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Illertissen

17.08.2017

Wo der Hausmeister über Leichen ging

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2 Bilder
Kennt viele Geschichten rund um das Schloss: Alexander Mayer.
Bild: Franziska Wolfinger

Alexander Mayer lebt seit fast 30 Jahren im Vöhlinschloss in Illertissen. Er hat viele Geschichten über das alte Gemäuer zusammenzutragen – und die haben es in sich.

Ab und zu reißt die Wolkendecke am Nachthimmel kurz auf und lässt ein paar Mondstrahlen durch, die das Illertisser Vöhlinschloss bescheinen. Dank elektrischen Lichts finden Besucher heutzutage den Weg zu altehrwürdigen Gebäude trotzdem jedoch ganz leicht. Eines hat sich über die Jahrhunderte nicht geändert: Nachts ist das Tor allerdings mit einer Gittertür versperrt.

An diesem Abend lässt Hausmeister Alexander Mayer ausnahmsweise noch Gäste ein. Anders als die gruselt es den Mann mit den kurzen grauen Haaren und dem freundlichen Lächeln zu später Stunde vor Ort nicht. Der 62-Jährige lebt und arbeitet seit knapp drei Jahrzehnten im Vöhlinschloss und ist es gewöhnt, von der Vergangenheit seines Wohnorts eingeholt zu werden. „Jahrelang bin ich über Leichen gegangen“, sagt er. Allerdings nicht aus übertriebenem Ehrgeiz, wie es das Sprichwort nahe lege. Und zudem ohne es zu wissen: Direkt vor seiner Haustürschwelle waren ein Mann und eine Frau begraben. Erst bei der Sanierung vor 17 Jahren wurden die Skelette entdeckt. Und es waren nicht die einzigen: „Der ganze Schlosshof war ein Friedhof.“ Mayer vermutet, dass die Menschen vor allem während des Dreißigjährigen Kriegs (1618 bis 1648) dort begraben wurden. Denn die Burg wurde mehrmals von schwedischen Truppen belagert und von aufständischen Bauern angegriffen. „Während die Vöhlins durch einen Geheimgang fliehen konnten, musste deren Dienerschaft im Schloss ausharren“, erzählt Mayer. Diese entbehrungsreichen Zeiten überlebten nicht alle und in der von Feinden umringten Burg gab es schlichtweg keine andere Bestattungsmöglichkeit als den Innenhof des Gebäudes.

Mayer kam 1986 als Hausmeister für das Amtsgericht ins Schloss. Nachdem die Zweigstelle im Jahr 2010 geschlossen wurde, war Mayer für das danach eröffnete Hochschulzentrum zuständig. Während dieser Zeit hat er einiges über die Vergangenheit des alten Gemäuers und über tragische Schicksale früherer Bewohner erfahren und einige Orte gefunden – die einem kalte Schauer über den Rücken jagen.

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Manchmal führt er Gäste in einen kleinen Gewölbekeller. Der war vermutlich als Lagerraum für Bier angedacht, sagt Mayer, dessen Stimme von den Kellerwänden als leises Echo widerhallt. Auch im Hochsommer seien die Temperaturen gering. Allerdings wurden in diesem Keller auch schon ganz andere Dinge als Getränke gelagert. Es müsse Anfang der 1960er Jahre gewesen sein, als in dem Gewölbe menschliche Gebeine entdeckt wurden, sagt Mayer. Er nennt die Raum deshalb Knochenkeller. Woher die menschlichen Überreste kamen, weiß Mayer nicht. Höchstwahrscheinlich aber von einem Friedhof der Stadt, der aufgelöst wurde.

Der kleine Keller befindet sich direkt unter der Schlosskapelle, die auch eine wichtige Rolle in der Geschichte um die braune Frau spielt. Sie ist der einzige Geist des Schlosses, dessen Geschichte tatsächlich überliefert ist. Mayer hat sie inzwischen wohl unzählige Male erzählt. Agnes von Kirchberg hieß die Frau, die nach ihrem Tod der Legende nach keine Ruhe finden konnte. Allein der Sohn des Fürsten und gleichzeitig ihr Enkel habe die braune Frau gesehen. So erzählt es Mayer. In anderen Überlieferungen war es die Tochter der Toten, der sich der ganz in braun gekleidete Geist zeigte. In beiden Versionen folgte ihr aber der Angehörige in die Schlosskapelle, wo sie auf eine leere Stelle an der Wand deutete. Erst als die Familie herausgefunden hatte, dass an dieser Stelle früher eine Marienfigur stand und diese zurückgebracht wurde, verschwand das Gespenst. Und ist laut Mayer bis heute nicht wieder aufgetaucht.

Geister seien, so erklärt es sich der Schlosshausmeister, die Seelen von Menschen, die zu früh aus dem Leben geschieden sind. Und solche Schicksale gab es im Vöhlinschloss im Laufe der Jahrhunderte zuhauf, beispielsweise in all den Kriegen. Sicherlich seien auch im Gefängnisturm, direkt neben dem Eingangstor, manche Gefangene ums Leben gekommen, sagt Mayer. Im Licht einer Taschenlampe geht er die knarzende Holzstiege hoch. Auf den einzelnen Etagen führen schmale Gänge zu den engen Zellen, in denen der Putz von den Wänden bröckelt. Einige hatten sogar ein kleines Fenster, in allen gab es einen Ofen – aber kein Brennmaterial. „Feuer machen konnten nur diejenigen, deren Familie oder Freunde ihnen Holz ins Gefängnis schickten“, sagt Mayer. Die anderen mussten frieren.

Den Hausmeister faszinieren die Geschichten rund um das Schloss. Als Hobbyautor und Mitglied der Matzenhofer Schwabengilde hat er einige aufgeschrieben und auch manches dazu erfunden. Ängstlichen Schlossbesuchern verspricht er: Trotz der blutigen Vergangenheit des Schlosses sei ihm dort noch kein böser Geist begegnet.

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