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Krumbach/Paris

23.01.2021

Die Reichsgründung war in Krumbach kein Anlass zum Feiern

Offizielle Bilder aus dem Raum Krumbach aus der Zeit des Kaiserreiches (1871 bis 1918) existieren nur wenige. Eines entstand anlässlich eines Manövers im Jahr 1908 in und um Krumbach: Im Bild der bayerische Prinz Rupprecht (in der Mitte vorne) als kommandierender General des 1. Armeekorps mit seinem Stab auf dem Krumbacher Marktplatz während des Manövers im September 1908.
Bild: Stadtarchiv Krumbach

Plus Wie die Bevölkerung von den Ereignissen im Januar vor 150 Jahren erfuhr und welche Rolle der deutsch-französische Krieg in der öffentlichen Wahrnehmung spielte.

Die Proklamierung des deutschen Kaiserreichs am 18. Januar 1871 – also vor fast exakt 150 Jahren – war für den Krumbacher Boten weder Anlass für eine Sonderseite noch für eine fett gedruckte Zeile. Dagegen findet sich in jeder Ausgabe auf Seite 1 unter dem Titel „Vom Kriege“ das Neueste über die Belagerung von Paris. Warum der Blick der Menschen damals auf die Ereignisse aus heutiger Sicht durchaus erstaunlich wirkt.

Der deutsche Historienmaler Anton von Werner, einer der wenigen Zivilisten, die bei dem Festakt dabei sein durften, hat in seinen Memoiren geschrieben, dass dieses historische Ereignis im Spiegelsaal des Schlosses Versailles „in prunklosester Weise und außerordentlicher Kürze“ vor sich gegangen sei. Dabei war Höhepunkt des Festakts immerhin die Krönung des preußischen Königs Wilhelm I. zum deutschen Kaiser.

Zu Ehren der Gefallenen des Krieges von 1870/71 wurde auf dem ehemaligen Pfarrgarten vor der Kirche das Kriegerdenkmal errichtet und am 9. August 1896 eingeweiht.
Bild: Stadtarchiv Krumbach

Offiziell wird über die Gründung des Deutschen Reiches im Krumbacher Boten, der damals nur jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag erschien, erstmals in einer amtlichen Bekanntmachung berichtet. Unterzeichnet ist diese vom Vorsteher des Königlichen Bezirksamts Krumbach, Bezirksamtmann Krieger. Es geht um die „Vorbereitungen zur Wahl zum Deutschen Reichstag“ und ist an den „Magistrat Krumbach und sämtliche Gemeindeverwaltungen“ gerichtet.

„In Folge höchster Ministerial-Entschließung“ sind vom Krumbacher Magistrat und den Bürgermeistern mehrere „Weisungen“ zu vollziehen. Im Detail wird gefordert: „Für jede Gemeinde ist nach dem im Kreisamtsblatt vorgeschriebenen Formular die Wählerliste sofort anzufertigen.“

Wer künftig wahlberechtigt ist

Hierzu wird ferner bemerkt, dass nach dem „Wahlgesetz für den Reichstag des Deutschen Bundes jeder Deutsche, nicht bloß Bayer, welcher das 25. Lebensjahr zurückgelegt hat und in der Gemeinde ständig wohnt, wahlberechtigt ist und in die Wählerliste eingetragen werden muß“.

Ausgeschlossen von der Berechtigung zur Wahl „sind unter Vormundschaft stehende und in Conkurs befindliche Personen sowie welche eine Armenunterstützung aus öffentlichen oder Gemeindemitteln beziehen, ebenso Militärpersonen solange sie sich bei der Fahne befinden.“ Die „doppelt hergestellten Wählerlisten waren von den Bürgermeistern bis zum 3. Februar abzuliefern.

Weitaus mehr Platz wurde im Krumbacher Boten in diesem Januar 1871 dem Kriegsgeschehen insgesamt und besonders den Berichten über die Belagerung von Paris eingeräumt.

