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Günzburg

14.02.2019

Für die Karriere schreckte Heilmeyer vor nichts zurück

An der Ludwig-Heilmeyer-Straße in Günzburg liegen unter anderem die Kliniken. Jetzt muss der Stadtrat entscheiden, ob der Name des umstrittenen Gründers der Uni Ulm aus dem Stadtbild getilgt wird.
Bild: Bernhard Weizenegger

Am Montag entscheidet der Günzburger Stadtrat, ob die nach dem umstrittenen Mediziner benannte Straße einen anderen Namen bekommt.

Die Günzburger Stadträte schnappten vernehmbar nach Luft. Sie waren sichtlich erschüttert, obwohl die meisten den Vortrag von Florian Steger, Universitätsprofessor und Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Ulm, über Ludwig Heilmeyer schon im vergangenen Jahr gehört hatten. Steger hatte seine Erkenntnisse über den Gründungsrektor der Uni Ulm in einer eigens anberaumten, öffentlichen Sitzung des Hauptausschusses des Günzburger Stadtrats vorgestellt. Auch Ratsmitglieder, die nicht im Aussschuss sitzen, waren dazu ins Rathaus gekommen. Am kommenden Montag soll der Gesamtstadtrat die Entscheidung treffen, ob die nach Heilmeyer benannte Straße umbenannt werden soll , an der neben dem Bezirkskrankenhaus und der Kreisklinik auch Arztpraxen, die Dr.-Georg-Simnacher-Stiftung, die Kitas von Kids&Company, die Günzburger Malteser und eventuell bald das Kreisaltenheim liegen.

Zuvor hatte Oberbürgermeister Gerhard Jauernig hatte an die Geschichte der Günzburger Straßennamen erinnert. Die ersten tauchen 1826 in einem Kataster auf, die meisten Häuser tragen damals Nummern. Erst 100 Jahre später haben alle Günzburger Straßen Namen – „außer einigen Persönlichkeiten der Habsburger-Dynastie gab es damals keine Personen, die Namensgeber von Straßen waren“, so der OB. Das änderte sich ab 1933 dramatisch, als Repräsentanten des Nazi-Unrechtsstaats mit eigenen Straßen geehrt wurden. In seiner ersten Stadtratssitzung nach dem Krieg wurde dies wieder korrigiert. Umbenennungen gab es seitdem meistens durch die Eingemeindung von Stadtteilen, um Dopplungen zu vermeiden. 2015 beschloss der Stadtrat, den Christian-Frank-Weg neu zu bezeichnen, nachdem die Forschung gezeigt hatte, dass der in Günzburg geborene Geistliche als überzeugter Nationalsozialist der Euthanasie geistig den Weg bereitet hatte.

Ludwig Heilmeyer war Gründungsrektor der Uni Ulm.
Bild: Archiv der Universität Ulm (Archivfoto)

Kann man dem Mediziner Cr ähnliches vorwerfen? War Heilmeyer der „Heil-Meyer“, als den ihn ein Journalist in Die Welt 1969 bezeichnete – oder einfach nur der opportunistische und karrierefixierte Ich-Meyer? Florian Steger unterteilte seine Betrachtung auch diesmal in zwei Zeitabschnitte: Zum einen in die Zeit vor 1945, in der Heilmeyer verzweifelt, aber erfolglos versuchte, Mitglied der NSDAP zu werden, um davon berufliche Vorteile zu erhalten. Und zum anderen in die Nachkriegszeit, in der Heilmeyer als Teil eines Männernetzwerks Mediziner des Naziregimes in seiner Freiburger Wirkungsstätte unterschlüpfen ließ, sie protegierte und noch Jahre später öffentlich würdigte. In einem Gutachten über Wilhelm Beiglböck, der im KZ Buchenwald bei Versuchen Sinti und Roma Meerwasser zu trinken gab, äußerte sich Heilmeyer 1949 offen rassistisch.

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Heilmeyer profitierte von seinem "Männernetzwerk"

Steger beschreibt, dass auch Heilmeyer von dem „Männernetzwerk“ profitiert. „Wer 1945 einen Ruf an den Lehrstuhl nach Düsseldorf bekommt, erhält ihn nicht von auf´geklärten Demokraten“, stellt der Medizinhistoriker klar. Nirgendwo in Deutschland sei die Elitenkontinuität so groß gewesen wie in Baden-Württemberg. „Vor allem in der Medizin und der Jurisprudenz sind nach 1945 viele Personen im Amt geblieben.“ Dabei sei Heilmeyer kein überzeugter Nationalsozialist, sondern ein Opportunist gewesen.

„Er schreckt vor nicht zurück, und das ohne Not“, diese Einschätzung Florian Stegers über Heilmeyer ist für SPD-Stadträtin Martina Haltmayer „der zentrale Satz dieser Ausführungen“. Für Steger läuft in Sachen der Umbenennung der Straße alles auf eine Frage hinaus: „Haben wir es hier mit jemandem zu tun, der vorbildlich gehandelt hat, der ein Vorbild sein kann für Kinder und Jugendliche, für uns als aufgeklärte Demokraten?“ Seine Antwort darauf, die er auch schon im vergangenen Jahr bei seinem Vortrag in Günzburg gegeben hatte, ist klar: „Das ist er nicht. Heilmeyer ist kein Vorbild.“

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Rebekka Jakob: Günzburg muss den Straßennamen ändern

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