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Handel- und Gastro-Serie (10)

17.12.2020

Jörg und Anna Hurler aus der Bäckerei in Leinheim sind die Brot-Enthusiasten

Die Bäckerei Hurler in Günzburg-Leinheim ist ein Familienbetrieb. Tochter Anna will den Betrieb einmal von Vater Jörg übernehmen.
Bild: Christian Kirstges

Plus Anna Hurler will die Bäckerei der Familie in Günzburgs Stadtteil Leinheim einmal weiterführen. Sie ist eine der besten ihres Fachs – und will die Leute vor allem von einem überzeugen.

Einzelhändler, Gastronomen/Hoteliers und „Lebensmittelhandwerker“ wie Bäcker und Metzger machen eine Innenstadt und ein Dorf lebendig. Doch schon vor Corona haben viele um die Zukunft gekämpft, vielerorts haben Betriebe mangels Nachfolger schließen müssen. Corona hat die Probleme verschärft. In einer Zeit, in der durch das Virus und seine Folgen Innenstädte und Dörfer weiter auszubluten drohen, will unsere Zeitung einen Kontrapunkt setzen und über die berichten, bei denen die Nachfolge geregelt ist. So heißt unsere Serie auch, der Einfachheit halber auf Überbegriffe fokussiert: „Handel und Gastronomie mit Zukunft“.

Sie ist gerade mittendrin in der Meisterschule: Anna Hurler aus der Bäckerei Hurler im Günzburger Stadtteil Leinheim. Am 14. September war dort für sie der erste Tag, sieben Monate dauert’s, und für den Betriebswirt kommen zwei oben drauf. Von klein auf war sie mit dabei in der Backstube, hat beispielsweise beim Plätzlebacken geholfen und hier die zweieinhalbjährige Ausbildung absolviert – bei weiterführenden Wettbewerben wurde sie Kammersiegerin und Zweitbeste des Bayerischen Landesentscheids. Müsste sie sich nochmal entscheiden, was sie beruflich macht, „ich würde es niemals anders machen“, betont die 20-Jährige.

Doch ganz so klar war das am Anfang nicht, und auch nicht geplant, sagt Vater Jörg. Zwar hätten auch ihre Zwillingsschwester und der kleine Bruder immer mitgeholfen, erzählt Mama Karin, „aber wir wollten keinen Zwang ausüben“. Und so hat Anna erst einmal Praktika in „Bürojobs“ gemacht, um zu erkennen, dass die nichts für sie sind. Doch als sie dann konsequent in der Backstube mitmachte, „hatte ich so viel Spaß, dass für mich klar war: Das ist es.“ In der achten oder neunten Klasse sei das gewesen. Ihre Schwester hingegen ist Fachwirtin in einem kaufmännischen Beruf, und der Bruder, 14, muss sich ohnehin noch orientieren, was er einmal machen will. „Dabei hat er früher mal gesagt, dass er mit Anna die Backstube übernehmen will“, meint Karin Hurler schmunzelnd. Den Plan habe er zumindest derzeit aufgegeben, „ständig hat er neue Ideen“, ergänzt Anna. Wie Jungs in dem Alter nun einmal so sind.

Dass Anna Hurler in die Bäckerei in Leinheim einsteigt, war eine Überraschung

Gegründet wurde der Betrieb 1949 von Jörg Hurlers Großvater Franz und dessen Frau Ida, 1978 übernahmen Hurlers Vater Lothar und Mutter Christine. Seit 2007 führt Jörg Hurler mit Frau Karin die Bäckerei. „Für mich war es vorbestimmt, dass ich es mache.“ Bei seinem Bruder hingegen sei klar gewesen, dass der es nicht wolle. Dass Anna 2016 als Lehrling einstieg, sei schon eine Überraschung für die Familie gewesen, sagt sie selbst. Aber das Betriebsklima sei perfekt und man habe nach getaner Arbeit etwas in der Hand, was man selbst geschaffen hat – da sei für sie auch klar, dass sie den Betrieb einmal fortführen will. Doch zunächst wird sie nach der Meisterprüfung eine Zeit lang normal mitarbeiten und dann will sie sich noch in anderen Bäckereien umsehen, um weitere Erfahrungen zu sammeln.

Dabei, erzählt Mama Karin, hätten die Kinder früher immer gesagt, dass sie das Handwerk nicht lernen oder gar die Bäckerei weiterführen wollen, „weil Mama und Papa immer so viel arbeiten“. Doch inzwischen sieht Anna das anders, „die Arbeit ist unser Hobby“. Und Papa Jörg sagt, früher sei sein Hobby der Fußball gewesen, und jetzt eben die Backstube. Mit 16 hatte er die Lehre begonnen, und weil sein Vater viel im Außenverkauf unterwegs war, hätten die Mitarbeiter häufig mit Backmischungen gearbeitet.

