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Krumbach

23.11.2019

Als in Krumbach die Synagoge brannte

Nur noch die Außenmauern der 1818 gebauten Synagoge blieben beim Brand vor 80 Jahren übrig.
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Nur noch die Außenmauern der 1818 gebauten Synagoge blieben beim Brand vor 80 Jahren übrig.
Bild: Stadtarchiv Krumbach/Foto-Weiß

Das jüdische Gotteshaus wurde im Jahr 1938 von der Gestapo beschlagnahmt und war danach Raufutter-Lager, bevor es am 26. November 1939 in Flammen aufging.

Es war nur ein kleiner Bericht mit dem Titel „Ein Brand am Sonntagmorgen“, der am 27. November 1939 im Krumbacher Boten erschien. Der weitere Text: „Am gestrigen Sonntagmorgen durcheilte gegen 4 Uhr Feueralarm die schlafende Stadt. Das Gebäude der früheren Synagoge, das jetzt als Heulager verwendet wurde, stand in Flammen. Da die umliegenden Häuser stark gefährdet waren, musste die Freiwillige Feuerwehr Krumbach energisch eingreifen, um den durch 300 Zentner Pressheu gespeisten Brand auf seinen Herd zu beschränken, was ihr glücklicherweise gelang. Die Synagoge brannte innen vollständig aus. Das Feuer zerstörte auch den Dachstuhl, der teilweise zusammenstürzte. Den sehr massiv gebauten Außenmauern konnte das Feuer nichts anhaben. Über die Brandursache bestehen zwar, wie wir von der Polizeibehörde erfahren, Verdachtsgründe auf Brandstiftung; sie bedürfen jedoch noch einwandfreier Aufklärung.“

Wie sich zeigte, blieb vieles unklar. Zwar zweifelte niemand daran, dass das Feuer absichtlich gelegt wurde. Über den Brandstifter halten sich, wie Dr. Barbara Sallinger in der Krumbacher Stadtgeschichte und auch Walter Gleich in seinen „Stichworten über Krumbachs Vergangenheit“ schreiben, bis heute Gerüchte. Offiziell soll „ein 62-jähriger Geisteskranker“ den Brand gelegt haben, der dafür auch verurteilt wurde. Mehr ist über ihn nicht bekannt, zumindest schriftlich.

Die offizielle Reichskristallnacht im gesamten Deutschland vom 9. auf 10. November 1938 fand also in Krumbach ein Jahr später statt. Und doch hatten die im ehemaligen Hürben noch verbliebenen Juden ab diesem Zeitpunkt und teilweise schon lange vorher, stark unter den Nationalsozialisten zu leiden. Immer wieder kam es zu ketzerischen und erniedrigenden Handlungen, ja sogar zu Verhaftungen und Abschiebungen. Der Bevölkerung sollte damit klar gemacht werden, dass es sich bei den Juden „um entmenschlichte, gefährliche Wesen“ handelt, wie Barbara Sallinger eruierte. Misshandlungen und Schmähungen waren an der Tagesordnung. Ein Beispiel: Der Jude und Pferdehändler Gustav Götz hatte auf Befehl der Gestapo in den Leichenwagen zu kriechen, den andere Juden zur Synagoge ziehen mussten.

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So wundert es nicht, dass die Juden auch in Krumbach schon unmittelbar nach der Pogromnacht am 11. November 1938 die Synagoge räumen mussten. Darüber ist einen Tag später im Krumbacher Boten zu lesen: „Gestern Abend wurde die Krumbacher Judenschaft zusammengetrommelt, um ihre Synagoge auszuräumen. Die seltene Gelegenheit, von der Arbeit schwitzende Juden zu sehen, wurde von vielen Volksgenossen wahrgenommen. Merkwürdige Dinge schleiften sie da aus ihrem Versammlungsraum und verluden die Gebetsrollen und die sonstigen mosaischen Utensilien auf die bereitstehenden Lastwagen der Gestapo. Auch die Judenschule mussten sie ausräumen. Ja wer hätte das gedacht, als Kurt Eisner (er war ab November 1918 bis zu seinem gewaltsamen Tod im Februar 1919 erster bayerischer Ministerpräsident) hoher Gast bei ihnen war oder als unsere einstigen Judengrößen in Kultur und Stadt Verwaltung ,machten’?“

