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Dattenhausen

10.02.2020

Wolfersthal: Wo Grafen ihre Untertanen unterdrückten

An dieser Stelle hatte sich der kleine Ort Wolfersthal befunden, der früher zur Herrschaft Illereichen gehörte. Im Hintergrund ist der Altenstadter Ortsteil Dattenhausen zu sehen.
Bild: Ralph Manhalter

Zahlreiche Legenden ranken sich um herrische Grafen, unter denen die Bauern zu leiden. Eine davon spielt bei Dattenhausen. Wie viel Wahrheit in der Erzählung steckt.

Wolfersthal war eine kleine Ansiedlung südlich von Dattenhausen. Deren Bewohner führten ein karges Leben, doch die jährlichen Ernteerträge sicherten zumindest ihr Auskommen. Es sollte aber der Tag kommen, an dem sie an diese Zeiten mit Wehmut zurückdenken. Erzählungen nach trug sich die Sache folgendermaßen zu:

Die Herrschaft Illereichen, zu welcher der kleine Ort gehörte, wechselte im 17. Jahrhundert die Inhaber. Die Macht fiel dem grausamen und gottlosen Ehepaar Graf und Gräfin von Styrum zu. Der neue Herr bezog die Wolfersthaler Flur in seinen Tiergarten mit ein. Für die Bauern hatte das böse Folgen: Das eingehegte gräfliche Wild fraß ihre Ackerfrüchte fast restlos weg. Auch andere Schikanen hatten die drei Wolfersthaler Bauern durch die Herrschaft zu erdulden. Irgendwann sahen sie keinen anderen Ausweg mehr, als wegzuziehen und das Dorf aufzugeben. Bevor sie nach Ungarn auswanderten, säten sie ihre Felder noch mit Dinkelstreu an und banden zum Hohn Strohbänder an die Holzpfähle. Das Gebiet des einstigen Weilers wurde nie wieder besiedelt.

Ein Körnchen Wahrheit steckt in jeder Geschichte

Soweit eine der unzähligen Sagen über ungerechte Herrschaft und daraus resultierender Not und Elend der leibeigenen Bauern in der frühen Neuzeit. Hier in der Fassung von Pfarrer Josef Christa, neu editiert von Peter Wischenbarth in 2012. Dabei stellen sich die Fragen: Wie entstanden solche Geschichten? Welche Ereignisse und Erfahrungen bewegten das einfache Volk, Legenden zu spinnen und diese jeweils an die nächste Generation weiterzugeben? Und häufig stimmt es schon: Meistens liegt das berühmte Körnchen Wahrheit in all den Erzählungen verborgen. Das steckt zum Beispiel hinter der Wolfersthaler Sage: Durch Heirat mit der Erbtochter Maria Anna von Rechberg gelangte im Jahr 1677 der aus westfälischem Adel stammende Graf Maximilian Wilhelm von Styrum zur Herrschaft Illereichen. Die neue Familie war schnell als herrisch, zänkisch und Unruhe stiftend bekannt, was die Untertanen bald zu spüren bekamen. Vor allem mit den Illertisser Vöhlin zog sich ein jahrelanger Streit um Felder, Wälder, Leute und Rechte. So grub Graf Styrum beispielsweise einmal den Illertisser Mühlen das Wasser ab und misshandelte den dortigen Müller. Auch die gegen diesen Frevel errichteten Ersatzleitungen ließ der streitsüchtige Graf kurzerhand wieder zerstören, sodass die Vöhlin letztendlich einen Durchstich anlegen mussten, um an fuggerisches Hoheitsgewässer zu gelangen.

Wolfersthal: Wo Grafen ihre Untertanen unterdrückten

Selbst Abmahnungen und Strafaktionen seitens der Reichsritterschaft hatten keine langfristige Besserung zur Folge. Zwar verhielt sich der Illereicher Graf fortan nach außen hin friedlich, die Bewohner seines Herrschaftsgebietes hatten keinen Grund zur Freude: Unverhältnismäßig hohe Frondienste und gnadenlose Repressalien dominierten den Alltag der bäuerlichen Bevölkerung.

Die neureichen Vöhlins waren schlecht angesehen

Auch der gräfliche Tiergarten existierte tatsächlich in jener Zeit. Allerdings hatte ihn Hans Graf von Rechberg schon 1665 unter Missachtung Vöhlinscher Waldungen anlegen lassen. Ganz offenbar hatten die Illereicher mit ihren nördlichen Nachbarn ein grundsätzliches Problem: Entstammten diese doch einem Kaufmannsgeschlecht, das an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit einen unwahrscheinlichen Reichtum anhäufen und in der Folge Landbesitz erwerben und Schlösser errichten konnte. Der benachbarte alte Adel muss mit Herablassung auf die Emporkömmlinge geschaut haben – ein Phänomen, mit dem auch die Augsburger Fugger trotz ihres immensen Vermögens zu kämpfen hatten.

An die einstige aufgegebene Ansiedlung erinnert heute noch der Flurname Wolfenthal im Süden von Dattenhausen, gleich angrenzend an den ehemaligen Tiergarten. Vor den Grafen Styrum jedoch, Maximilian Wilhelm und Maria Anna, braucht sich heutzutage niemand mehr zu fürchten: Sie liegen einträchtig zusammen in der Gruft der Illereicher Pfarrkirche. Passend dazu der lateinische Spruch: Memento mori – was auf Deutsch so viel heißt wie „Bedenke, dass du sterblich bist“.

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