Diese erreichten ihren Höhepunkt am 28. Januar mit der Kapitulation der Pariser Armee, die allerdings „kriegsgefangen“ in der Stadt verbleiben musste.

Ausschnitt aus einer Anzeigenseite des Krumbacher Boten im Januar 1871, der zur damaligen Zeit in der Woche nur dreimal erschienen ist.
Bild: Hans Bosch

Was in diesen ereignisreichen Tagen dort passierte, ist auch einem „Feldbrief“ zu entnehmen, den ein Offiziersaspirant (Junker) des 4. Artillerie-Regiments aus Krumbach am 17. Januar geschrieben hat und der kurz danach im Krumbacher Boten veröffentlicht wurde. Sein Name ist leider nicht erwähnt.

Er geht davon aus, dass in der Heimat schon bekannt ist, dass die Beschießung von Paris begonnen hat und schreibt dann: „Auf der Ostseite der Front wurde damit angefangen, mit günstigem Erfolge, nachdem schon am 2. Tage der Mont (Berg) Avron von den deutschen Truppen genommen wurde. Hier sind von deutscher Seite 23 Batterien erbaut worden, welche mit cirka 180 Geschützen die Vorwerke bilden, die dann die Stadt Paris selbst beschießen. Am 5. Januar begann der furchtbare Geschützkampf. Auch meine Batterie hat den Befehl erhalten und wurde mit 12-Pfünder-Geschützen ausgerüstet, welche sodann das Feuer gegen das 1700 Schritte entfernte gegenüberliegende Fort eröffneten.“

Weiter heißt es in dem Brief: „Den ersten Tag hatten wir keinen Verlust. Am 14. Januar konnte die Beschießung wegen starkem Nebel nicht fortgesetzt werden. Am folgenden Tag dagegen begann das Feuer bei Tagesanbruch. Die Franzosen hatten den Vortag benutzt und viele Feldschanzen errichtet von welchen aus die Unseren auf heftigste beschossen wurden. An diesem Sonntag hatte unsere Batterie die ersten Verluste zu beklagen. Nachmittags 3 Uhr wurde einer unserer Offiziere in den Unterleib geschossen und getötet. Ich war noch nicht im Feuer gestanden.

Mit großem Heulen und Zischen

Es war aber große Gefahr. Die Granaten und Granatstücke flogen mit großem Heulen und Zischen durch die Luft und krepierten dann unter mächtigem Knall. Doch Gott, der Lenker der Schlachten, auf welchen ich meine Zuversicht legte, beschützte mich gnädiglich und ich kam wieder ungefährdet nach Hause.“

Im weiteren Verlauf seines Briefes geht der Junker auf die Übergabe von Paris ein und spricht die Bitte aus, die französischen Soldaten sollten so schnell wie möglich die Stadt „entsetzen, weil die Lebensmittel nicht mehr länger als bis zum 20. Januar reichen würden.“

Seine Hoffnung: „Möchte dieses wahr sein, damit doch des vielen Blutvergießens endlich einmal ein Ziel gesetzt wäre.“

Sein persönlicher Frontbericht endet schließlich recht positiv: „Geld braucht man keines, weil wir unsere volle Verpflegung, selbst Cigarren und Wein oder Cognak haben.“ Die einzige Ausgabe sei für Zucker erforderlich, denn davon koste das Pfund einen Gulden und zwölf Kreuzer.

Untergebracht sind er und seine Kameraden in dem „sehr vornehmen Quartier eines Barons“. Aber auch sonst geht es den deutschen Soldaten recht gut: „Heute hat der Oberfeuerwerker Glöggler, welcher sehr gut das Kochen versteht, ausgezeichnete Leberknödel, Rindfleisch und geröstete Kartoffel gekocht. Abends gibt es dann Hammelbraten und gedünstetes Fleisch.“

Im Brief sein Fazit daraus: „Sie sehen, daß wir ganz gut unser Auskommen haben und uns sehr behaglich und wohnlich eingerichtet haben. Nichtsdestoweniger freut sich aber jedermann wieder auf die liebe Heimath.“

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