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Landkreis Günzburg

17.06.2019

Operngewitter und Regenarien

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2 Bilder
Das etwas andere Schlossplatzkonzert in Ichenhausen: Das Publikum wusste sich angesichts der Wetterunbilden zu beschirmen.
Bild: Helmut Kircher

Wie effektvoll man seinen 50. Geburtstag feiern kann, zeigte die Schwäbische Chorgemeinschaft im Ichenhauser Schlosshof. Auch das Donnegrollen kam nicht vom Band.

Gar prächtig ließ sie ihre vokalen Muskeln spielen, die Schwäbische Chorgemeinschaft Ichenhausen, bei ihrem Geburtstagsständchen, das sich als Musikevent im Galaformat präsentierte. Neben der Stimmkraft eigener Provenienz konnte Chorleiter Daniel Böhm auch noch die der Liedertafel Babenhausen aufbieten, nebst Mozartchor Augsburg, in Begleitung des internationalen Mozartorchesters der Stadt. Und alles überstrahlt vom edelmetallenen Charakter im sopranistischen Kraftfeld von Isabell Münsch und Barbara Buffy.

Auch von Maestro Böhm selbst, der sich als Chorleiter, Dirigent und baritonal bissfester Moderator witzsprühend einbrachte. Hätte so schön werden können. Open Air in Schlosshof-Aura, frühlingshaft koloriert in abendlich weichgespielten Vorsommerfarben. Wenn, ja wenn die Begleitmusik nicht Operndonner und Regenarien gewesen wären, was Ichenhausens Bürgermeister Robert Strobel treffsicher in die leitmotivischen Worte fasste: „Das sind die Freudentränen des lieben Gottes über die Geburtstagsfeier.“ Und sie flossen reichlich, die Tränen aus dunklen Wolken, vor allem bei der kompakten Kurzfassungsehrung dreier verdienter Chorgemeinschafts-Sängerinnen für 50-jährige (Alma Jendresitz) und 40-jährige (Hertha Jannetti und Jutta Schieferle) Mitgliedschaft.

Mozart und Bizet

Der Mai, so dichtete Erich Kästner, sei der Mozart des Kalenders. Geben wir uns großzügig und gönnen ihm auch noch ein Stück vom laufenden Juni, denn der erste Teil der Feier war den Klangweiten der Oper gewidmet und damit natürlich auch und vor allem Mozart. Das Chorensemble eröffnete sangesfreudig und prachtstimmig mit dem Festchor „Nettono s’onori“ (Zu Ehren Neptuns, des Wassergottes) aus Idomeneo. Die Kulisse dazu kam, ökologisch perfekt darauf abgestimmt, aus wolkenverhangenen Himmelshöhen. Zwei trauernde Damen und ein intrigierender Herr trauerten anschließend in ariosen Sopran-Mezzo-Baritonbekenntnissen den Abschied nehmenden, männlichen Objekten ihrer sinnlichen Begierde nach, im stark mit Mehltau belegten Opernseelendrama Cosí fan tutte. Und wenn schon Mozart, dann nicht ohne Zauberflöte. Das klinget so herrlich, das klinget so schön, auch wenn Papagenos Flöte auf Klavier gestimmt war.

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Und wenn schon Bizet, dann Carmen. Mit Barbara Buffys opernroutiniert großem Atem in einer dramatisch schwerelos flutenden „Habanera“, mit Daniel Böhms, von spanischer Toreroeitelkeit erotisiertem „Auf in den Kampf“, figurbetont kraftvoll und mit stimmlich baritonalklarer Finesse. Koloratursüß und parlandoleicht das Blumenduett der Frauenstimmen aus Leo Delibes Lakmé. Dumpf grollender Donner verhieß dem kein gutes Ende.

Aida oder von der Wucht melodisch flammender Würze

Giacomo Puccinis schwarzhumoriger Totenbett-Arie „O mio babbino caro“ verlieh der sopranistisch funkelnde Charme Isabell Münschs den Inbegriff italienischer Lässigkeit. Prädikat Wellness zum Hören. Barbara Buffys schlank stimmige Mezzoglut führte mit Giuseppe Verdis Eboli-Arie „O don fatal“ hinein in die tränenfeuchten Emotionen der Opera Italiana, in weltschmerzende Grandezza. Die Wucht melodisch flammender Würze entfachte, wie könnte es anders sein, der Triumphmarsch aus Aida. Zwar ohne zweckgebundene Aida-Trompeten, aber mit Lokalmatador Thomas Seitz, der dem fanfarengesättigten Opernknüller trompetensolistisch volle Interpretationsberechtigung bescheinigte.

Ein Ausflug in die musikalische Welt des Films

Teil zwei der Gala blieb, con forza (mit Kraft zu spicken), dem Sound kinematografischer Weltmusik vorbehalten. Orchestral auf Populärromanzen glanzgebürsteter Nostalgiewelle schwimmend und vokal wonniglich nach den Sternen unvergänglicher Melodien greifend. „Eine Frau wird erst schön durch die Liebe“, das Leid- und Tränenviolinsolo aus Steven Spielbergs Schindlers Liste, von Konzertmeister Josef Csik feinfühlig als musikalisches Selbstgespräch empfunden; das chorisch wie solosopranistisch hinreißend empfundene, bravourös poetische Glücksempfinden von „Gabriellas Song“ aus dem Chor-Film Wie im Himmel; den jugendstiligen oder auch im Glückstopf weich gekochten Disney-, Bond- und sonstigen Leinwandgeschichten, denen, bis zum König der Löwen-Medley, trotz dräuenden Blitz- und Donnergehabes genussvolles Verweilen beschert war. Als Zugabe leitete der lebensphilosophisch augenzwinkernde „Moon River“-Song aus Frühstück bei Tiffany, charming und wasserwellengelockt, auf den Heimweg in leise rieselndem Regen.

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