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27.09.2008

"Es gibt für jedes Problem eine Lösung"

Günzburg Diese Antwort wird Luzia Hanl nie vergessen. Sie hat sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Sie erinnert sich noch genau an die Situation, obwohl es Jahre her ist. Es war bei einem Gerichtstermin am Günzburger Amtsgericht. Hanl kümmerte sich um ein Kind, dessen Eltern mitten in einem Scheidungsprozess steckten. Auf die Frage "Zu wem möchtest Du denn lieber? Zu Mama oder zu Papa?" kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen: "Mama und Papa sollen sich nicht mehr streiten." Für Hanl klang das wie ein Hilfeschrei, wie eine Aufforderung an sie, etwas dagegen zu unternehmen. Sie nahm es sich zu Herzen und sich vor: "Ich werde Eltern dazu bringen, nicht mehr zu streiten." Und so wurde sie Mediatorin.

Seit vier Jahren vermittelt die zierliche Frau mit dem Kurzhaarschnitt und der Brille jetzt zwischen Ehepaaren. Zwischen Mann und Frau, die kurz vor der Trennung stehen oder schon lange getrennt sind und ihre Sorgen einfach nicht alleine lösen können. Und ihren Konflikt aber keinesfalls vor Gericht ausbreiten wollen. Hanl, selbst seit fast drei Jahrzehnten glücklich verheiratet, weiß um die Probleme: "Ab einem bestimmten Zeitpunkt stagniert das Gespräch, man dreht sich im Kreis, kommt einfach zu keiner Lösung." Die versucht sie, als neutrale Person, zu finden - in Zusammenarbeit mit den Betroffenen. "Ich helfe nur, die Entscheidungen müssen die Paare selbst treffen. Ich übernehme die Gesprächsführung, die Verantwortung bleibt bei den Paaren."

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Zuhören fällt oft schwer

Die Streithähne sind es auch, die kommunizieren sollen. Miteinander. Ganz offen. Die sich endlich mal wieder gegenseitig zuhören sollen. "Das fällt oft schwer, wenn man sich lange angeschwiegen oder immer nur gestritten hat", weiß Luzia Hanl. Sie selbst hält sich bei den Gesprächen weitgehend raus, sie greift nur ein, "wenn es nicht mehr konstruktiv ist". Die Paare sollen die Themen eigenhändig sammeln, festlegen und darüber "verhandeln" - natürlich mit ihrer Hilfe. Aber sie spricht nicht viel, stellt nur ab und zu Fragen und besänftigt, wenn Streit droht. Geschickt macht sie das, durch die Art, wie sie die Gespräche lenkt, bringt sie Paare dazu, sich zu einigen. "Es gibt für jedes Problem eine Lösung", ist sie fest überzeugt. Sei es bei der Frage, wer sich um die Kinder kümmert, wie das Vermögen oder der Hausrat aufgeteilt werden. Oder wenn es darum geht, wer die alte Holzkommode kriegt. "Das kann schon mal länger dauern. Aber in der Regel haben die Leute die Absicht, sich gütlich zu einigen. Das gibt Energie, sich auch tatsächlich irgendwann zu einigen", erzählt sie und lächelt.

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Keine Partei ergreifen

Luzia Hanl lächelt viel, sie strahlt Ruhe aus, ihre Stimme ist leise, sanft und wirkt beruhigend. Man soll sich bei ihr wohlfühlen, sagt sie und reicht Cappuccino und Kekse. Hanl bleibt immer neutral, sie wertet nicht, ergreift weder Partei für den einen noch für den anderen.

"Meine Meinung darf nie sichtbar werden", sagt sie. Genauso wenig versucht sie Paare zu überreden, doch zusammenzubleiben. "Das ist nicht meine Aufgabe. Mein Ziel ist es, zu klären, zu vermitteln." Die Vergangenheit interessiert sie dabei nicht. "Der Blick ist nach vorne gerichtet", sagt Hanl.

Nur ganz selten kommen Paare zu Luzia Hanl, die eine Trennung als Notlösung sehen, eigentlich lieber zusammenbleiben würden. An einen solchen Fall erinnert sich Hanl noch, es war einer ihrer ersten. Das Pärchen hatte Finanzprobleme. Am Ende konnten sie sich einigen, "sie leben bis heute zusammen", freut sich Hanl. Am häufigsten vermittelt sie nicht etwa zwischen Jungverheirateten, die sich schnell in die Haare bekommen haben, sondern zwischen "Menschen rund um die Silberhochzeit". Die Langverheirateten, die sich irgendwann auseinandergelebt haben, machen mehr als 50 Prozent ihrer Fälle aus.

"Die wollen sich nicht vor Gericht streiten", weiß Hanl. "Solche Leute haben lange zusammen gekämpft und gespart und wollen nicht, dass ihr Vermögen in einem Scheidungsstreit aufgebraucht wird." Am liebsten hätten sie es, wenn niemand etwas von ihrer Trennung mitbekommt. Still und leise soll es über die Bühne gehen. Bei Luzia Hanl kein Problem, in ihrer Praxis, die in einem kleinen Raum im Sozialzentrum untergebracht ist, begegnen sich keine Klienten. Zwischen den einzelnen Terminen liegen ausreichend Pausen.

Die braucht sie auch für sich selbst. Um das Erlebte zu verkraften. Sie stecke zwar nicht so tief drin im Geschehen wie ein Therapeut, "aber manchmal bin ich schon persönlich betroffen". Dafür gebe ihr die Mediation auch viel zurück. Sie habe gelernt, sich zu kontrollieren, nicht so impulsiv zu sein. Und den Partner zu schätzen. "Wir verwenden viel zu viel Zeit auf Materielles. Man muss zuerst auf die Beziehung achten."

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