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Günzburg

11.11.2018

Erster Weltkrieg: „Ihr werdet andere Männer im Feld“

Ihr Buch „Mit treudeutschem Gruß“ hat Autorin Caro Clement bei einer Lesung und im Gespräch mit Stadtarchivar Raphael Gerhardt im Günzburger Heimatmuseum vorgestellt. Das Werk basiert auf einem Briefwechsel der gebürtigen Günzburgerin Lizzy Leimer mit ihrem Geliebten Friedo Talg. Es ist die Geschichte einer tragischen Liebe inmitten des Ersten Weltkriegs.
Bild: Kaiser

Autorin Caro Clement liest aus der Korrespondenz zwischen dem Soldaten Friedo Talg und der Günzburgerin Lizzy Leimer.

Das Glück war nur von kurzer Dauer. Und geprägt von der scheinbar irrealen Zeit des Ersten Weltkriegs. Zufällig hatten sich die gebürtige Günzburgerin Lizzy Leimer und der Soldat Friedo Talg aus dem niedersächsischen Soltau im Frühjahr 1916, mitten im Krieg, in Augsburg kennen und lieben gelernt. Ein Jahr später war der junge Mann tot – erschossen an der Front in Frankreich.

Hinterlassen hat das Liebespaar eine Reihe von Briefen und Postkarten. Sie künden auf anrührende Weise von Wünschen und Sehnsüchten, von Leid und Tod auf den Schlachtfeldern und in der darbenden Heimat. Sie machen Geschichte anschaulich und geben ihr ein sehr menschliches Gesicht. Die Autorin Caro Clement hat daraus das Buch „Mit treudeutschem Gruß“ gemacht (wir berichteten) und bei einer Lesung, veranstaltet von Stadt und Historischem Verein, am Donnerstagabend im Günzburger Heimatmuseum vorgestellt.

„Schlafwandler“ nennt der australische Historiker Christopher Clark in seinem gleichnamigen Buch die politischen und militärischen Führer Europas, die 1914 den Ersten Weltkrieg vom Zaun gebrochen hatten. Es wurde ein böses Erwachen.

„Der Krieg macht uns noch alle wahnsinnig“

Den Spannungsbogen zwischen Pflichterfüllung im Krieg und dem Wunsch nach Frieden illustriert der Briefwechsel zwischen Lizzy Leimer und Friedo Talg. „Schenke uns den Sieg und die Herrlichkeit“ schreibt der Soldat zunächst in einem umgedichteten Vaterunser. Nur wenig später erkennt der 25-Jährige, einem „täglichen Schwindel“ aufgesessen zu sein. In einem anderen Brief lässt er seiner Wut über jene freien Lauf, die den Krieg zu verlängern trachten. „Wann geht es endlich zum Schluss? Der Krieg macht uns noch alle wahnsinnig.“

Und doch: Friedo Talg kann nicht anders. Er, der die verheerenden Schlachten bei Verdun und an der Somme überlebt hatte, war bei einem Kontrollgang im Mai 1916 in die Nähe französischer Schützengräben geraten. Er hätte sich freiwillig in Gefangenschaft begeben können. Er tut es nicht. Befehl und Gehorsam siegen. „Er ist mit dem Strom geschwommen“, sagt Caro Clement. Das hat ihn das Leben gekostet.

Der Geliebte wird ihr ein bisschen fremd

Für die Autorin sind Lizzy Leimer und Friedo Talg „tragische Figuren“ – beide auf ihre Weise. Aus der Heimat schreibt die junge Frau: „Ihr werdet ganz andere Männer im Feld.“ Der zusehends gealterte Geliebte, wie auf Fotos zu sehen ist, wird ihr aus der Ferne ein bisschen fremd. Trotzdem – oder deswegen – wünscht sie sich nichts sehnlicher, als Friedo in die Arme nehmen und küssen zu können. Auch das ist eine tragische Seite der Geschichte: Beide hatten ihre Liebe vor den Familien verheimlicht, Friedo war einer anderen Frau versprochen.

Vor dem Krieg lebte Lizzy lange in Paris, Friedo wollte nach England zum Studium der dortigen Tuchfabriken. Von den angeblichen Erbfeinden keine Spur. Interessierte Kreise hatten den Menschen das – erfolgreich – eingeredet. Mit dem Ergebnis eines unsäglichen Blutbades. Erst nach und nach hatte sich bei Soldaten und Daheimgebliebenen die Erkenntnis durchgesetzt, für eine Sache, die nicht die ihre war, geopfert worden zu sein.

„Jeder muss ein Friedenshüter sein“

Im Alter von 88 Jahren war Lizzy Leimer, seit 1920 verheiratet mit dem Landmaschinenvertreter Ernst Grallath, 1974 in Günzburg gestorben. Erst danach hat Caro Clement über ihre Tante Luise von Lizzys und Friedos Liebe und ihren Briefen erfahren. Sie waren bei der Tante in einer Zigarrenkiste verstaut. Mithilfe des früheren Stadtarchivars Walter Grabert und dank der Erinnerungen von Herbert Schnitzler an seine Nenn-Tante Lizzy war es der Autorin gelungen, den Günzburger Spuren von Lizzy Leimer zu folgen.

Im Gespräch mit Museumsleiter und Stadtarchivar Raphael Gerhardt zog Caro Clement ihr persönliches Fazit aus dem Schicksal von Lizzy und Friedo: „Jeder muss ein Friedenshüter sein. Passen wir auf, dass das Paradies des Friedens bewahrt bleibt.“

Das Buch „Mit treudeutschem Gruß“ von Caro Clement ist erschienen im tredition-Verlag Hamburg. Es umfasst 360 Seiten und kostet 16,99 Euro.

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11.11.2018

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