Die Bäckerei Hurler in Günzburg-Leinheim ist ein Familienbetrieb.
Bild: Bäckerei Hurler

Als er dann übernahm, „habe ich viel auf den Kopf gestellt“, sagt der 50-Jährige. Seither werde auf so etwas verzichtet, stattdessen stehe das Handwerk mit natürlichen Rohstoffen im Fokus. Sie, sagt Anna und lacht, habe noch nichts gefunden, was sie einmal auf den Kopf stellen will. Heute haben die Hurlers übrigens neben dem Verkaufsraum einen Brotshopwagen, zwei Fahrzeuge für den Firmenverkauf und einen weiteren Wagen, der seit Corona steht, weil Lothar Hurler, 74, damit zu den Kunden fuhr, aber keinem Gesundheitsrisiko ausgesetzt werden soll.

"Der Sonntag ist für uns nun einmal kein Sonntag"

Warum es nicht in allen Bäckereien so läuft, wenn Kinder da sind, also die Nachfolge gesichert ist, vermag Jörg Hurler als stellvertretender Obermeister der Innung im Landkreis auch nur zu mutmaßen. Die Jugend habe heute nun einmal viele Möglichkeiten und Freiheiten, es werde nicht mehr darauf bestanden, dass jemand unbedingt weitermachen muss. Und viele meinten, das Geld sei woanders leichter verdient.

„Der Sonntag ist für uns nun einmal kein Sonntag“, sagt seine Frau. „Auch wenn wir auf unsere Auszeiten achten.“ Dafür sei er ja hier den ganzen Tag zu Hause, betont wiederum ihr Mann. Ein Problem sei sicherlich, wenn Betriebe nicht kontinuierlich investierten und dann die nächste Generation so viel auf einmal reinstecken müsste, dass sich das keiner leisten könne. Dass er vor nicht allzu langer Zeit angebaut und neue Geräte gekauft hat, habe aber nichts damit zu tun, dass seine Tochter die Bäckerei weiterführen will. Er bekomme dadurch mehr Schlaf und die Qualität werde auch besser, weil der Teig nun länger reifen könne.

Ein kleiner Bäckertourismus nach Leinheim

In der Meisterschule, sagt Anna, seien viele aus kleinen Familienbäckereien. Und ihre Freunde schätzten ihre Arbeit, sie wolle jedem vermitteln, wo der Qualitätsunterschied zwischen einem solchen Betrieb und Großbäckereien liege. Den ein oder anderen habe sie schon davon überzeugen können, doch nicht mehr am Aufbackautomaten im Discounter zu kaufen. Papa Jörg freut dieser Enthusiasmus, „junge Bäcker streben auf“, es gebe wieder mehr, die die Branche beleben und sich auf den Ursprung dessen besinnen, was einen Handwerksbäcker ausmache: die Qualität.

Bäckermeister Jörg Hurler aus dem Günzburger Stadtteil Leinheim hat wieder für die Kartei der Not Stollen gebacken.
Bild: Christian Kirstges

Nicht nur die Eltern, auch die Kunden freuten sich, dass die Nachfolge gesichert ist, erzählt Karin Hurler, 48. „Es gibt ja ohnehin schon einen kleinen Bäckertourismus nach Leinheim“, sagt Jörg. „Das ist schön zu sehen.“ Auch aus dem Raum Augsburg und der Region Dillingen hätten sie inzwischen einige Kunden. Wäre es angesichts dessen nicht eine Überlegung wert, etwa in der Günzburger Innenstadt eine Filiale zu eröffnen? Da ist sich Anna noch unschlüssig. Das sei kosten- und zeitaufwendiger. „Und da ist nicht die Frische möglich, wie wir sie hier haben“, meint ihr Vater.

Die Tochter will noch andere Brot-Erfahrungen sammeln

Mit seinem Vater und seiner Mutter, 71, hat der Betrieb 18 Mitarbeiter, wobei nicht alle in Vollzeit tätig sind. Ohne die Hilfe der eigenen und der Schwiegereltern wäre alles schwieriger, und ohne die Familie generell. Sie habe etwa beim Plätzlebacken geholfen. Nicht einfach ist die Lage wegen Corona, Feiern fehlen und auch Firmen brauchen weniger Ware angesichts vieler Mitarbeiter im Homeoffice.

Das Ladengeschäft „brummt“ zwar, aber kompensieren könne es die Ausfälle nicht. Trotzdem haben die Hurlers allen Anlass, positiv nach vorne zu sehen. Und sie wollen weiter Einblicke in ihre Arbeit geben, was über die sozialen Medien wie Facebook und Instagram heute ja leicht geworden ist – und viele begeistert, wie die Reaktionen auf den Seiten der Bäckerei zeigen. Einblicke gewinnen will Anna nach der Meisterprüfung am liebsten bei Branchengrößen wie den „Brotpuristen“ aus Speyer oder Max Kugel aus Bonn. Das passt, denn wenn hier auch kreative Torten und andere Köstlichkeiten entstehen: Begeistern kann sie sich wie ihr Vater vor allem für eines: einfach gutes Brot.

Besonderer Stollen Die Bäckerei Hurler hat für die Kartei der Not, das Leserhilfswerk unserer Zeitung, wieder Stollen gebacken. Zu kaufen gibt es sie in der Bäckerei und auch in den Verkaufswagen. Einer kostet 7,80 Euro, davon gehen 1,50 Euro an die Kartei der Not. Mehrere hundert Stück sind bereits verkauft worden in diesem Winter.

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