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Neu-Ulm

18.04.2017

Wenn das Fahrrad das Auto ersetzt

Walter Radtke hat sich ganz dem Rad verschrieben. Er verzichtet seit Anfang des Jahres komplett auf das Auto.
Bild: Felix Oechsler

Walter und Margit Radtke verzichten seit Jahresbeginn ganz auf einen eigenen Pkw. Die Umstellung war nicht leicht für sie. Doch nun empfinden beide eine höhere Lebensqualität.

Den Stellplatz in der Tiefgarage ihres Hauses benutzen Walter Radtke und seine Frau Margit nach wie vor. Anders als bei den Nachbarn steht dort aber kein Auto. Dafür Fahrräder und ein passender Anhänger. Das Ehepaar spricht von den „Alltagsrädern“. Denn die beiden haben jeweils noch zwei andere Modelle: ein Mountainbike und ein Trekkingrad für Reisen.

Seit Jahresbeginn besitzen der 67-Jährige und seine 65 Jahre alte Frau kein eigenes Auto mehr. Die Entscheidung zum Verkauf des Kleinwagens war das Ende eines langen Prozesses. „Wir sind beide vorher schon viel mit dem Rad gefahren, auch bei Wind und Wetter zur Arbeit“, erzählt Walter Radtke. „Doch der entscheidende Schritt war für uns der Umzug von Straß ins Wiley.“ Seit fast zehn Jahren wohnen sie in dem Neu-Ulmer Stadtteil, wo sie eine gute Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln und die Nähe zu den Zentren der Doppelstadt genießen. Das Ehepaar ist überzeugt: Wenn es noch in Straß wohnen würde, hätte es heute noch ein Auto.

Walter Radtke ist engagiertes Mitglied im ADFC: Er ist Vorsitzender des Neu-Ulmer Kreisverbands, mehrere Jahre war er auch stellvertretender Landesvorsitzender des Fahrradclubs. Wer komplett aufs Auto verzichten wolle, sagt er, brauche die entsprechende Lebenseinstellung.

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Aber auch die Rahmenbedingungen müssen passen. Auf dem Land ist ein Auto seiner Meinung nach noch notwendig: „Da fehlen die Geschäfte und Arztpraxen und der öffentliche Nahverkehr ist nicht so gut.“ In der Stadt gehe es auch ohne – und das wollen die sportlichen Rentner beweisen.

„Wir empfinden es als Steigerung der Lebensqualität, vom Auto unabhängig zu sein“, sagt Radtke. An Staus vorbeiradeln, viel an der frischen Luft sein, sich gesund und umweltfreundlich fortbewegen – das sind nur einige der Vorteile, die das Radfahren seiner Ansicht nach bietet. Und jeder, der aufs Rad umsteige, entlaste den Verkehr.

Doch die Radtkes, die zeitweise zwei Pkw besessen hatten, geben auch offen zu, dass die Umstellung nicht leicht war. Besonders Margit Radtke hatte Bedenken – nicht nur, weil sie vor ihrem Ruhestand in einem Autohaus gearbeitet hatte. Ihr Einkaufsverhalten habe sich geändert, erzählt sie. „Wir brauchen keine riesen Mengen. Wir kaufen viel frisch.“ Getränkekisten bringt das Paar nicht mehr nach Hause. „In den Fahrradkorb gehen zwölf Flaschen“, sagt Walter Radtke. Sperrige Güter transportiert er bei Bedarf mit dem Fahrrad-Anhänger.

Für Reisen, zum Beispiel zu Tochter und Enkelkind in Karlsruhe, nimmt das Paar meistens den Zug. Und für den nächsten Urlaub haben Margit und Walter Radtke einen Mietwagen bei einem Carsharing-Anbieter gebucht. Im vergangenen Jahr sind sie mit den Fahrrädern im Zug nach Holland gefahren – ins Eldorado für Freunde des Drahtesels. Wo vor den Kindergärten nicht Mütter mit Autos, sondern Mütter mit Rädern auf die Kleinen warten. Wo es eigene Fahrspuren und Ampeln für den Radverkehr gibt. Und wo kostenlose, bewachte Parkhäuser in Innenstädten für Radler bereitstehen. All diese Eindrücke haben die Neu-Ulmer gesammelt. „Dort fährt jeder Rad – die Frau im Abendkleid, ebenso wie der Geschäftsmann im Anzug. Da sind wir noch weit weg“, sagt der Kreisverbandsvorsitzende des ADFC. Damit auch hierzulande mehr Menschen in die Pedale treten, muss sich nach Ansicht von Radtke vor allem die Radverkehrsinfrastruktur ändern. Breitere, für schnelleres Fahren ausgelegte Radwege seien nötig. „Doch der politische Wille fehlt bei uns, das Radfahren ist nicht gleichberechtigt zum motorisierten Verkehr“, sagt der 67-Jährige. Und auch die Bahn habe noch große Mängel, was das Mitnehmen von Fahrrädern angeht.

Wenngleich es auch Entwicklungen gibt, die er begrüßt: So wollen einige Kommunen und zum Beispiel auch der ganze Landkreis Neu-Ulm fahrradfreundlich werden. Und das Radfahren wird offenbar auch immer beliebter. „Für junge Menschen in den Städten ist das Auto nicht mehr so wichtig“, sagt Radtke. Das können er und seine Frau am Enkelsohn beobachten, der mit 21 noch keinen Führerschein hat.

Nicht abrupt, sondern schleichend hat sich das Paar vom eigenen Auto verabschiedet. „Es hat zuletzt nur in der Tiefgarage gestanden und an Wert verloren“, erzählt Margit Radtke. „Wir vermissen es nicht.“

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