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Landkreis Günzburg

22.02.2021

Kreis Günzburg: Dieses Problem müssen Friseure vor dem Neustart lösen

Zum 1. März dürften die Friseure wieder öffnen. Doch es gelten andere Regeln als nach dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr.
Bild: Daniel Boscariol

Plus Ab März dürfen in Friseursalons wieder Kunden empfangen werden. Die Freude ist groß, dass es endlich wieder losgeht. Doch eine Regelung bereitet auch Schwierigkeiten.

Am 1. März, ausgerechnet einem Montag, ist es so weit, die Friseure dürfen wieder Kunden empfangen und bedienen. Allein in Bayern können über 9000 Saloninhaber aufatmen. Auch Martina Unglert, die stellvertretende Innungsobermeisterin im Landkreis, ist erleichtert. „Nach der zweiten Schließung, die ja nicht fünf Wochen, wie die erste, sondern doppelt so lange gedauert hat, sind wir alle froh, jetzt wieder eine Perspektive zu haben.“ Aber da ist auch eine große Herausforderung, die Friseure jetzt meistern müssen: Das Raumkonzept des Jahres 2020 gilt nicht mehr.

Nicht nur der Umsatzrückgang auf Null belastete die Saloninhaber, sie mussten ja auch ihr Personal weiter beschäftigen. „Auszubildende und geringfügig Beschäftigte können nicht in Kurzarbeit gehen.“ Dazu kamen jetzt über ein Vierteljahr Nebenkosten ohne Einnahmen.

Da waren Rücklagen überlebenswichtig. „Ich bin froh, dass ich es geschafft habe, aber das war nicht leicht,“ gesteht Daniela Kugler. Die Inhaberin eines Friseursalons in Neuburg hat sich vor 13 Jahren ihren Traum vom eigenen Salon erfüllt, hat Kredite aufgenommen, über Jahre auf alles, was nicht nötig war, verzichtet. „Ich habe sogar noch am letzten Tag vor der Geburt meines ersten Kindes gearbeitet und bin schon wenig später in den Salon zurückgekehrt. Ohne die Hilfe meines Mannes und meiner Eltern hätte ich das nicht geschafft. Und jetzt stand es fast Spitz auf Knopf, ob mein kleines Unternehmen weiter bestehen kann.“ Sie habe, um durchzuhalten, jeden Cent zweimal umgedreht, alles gestrichen, was nicht dringend notwendig war. Um so größer ist ihr Tatendrang jetzt. Immerhin müssen fünf Friseurinnen beschäftigt werden.

Welche Regeln jetzt gelten

Die Kundenanfragen sind dabei nicht das Problem. Es ist der Raum. Mit der neuen Zehn-Quadratmeter-Regel wird das alte Raumkonzept vom Frühjahr 2020 über den Haufen geworfen. Nach Angaben des Landesinnungsverbandes des bayerischen Friseurhandwerks sowie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege gilt von nun an der aktualisierte „SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandard“ mit folgenden Regeln: Das Personal muss mindestens eine medizinische Gesichtsmaske tragen, Kunden eine FFP2-Maske. Den Salon betreten darf nur, wer einen Termin vereinbart hat. Es gilt ein Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen den Kunden und eine Mindestfläche von zehn Quadratmetern pro Person.

„Ich habe extra einen weiteren kleinen Raum eingerichtet, um die Kunden und Mitarbeiter zu separieren, doch der ist jetzt zu klein und darf nicht genutzt werden“, bedauert Daniela Kugler. Auch ihre Kollegen und Kolleginnen mussten planen und schieben, umgestalten und neu planen, bis sie ein regelkonformes Raumkonzept erarbeitet hatten. „Das Schwierige daran ist auch, dass ständig neue Auflagen und Vorschriften kommen, sodass eine längerfristige Planung obsolet ist.“

Müssen Friseure die Soforthilfen zurückzahlen?

Um einen reibungslosen Ablauf sicherzustellen, haben sich Martina Unglert aus Krumbach und ihr Team zusammengesetzt und erst einmal eine Stoffsammlung gemacht: Wer kann wann arbeiten? Schließlich haben die Friseurinnen im Hintergrund oft auch noch Familie mit schulpflichtigen Kindern, und das kann bedeuten, dass sie von heute auf morgen daheim bleiben müssen. Da werden dann auch die Abendstunden zu möglichen Arbeitsstunden. Systemrelevant sind Friseure nämlich ebenso wenig wie überbrückungshilfeberechtigt. „Wir fallen durch alle Raster“, sagt Martina Unglert, und ihre Kollegin Conny Hillmann aus Bibertal befürchtet, dass sie nun auch die Soforthilfen zurückzahlen müssen, die beim ersten Lockdown ausgezahlt wurden.

Dennoch bleibt die Kissendorferin optimistisch. „Wir haben schon rund 30 Stunden Kundenkontakt gepflegt. Wir rufen alle Kunden an, die in der Lockdown-Phase einen Termin gehabt hätten und dann kommen natürlich auch noch die Stammkunden dazu, die jetzt regulär wieder zu uns gekommen wären. Dabei bleibt es häufig nicht nur bei einer formellen Terminvergabe. Viele unserer Kunden sehnen sich auch danach, wieder ein Schwätzchen halten zu können und aus ihrem Leben zu erzählen.“

Friseure sind wie Barkeeper, eine Art Seelentröster und wurden auch deshalb von vielen ihrer Kunden schmerzlich vermisst. Kein Wunder also, dass alle Saloninhaberinnen unisono von freudigen Kunden berichten, die es kaum erwarten können, wieder unter die Obhut ihrer Friseurin zu kommen.

Wie die Kunden aktuell reagieren

„Es gibt nur sehr selten Unmutsäußerungen, dass ein Termin nicht schnell genug zu haben sei. In aller Regel sind die Kunden verständnisvoll und akzeptieren die Vorgehensweise, dass die zuerst bedient werden, die am längsten auf den Termin warten mussten,“ hat Conny Hillmann in der ersten Woche erlebt.

Um alle Wünsche möglichst schnell erfüllen zu können und das Umsatzminus trotz verminderter Kundenpräsenz im Salon abfangen zu können, werden die drei Saloninhaberinnen sehr flexible Öffnungszeiten anbieten. Und sie freuen sich auch darauf, ihren Kunden ihr neues Wissen und Können zu präsentieren. Denn sie haben die Zeit des Stillstands nicht nur für Familie und Regeneration genutzt.

„Die Firmen, mit denen wir zusammenarbeiten, haben schnell reagiert und viele Webinare angeboten. Da hatten wir auch Muße und Zeit für intensive Fortbildung,“ sagt Martina Unglert. Und Conny Hillmann, die sich auch um ihre „Azubine“ sorgt, mit der sie täglich im Salon gearbeitet hat, ist erleichtert, dass in der Innungsarbeit auch der Nachwuchs nicht vernachlässigt wurde.

„Ich bin sehr glücklich und froh, dass wir einen so guten Zusammenhalt haben. Der hat sich in der Krise deutlich verbessert, ist intensiver geworden.“ Und so schaut sie trotz aller Unwegsamkeiten positiv in die Zukunft, auch, weil sie überzeugt ist: „Unsere Innung ist super, wir sind sehr gut aufgestellt.“

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