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Günzburg

29.10.2010

Patienten wurden in die Gaskammern deportiert

Ein erschütterndes Kapitel der Günzburger Stadtgeschichte hat ein Mediziner aus Ulm aufgearbeitet: die Beteiligung am "Euthanasieprogramm" der Nazis.

Ein erschütterndes Kapitel der jüngeren Günzburger Stadtgeschichte hat der Ulmer Mediziner Andreas Görgl aufgearbeitet: die aktive Beteiligung der seinerzeitigen Heil- und Pflegeanstalt Günzburg am nationalsozialistischen "Euthanasieprogramm".

In seiner Doktorarbeit hat er nachgewiesen, dass zwischen Juli 1940 und Juli 1941 genau 394 Patienten des heutigen Bezirkskrankenhauses in auswärtigen Tötungsanstalten ermordet worden sind. Einige der Ermordeten waren jüdischen Glaubens, die überwiegende Zahl wurde als "schizophren und schwachsinnig" und damit als "lebensunwert" eingestuft.

Noch nicht klar zu beantworten ist nach den Recherchen von Andreas Görgl die Frage, inwieweit Ärzte und Pflegepersonal der Heil- und Pflegeanstalt von der Ermordung ihrer Patienten wussten und wie stark die nationalsozialistische Ideologie der "Vernichtung lebensunwerten Lebens" bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Günzburg verankert war. Unstrittig ist nach den Forschungen Görgls allerdings, dass zumindest einige Ärzte an den Krankenmorden beteiligt waren. Zudem bestehe der Verdacht, dass der seinerzeitige Verwaltungsleiter Ludwig Trieb an der Tötung geisteskranker Menschen beteiligt gewesen sein könnte. Trieb, der 1982 starb, war im Übrigen über den Krieg hinaus Leiter der Günzburger Heil- und Pflegeanstalt.

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Die streng geheimen Massentötungen psychisch Kranker firmierten unter dem Decknamen "Aktion T4". Insgesamt wurden etwa 70 000 Patienten ermordet, darunter auch jene 394, die während einer mehr oder weniger langen Zeit in Günzburg untergebracht waren. Die Günzburger Anstalt war eine "bayerische Sammelstelle", von der aus die Menschen in die mit Gaskammern und Krematorien ausgerüsteten Tötungsanstalten deportiert wurden. Sechs solcher Tötungsanstalten hat es gegeben. Trotz aller Geheimhaltung: Der Widerstand in der Bevölkerung und vor allem in den Kirchen wuchs, weshalb die menschenverachtende Tötungsmaschinerie umgestellt wurde. Die Patienten wurden nun durch Medikamente, durch Vernachlässigung oder unzureichende Ernährung, die sogenannte "Hungerkost", in den Pflegeanstalten umgebracht.

Vermutungen hat es in Günzburg schon seit Längerem gegeben, auch in Schriften war die Nazi-Vergangenheit des heutigen Bezirkskrankenhauses beleuchtet worden - etwa vom früheren Ärztlichen Direktor des BKH, Professor Reinhold Schüttler. Auch erinnern "Wortsäulen" auf dem Gelände des Bezirkskrankenhauses an die Opfer der Nazi-Herrschaft.

Genauere Erkenntnisse hat aber erst die Doktorarbeit von Andreas Görgl erbracht. Sein Doktorvater ist Professor Dr. Thomas Becker, der heutige Ärztliche Direktor des BKH. Becker sieht die Aufarbeitung dieses Teils der BKH-Geschichte als "unsere historische Verpflichtung". Die Arbeit Görgls wurde möglich, weil neben Akten des Bezirkskrankenhauses zwischenzeitlich auch Unterlagen in Archiven aus der ehemaligen DDR für Forschungszwecke zugänglich sind.

Die Nachwelt sei es den Ermordeten schuldig, ihre Leidensgeschichte aufzuarbeiten und in Erinnerung zu behalten, erklärt Andreas Görgl. Diesem Auftrag fühlt sich auch der Historische Verein Günzburg verpflichtet.

Jedes Jahr im Frühjahr bringt der Verein ein Buch heraus, das Mitglieder als kostenlose Jahresgabe erhalten, das aber auch im Buchhandel zu kaufen ist. Im März 2011 erscheint das nächste Buch - verfasst von Dr. Georg Simnacher. Thema ist die fast 100-jährige Geschichte des heutigen BKH, ein Teil des Buches hat auch die Arbeit Görgls zum Inhalt.

"Wir sind das den Toten schuldig", erklärt auch Dr. Manfred Büchele, der Vorsitzende des Historischen Vereins Günzburg.

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