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Vöhringen

28.02.2020

Von Vöhringen nach Hamburg: Wie es ist, auf der Straße zu leben

Go Banyo markiert den Wendepunkt in Blohs Leben: Er hat das Projekt gestartet, um anderen zu helfen. Am Ende half er sich damit auch selbst.
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Go Banyo markiert den Wendepunkt in Blohs Leben: Er hat das Projekt gestartet, um anderen zu helfen. Am Ende half er sich damit auch selbst.
Bild: Ankerherz Verlag/Repro: Balken

Plus Dominik Bloh hatte eine in Teilen glückliche Kindheit in Vöhringen, als 16-Jähriger wird er obdachlos. Der Wendepunkt in seinem Leben kommt, als er beschließt, anderen zu helfen.

Ein Zimmer, 20 Quadratmeter groß, eine Matratze, ein Tisch, ein Stuhl. Einen Kleiderschrank gibt es nicht. Aber dafür eine Toilette und warmes Wasser. Üppig ist die Einrichtung nicht. Aber für Dominik Bloh ist der Raum ein Luxusapartment. Endlich ein Dach über dem Kopf – nach Jahren auf der Straße. Dort, wo im Sommer der Asphalt unter der Bank bis in die Nacht hinein Wärme ausstrahlt und im Winter der Boden unter der Schlafstatt frostig knistert.

Das kleine Zimmer ist jetzt das Zuhause des 31-Jährigen und gleichzeitig greifbare Geborgenheit. Legt er sich zum Schlafen nieder, ziehen aber oft Bilder seines bisherigen Lebens wie ein Film an ihm vorbei. Diese Gedanken an früher kann Bloh nicht einfach abschalten. Eines Tages fing er an zu schreiben.

Als Kind fühlt sich Bloh wie ein Störfaktor

Glücklich zu sein ist eine Erfahrung, die er im Kindesalter machen durfte. Er wurde 1988 in Neu-Ulm geboren und wuchs in Vöhringen auf, zunächst in der Marienstraße, dann in der Falkenstraße. Die Grundschule direkt vor der Haustüre, der Spielplatz auf dem Hof. „Das war ein Stück heile Welt, mein Zuhause“, sagt Bloh. Über seine Mutter spricht er nicht viel. Er sagt nur: „Sie war psychisch krank.“ In ihrem Leben fühlte er sich wie ein Störfaktor. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Der verließ die Mutter, als sie mit Dominik schwanger war. Anschließend heiratete sie ein zweites Mal. Ein gutes Verhältnis mit dem Stiefvater hatte der Bub aber nie. Der Mann schlug ihn und bestand darauf, dass er den Namen Bloh annimmt. Mit dem habe er sich nie anfreunden können. Doch wie er früher hieß, will Bloh auch nicht sagen.

Von Vöhringen nach Hamburg: Wie es ist, auf der Straße zu leben
Mehr als zehn Jahre lebte Bloh in Hamburg auf der Straße. In seinem Buch „Unter Palmen aus Stahl“ berichtet er über die Zeit.
Bild: Ankerherz Verlag/Repro: Balken

Sein ganzer Halt zu dieser Zeit waren die Großeltern in Vöhringen. „Die Marienstraße 8 war mein echtes Zuhause. Meine Großeltern haben mir alles gegeben, was meine Mutter mir nicht geben konnte. Meine Oma war das Größte und Beste in meinem Leben. Sie starb 2004.“ Ihr Tod war für Dominik der Anfang eines tiefen Falls, der in der Obdachlosigkeit endete.

Doch der erste Schicksalsschlag in seinem jungen Leben ereilte ihn bereits, als er acht Jahre alt war. Mit Mutter und Stiefvater zog er nach Norddeutschland und musste dafür die schwäbische Heimat verlassen. „Es gab keine Kässpatzen mehr und was ein Zwetschgendatschi war, wusste man im Norden auch nicht“, erinnert er sich. Aus seinem gewohnten Umfeld herausgerissen zu sein, war nicht das einzige Problem, mit dem der Bub nicht fertig wurde. Er fühlte sich in der Familie überflüssig.

