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Literaturabend

17.03.2015

Mord im Pfarrhaus

Sie gestalteten den ökumenischen Literaturabend im Leipheimer Jakob-Wehe-Haus (von links nach rechts): der Organist von St. Paulus, Josef Reichl, Pfarrer Hartmut Babucke und Pfarrer Johannes Rauch.
Bild: Bartenschlager

Was bei geistlichen Herrn im Bücherregal steht, wurde in Leipheim verraten

Was lesen die geistlichen Herren von Leipheim und Riedheim, wenn sie (mal) nicht die Bibel lesen? Überraschende Antworten auf diese Frage gaben der katholische Pfarrer Johannes Rauch und sein evangelischer Kollege Pfarrer Hartmut Babucke im Leipheimer Jakob-Wehe-Haus. Pfarrer Gerhard Oßwald hatte sein Kommen ebenfalls zugesagt, war jedoch an diesem literarischen Abend, den Volkshochschule und das Kuratorium der Stadtbücherei gemeinsam gestalteten, aus Krankheitsgründen verhindert. Josef Reichl, Organist der St.-Paulus-Kirche, gab eindrucksvoll am Flügel die Richtung vor – mit jazzigen Kriminalgeschichten für Klavier, komponiert von Hans Werner Clasen unter dem Titel „Tatort Klavier“, aus dem Kenner musikalische Anlehnungen an frühere Edgar-Wallace-Filme heraushörten. Und tatsächlich: Pfarrer lieben Krimis!

Geistlicher Rat Johannes Rauch bot mit der in Venedig lebenden amerikanischen Bestsellerautorin Donna Leon einen leichten Einstieg in das literarische Geschehen des Abends. Mit ihrem 2003 verfilmten Romandebüt „Venezianisches Finale“ brachte er die Zuhörer zum Schmunzeln, denn sie kannten aus dem Fernsehen Comissario Brunetti und die kriminalistischen Schauplätze der Lagunenstadt.

Beim 1991 veröffentlichten Erstlingsroman „Der Hahn ist tot“ der deutschen Erfolgsschriftstellerin Ingrid Noll konfrontierte Johannes Rauch sein Publikum mit einer skurrilen Kriminalgeschichte, in der Rosemarie Hirt, eine „übrig gebliebene“ Dame mittleren Alters endlich die Liebe ihres Lebens entdeckt, sie unbedingt festhalten will und nicht davor zurückscheut, über Leichen zu gehen, um den Mann ihrer Träume zu erbeuten.

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Bei seiner dritten Buchvorstellung gelangte dann doch das christlich-religiöse Element beim katholischen Seelsorger zu seinem Durchbruch. Mit Andrea Ricardis in deutscher Übersetzung erschienenen Biographie über Papst Johannes-Paul-II. öffnete Pfarrer Rauch seinem gebannt lauschenden Publikum einen Einblick in einen einschneidenden Moment im Leben Karol Wojtylas, jenem 13. Mai 1981 um 17.19 Uhr, als bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz der Papst von den Schüssen seines Attentäters getroffen wurde.

Mit zunächst deutlichem Kontrast zu seinem Kollegen tauchte Pfarrer Babucke in den literarischen Abend ein. Was ist ein richtiges Glückserlebnis? Annegret Braun gibt in ihrem Buch „Wie Frauen Glück erleben“ darauf Antworten. Die Autorin ist Lehrbeauftragte am Institut für Volkskunde an der Ludwig-Maximilian-Universität München und hat mit ihren Studenten 700 Menschen nach Glückserlebnissen befragt. Dabei kam sie unter anderem zu einer verblüffenden Lebensphilosophie, mit der nun Babucke seine überraschten Zuhörer konfrontieren konnte: Glück ist nur eingeschränkt machbar. Wer Glück wirklich erleben will, muss auch die Zeiten dazwischen erleben.

Aber auch das theologische Element ließ den evangelischen Pastor nicht los, diesmal mit Margot Kässmanns Büchlein „Mütter der Bibel: 20 Porträts für unsere Zeit“. Die Bibel kennt die Begriffe „Stiefmutter“ und „Patchworkfamilie“ natürlich nicht und dennoch konnte Hartmut Babucke anhand eines Kapitels aus dem Band der evangelischen Theologin aufzeigen, dass dies keine sozialen Gegebenheiten der modernen Zeit, sondern uralte zwischenmenschliche Lebenssituationen sind, wie sie auch das Alte Testament kennt: Abrahams zweite Ehe mit Ketura wird zur Konfliktsituation mit seinem Sohn Isaak aus erster Ehe und seinen und Keturas Söhnen. Zum guten Schluss fand auch Hartmut Babucke den Bogen zu einer tiefgründigen Kriminalgeschichte: „Todesengel“ von Andreas Eschenbach. Es taucht dabei die spannende Frage auf: Selbstjustiz versus staatliches Gewaltmonopol: Was, wenn der Staat seine Bürger nicht mehr schützen kann?

Der Ausflug in die Bücherregale der Geistlichen wurde mit langem, warmem Applaus belohnt – und das Kuratorium der Stadtbücherei konnte seine Bücherliste um einige Wunschexemplare erweitern. (zg)

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