Darüber schreibt Barbara Sallinger in ihrem Bericht aus dem Jahre 1988 in den Heimatblättern des Heimatvereins weiter: „Beim Betreten der Synagoge wurden die Juden von den Nazis angebrüllt und angepöbelt. Die Schmähungen und Misshandlungen und dazu Plünderungen und Zerstörungen hielten auch in den nächsten Tagen an.“ Die Anteilnahme großer Teile der Bevölkerung beschreibt sie so: „Die fatalistische Einstellung, nichts mehr sehen zu wollen aus dem Gefühl heraus, ja doch nichts daran ändern zu können, tauchte in den Aussagen verschiedener Augenzeugen auf, wie auch die Angst, eventuell selbst dranzukommen.“

Fast ein Jahr später, am frühen Morgen des 26. Novembers 1939, also vor genau 80 Jahren, brannte dann die Krumbacher Synagoge. Schon Monate vorher war sie von den Nazis als Wehrmachtslager für Rauhfutter beschlagnahmt worden. Die Brandruine verlor bei der Gestapo an Bedeutung und wurde schließlich am 30. August 1940 für 7000 Reichsmark an die Stadt Krumbach verkauft. Wie Herbert Auer in der gleichen Broschüre schreibt, sollte das Gebäude abgebrochen und an seiner Stelle ein neues Feuerwehrhaus errichtet werden. Dagegen stemmte sich allerdings die Brandversicherung, die eine Wiederbebauung des Platzes forderte, was den Abbruch verzögerte. Dafür vorgesehene Kriegsgefangene waren wegen anstehender Erntearbeiten unabkömmlich. Erst im Dezember 1941 konnte der Vollzug der Abbrucharbeiten dem Gauleiter in Augsburg gemeldet werden. Die Kriegswirren und fehlendes Geld verhinderten den Bau des geplanten Gerätehauses. Die Stadt stellte in den Nachkriegsjahren in der kleinen Grünanlage einen Gedenkstein auf, bevor in jüngerer Zeit der Heimatverein das heutige Mahnmal in Form einer Mauerecke mit in den Boden eingelassenen Ziegelsteinen an Stelle der früheren Grundmauern errichtete. Inzwischen sanierungsbedürftig, soll die Anlage in den geplanten Um- und Ausbau der Heinrich-Sinz-Straße/Synagogengasse einbezogen und saniert werden.

Seit dem 16. Jahrhundert

Über die frühere Geschichte der Synagoge schreibt Auer, dass es vor dem Jahre 1675 in Hürben kein jüdisches Gebetshaus gegeben habe, obwohl bereits seit dem 16. Jahrhundert jüdische Familien ansässig waren. Auer nennt dafür zwei maßgebliche Gründe: Einmal beschränkte sich die Zahl der Juden auf wenige Personen und zum anderen mussten für die Abhaltung eines Gottesdienstes mindestens zehn erwachsene Männer anwesend sein. Der Dreißigjährige Krieg verringerte die Zahl der Juden auf drei Familien, die ihre Religion vermutlich in einem privaten Gebetsraum ausübten. Erst im Jahre 1675 erlaubte die Ortsherrschaft unter Graf Maximilian von Lichtenstein der Judenschaft den Kauf eines kleinen Gartengrundstücks für 30 Gulden auf dem dann das neue Gebetshaus erstand.

In den folgenden Jahren stieg die Zahl der jüdischen Bewohner in Krumbach wieder an und zwar durch Zuzüge aus Neuburg/Ka., Hohenraunau und Deisenhausen und so war die Synagoge schon bald zu klein.

1710 folgte ein Anbau und nach der Vertreibung der Juden aus Thannhausen im Jahre 1718 eine weitere Erneuerung. Genau 100 Jahre später beauftragte die wachsende jüdische Gemeinde den Maurermeister Johann Salzgeber aus Buch zur Planung einer neuen Synagoge, bei deren Bau aus Kostengründen Steine und Holz des Vorgängerbaus verwendet wurden. Grundlegende Renovierungen gab es in den Jahren 1872 und 1908 im Inneren und Äußeren, bevor sich nach der Machtübernahme durch die NSDAP 1933 die Zahl der Gemeindemitglieder stetig verringerte. Das endgültige Aus des geistigen und religiösen Mittelpunkts der jüdischen Gemeinde in Krumbach kam dann im November 1938 durch die Entweihung und den Brand ein Jahr später.

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