovor man gewarnt hatte: Eine Nachfolgelösung gibt es noch nicht, die Jugendarbeit wird somit wieder unterbrochen. Bürgermeister Konrad Barm (Freie Wähler) sagt im Gespräch mit unserer Zeitung, es seien zwei Gespräche geführt worden, ein Ergebnis gebe es aber noch nicht. Er will auch nicht in Abrede stellen, dass die Jugendhilfe Seitz sich bemüht und eine „positive Arbeit“ geleistet habe.

Es sei vom Rat aber richtig gewesen zu sagen, dass die Jugendhilfe nicht das geboten habe, was man sich vorgestellt hatte – und sie ohne eine richtige Perspektive weitermachen zu lassen wäre auch nicht richtig gewesen, findet er. Die Stadt wollte zum Ende des Jahres, wenn der Vertrag ausläuft, schon „etwas Konkretes“ haben, aber eine Neuauflage des Bisherigen werde nicht funktionieren. Jedenfalls sei es nicht darum gegangen, Geld zu sparen, indem der Vertrag nicht verlängert wird. „Wir werden eine Lücke bekommen, aber etwas Halbes statt etwas Ganzem ist auch nicht gut“, sagt Barm.

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