Für den Schulabschluss kommt er nach Vöhringen zurück

Die erste Klasse hatte er noch in Vöhringen durchlaufen. Dann folgten mehrere Schulwechsel. Aber an keiner Schule riss man sich um ihn. Der 31-Jährige sagt von sich selbst: „Ich war ein guter Schüler, aber ein schwieriger.“ Mit dem Heranwachsen kommen Alkohol, Drogen , kleinere kriminelle Delikte ins Spiel. Dominik ist auch klar, dass er einen Abschluss braucht. 2003 zieht es ihn zurück nach Vöhringen. Er besuchte die Uli-Wieland-Hauptschule, wie sie damals noch hieß. Sein Opa achtete darauf, dass er nicht schwänzt. Schließlich schaffte er den Hauptschulabschluss und hängte noch den „Quali“ an.

Das Fieber der Großstadt hatte ihn aber schon gepackt. Er kehrte nach Hamburg zurück, wo sich der Zustand seiner Mutter stetig verschlechterte. Der Sohn stellte fest: „Sie kann sich nicht mehr selbst retten.“ Und auch die Mutter schien den Sohn aufgegeben zu haben. Der 5. Februar 2005 wurde zur Zäsur in Dominiks Leben. Die Mutter wirft ihn aus der Wohnung. Er ist obdachlos – mit 16 Jahren.

Dominik Bloh erinnert sich: Mit zwei Koffern steht er auf der Straße. Er weiß nicht wohin. Die Dämmerung legt sich über die Stadt. Gedanken rotieren. Er klingelt an Türen von Freunden. Irrtum. Es öffnet sich keine Tür. Er versucht es bei seiner Mutter, vielleicht hat sie es sich anders überlegt. Er klingelt, aber die Tür bleibt verschlossen. „Mit jedem Klingeln“, so erzählt er, „geht in mir ein Stück kaputt.“ Da wird ihm klar: Du bist allein.

Eine Parkbank wird "sein" Schlafplatz

Er suchte sich zum Schlafen Plätze in Lauben, in Kirchen, überall dort, wo man möglichst nicht gesehen wird. Die immer wiederkehrende Suche nach einem Schlafplatz ist sein Alltag. Dominik versucht sich in Normalität. Er geht zu Behörden und Ämtern, hofft auf Hilfe. „Aber ich hatte immer mehr das Gefühl, dass es niemanden gibt, der Verantwortung für einen 16-Jährigen übernehmen wollte.“ Eine Bank im Hamburger „Fiktion Park“ wird für ihn „sein“ Schlafplatz, wenn er keinen überdachten findet. Die großen Kräne am Hafen prägen sich ihm ein wie Palmen aus Stahl , eine Art Kunstobjekt im Freien. Diese Mischung aus Technik und Freiluft-Kunst ist die Inspiration für den Titel seines Buchs „Unter Palmen aus Stahl “. Jahrelang gleicht sein Leben dem eines „Couch-Surfers“. Immer wieder hat er für kurze Zeit einen Schlafplatz.

Sein Leben auf der Straße endet, als er eines Tages Hunderten von Menschen gegenübersteht. Hinein gespült in den Bahnhof, der seine Zuflucht in bitterkalten Nächten war. Die Frauen, Männer und Kinder sind Flüchtlinge, die nichts andres haben als eine Matte, auf der sie schlafen können. Für Bloh stand fest: „Ich will helfen.“ Und mit diesem Entschluss bekommt sein Leben einen Kick der Hoffnung. Er engagiert sich bei Hanseatic Help, eine junge Hamburger Hilfsorganisation. Er fasst Fuß, arbeitet, wo er gebraucht wird. Mithilfe der Bobby-Dekeyser-Stiftung schafft er es sogar, seine Idee zu verwirklichen: ein mobiles Badezimmer. Das „Go Banyo “ ist Hilfe für Menschen, die ganz unten angekommen sind. Ihnen will Bloh helfen, nicht nur den Schmutz der Straße abzuwaschen. Er will etwas tun, das diesen Menschen ihre Würde wiedergibt. Er erklärt: „Waschen ist eine Frage der Menschenwürde.“

Die Bobby-Dekeyser-Stiftung verschafft ihm schließlich eine dauerhafte Bleibe und seinen ersten festen Arbeitsvertrag für den Job im fahrenden Badezimmer. Freude schwingt in seiner Stimme mit, als er davon berichtet. Dazu zitiert er einen Satz aus seinem Buch: „Ich stehe nicht mehr vor verschlossenen Türen. Sie sind offen und ich kann hindurchgehen.“

Dominik Blohs Biografie „Unter Palmen aus Stahl “ ist im Ankerherz Verlag erschienen. Sie ist online und im örtlichen Buchhandel erhältlich und kostet 20 Euro.

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