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Illertissen

18.05.2015

Markus Becker swingt zwischen Welten

Als Künstler ist Markus Becker zugleich ein großer Ästhet, der trotz Leidenschaft und Emotionen mit seinem Instrument durch souveräne Harmonie auf der Bühne besticht. Das Konzert war auch ein optischer Genuss.
Bild: Regina Langhans

 Pianist vermag mit seinem Programm „Kiev/Chicago“ das Gemüt des Publikums zu bewegen

Einen wunderbaren Konzertabend erlebten knapp 200 Besucher mit Markus Becker am Samstag im Festsaal des Kollegs, den der Pianist ohne Schlagzeug und Synthesizer, aber mit viel Herz und großer Perfektion zum Grooven brachte. Das Motto lautete „Kiev/Chicago“ und versprach russische Romantik des späten 19. Jahrhunderts sowie ursprünglichen Jazz. Die Zuhörer lauschten angetan und klatschten am Ende hellauf begeistert Applaus.

Bei der ersten Zugabe etwa, dem „Übungsstück Nummer 6“ von Friedrich Gulda, hatte die rechte Hand des Pianisten nur zwischen zwei Takten hin und her zu wechseln, während die linke die typischen Akkordfolgen anspielte, sie umspielte und bald wunderbar ins Swingen wechselte. „Viel ist dazu in den Noten nicht aufgeschrieben“, erläuterte Becker das Stück, „die Details macht der Musiker.“

Doch der Pianist Becker brauchte weder hier noch bei irgend einer anderen Komposition Noten, um sein Publikum in ein Meer von Improvisationen zu tauchen. Zu Anfang hatte er seinen Zuhörern einen romantischen Spaziergang nach Russland verordnet, zu Alexander Skrjabin (1872-1915) und Modest Mussorgsky (1839-1881).

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Beide hätten der Entwicklung des Jazz vorgegriffen, etwa Skrjabin mit seiner teilweise jazzigen Harmonik bei den „6 Préludes opus 13“.

Mit diesen eröffnete der Pianist das Konzert so spielerisch wie brillant, um darauf seinen Zuhörern Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ vorzuführen. In einigen davon verspüre er den Groove, skurrile Harmonien, wie sie etwa das Auftreten des Zwergs bei „Gnomus“ begleiten, erklärte der Künstler weiter. Seine Auseinandersetzung mit dem Werk spiegelte sich in vielen Nuancierungen bei einem technisch perfektem Spiel wider. Zwischen den Spaziergängen von Bild zu Bild – mal ist irres Fingerspiel beim Ballett der „unausgeschlüpften Küken“ zu hören oder die Wucht tiefer Akkordkomplexe zur Darstellung der „Katakomben“ – war das Anfangsmotiv in Variationen zu hören. Beim „großen Tor von Kiew“ steigerte sich das Spiel zum monumentalen Schluss.

Das von Becker herausgestellte Ineinanderwirken zweier Harmoniewelten, dem angedeuteten Swingen und Grooven, waren darauf keine Grenzen gesetzt. Mit der ihm eigenen technischen Brillanz spielte der Klassik-Pianist Kompositionen bekannter Jazzgrößen, Standards, jonglierte und improvisierte in seiner „Parallelwelt“. „The thing must swing“, zitierte er die Spielanweisung des gebürtigen Wiener Friedrich Gulda (1930 - 2000) zu „Prélude and Fugue“. War Becker im klassischen Konzertteil für den Applaus noch aufgestanden, so wendete er auf seinem Klavierhocker zwischen Tastatur und Publikum für Spiel und Moderation hin und her.

George Gershwin habe den Jazz hoffähig gemacht, so Becker, und spielte dazu den gefälligen Titel „I Got Rhythm“. Mit „Spain“ gab es das wohl bekannteste Stück des zeitgenössischen Jazzrock-Komponisten Chick Corea zu hören oder mit „Birdland“, ebenso instrumental, ein Werk des auch aus Wien stammenden Joe Zawinul (1932 - 2007). Markus Becker am Flügel ist ein Phänomen, er musiziert virtuos und dies scheint ihm spielerisch von der Hand zu gehen, dabei zeigt er Temperament oder Feingefühl und übernimmt zugleich so souverän wie charmant die Moderation.

Eines ist Becker wichtig, dass seine Musik nicht als „Crossover“ verstanden wird, in dem Genres verschmelzen: „Ich stelle zwei Welten gegenüber, Kiev und Chicago, für mich ist es, als hätten russische Romantiker den Jazz vorausgeahnt.“

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