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Krumbach

08.03.2019

Nostalgie aus Krumbach: die fahrende Kreissäge

Eine fahrende Kreissäge ? diese bald 70-jährige Konstruktion des Krumbachers Kasimir Geschwind gehört Georg Anwander in Höselhurst, der sie regelmäßig für die Brennholz-Verarbeitung einsetzt. Der Einzlinder-Diesel von Deutz wird mit Zündhütchen und Drehkurbel angeworfen. Nostalgie-Technik aus der Nachkriegszeit: Offen liegende Ventilsteuerung. Wolfgang Kahler Tel. 0170/4814763 mobil ?
Bild: Wolfgang Kahler

Wie eine jahrzehntealte Erfindung aus Krumbach noch heute beim Höselhurster Georg Anwander ständig im Einsatz ist.

Das Ding ist ein echtes Unikat und Nostalgie pur: Eine fahrende Kreissäge. Sie hat an die 70 Jahre auf dem Buckel, aber ist noch lange nicht im Rentenalter. Georg Anwander in Höselhurst hütet die ungewöhnliche Arbeitsmaschine, die eigentlich aus Krumbach stammt. Sie ist aber nicht nur Schauobjekt des Oldtimer-Fans, sondern nach wie vor beim Brennholz machen im Einsatz. Und das funktioniert mit dem außergewöhnlichen Gerät überraschend gut.

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Als Anwander in der Heimatzeitung einen Bericht über die mobile Säge des Krumbachers Kasimir Gschwind las, war ihm sofort klar: Das Teil gehört ja ihm. Und tatsächlich, in Höselhurst, dem Ortsteil von Neuburg, steht die museale Arbeitsmaschine.

Im Artikel war eine fahrende Bandsäge abgebildet, die aber erst eine weitere Konstruktion von Gschwind war, wie Anwander weiß. Zuerst hatte der Krumbacher 1950 die fahrende Kreissäge entwickelt. Über einen Umweg kam Oldtimer-Sammler Anwander vor circa 15 Jahren an das Unikum.

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Bis zum Artikel in unserer Zeitung habe der 64-Jährige nicht mal gewusst, dass es sich um die Gschwind-Erfindung handelte. „Damals war die Maschine aber nicht mehr funktionstüchtig“, erinnert er sich. Die Antriebswelle hatte ihren Geist aufgegeben. Aber Anwander, der viele Jahre bei der Kötzer Maschinenbaufirma Alko schaffte, machte sich ans Werk und richtete die Säge.

Mit „Schlüssen drehen“ ist es nicht getan

Und auf die Funktionstüchtigkeit der urig wirkenden Nostalgietechnik ist Anwander sichtlich stolz, als er für unsere Zeitung den Motor anwirft. Aber von wegen einfach Zündschlüssel drehen. Der in einer Scheune untergebrachte Oldtimer will erst fachgerecht präpariert werden.

Das Fahrgestell stammt von einem amerikanischen Armee-Fahrzeug, dem legendären Willys-Jeep, informiert Anwander. Doch statt des darin verwendeten Vierzylinder-Benzinmotors arbeitet in der Säge ein Einzylinder-Diesel des bekannten Kölner Traktor-Hersteller Deutz.

Diese Kombination stammt wohl noch vom Konstrukteur Gschwind. „Ältere Zeitzeugen kennen den noch, als er die Säge in Betrieb hatte“, sagt Anwander, „die Idee ist jedenfalls nicht schlecht“.

Das originale Jeep-Fahrgestell ist sogar mit Allrad-Antrieb ausgestattet. Vom Viergang-Getriebe – drei Vorwärts und einer Rückwärts – ist allerdings nur noch ein Vorwärtsgang übrig, die anderen wurden gesperrt.

Den Motor anzuwerfen ist eine Kunst

So tuckert die mobile Säge mit höchstens Schrittgeschwindigkeit vorwärts. Das Ingangsetzen des Dieseltriebwerks ist eine Kunst für sich, wie Anwander anschaulich demonstriert. Zunächst wird ein Zündhütchen in einen dafür vorgesehenen Halter am Motor eingesetzt.

Dann betätigt Anwander die Drehkurbel – drei- bis vier Mal. Und tatsächlich: Rumpelnd, pötternd und Qualmwolken ausstoßend beginnt der Diesel zu arbeiten. Nach ein paar eher saft- und kraftlos wirkenden Umdrehungen ist wieder Schluss. Anwander muss eine weitere Zündlunte – wie das Teil offiziell genannt wird – einsetzen. Beim zweiten Versuch kommt der Motor stampfend auf Drehzahlen.

Die Säge wird noch regelmäßig eingesetzt

Dann tuckert der Oldtimer-Fan mit der fahrenden Säge zu seinem Holzstapel. Über zwei Keilriemen treibt der alte Deutz-Diesel die Kreissäge mit einem 60-Zentimer Blatt an. Anwander bewegt ein Meterholz auf einem genial konstruierten Schiebetisch Richtung Säge und schon hat er Holzscheite in passender Länge.

„Die Säge ist jeden Monat in Gebrauch“, lacht Anwander. So kann er locker einige Ster Holz aus eigenem Wald verarbeiten. Der 15-Liter-Tank der rollenden Arbeitsmaschine reicht ein ganzes Jahr. Wichtig sei aber ein regelmäßiger Ölwechsel für den Motor – wie bei einem normalen Traktor eben.

Ehefrau Sabine war anfangs nicht so recht begeistert von der Oldtimer-Sammelleidenschaft ihres Mannes, hat sich jedoch inzwischen damit arrangiert. Im Haus stehen ebenfalls ausgefallene Hobby-Exemplare – zum Beispiel eine alte Milchzentrifuge. Auf die Frage, ob er die fahrende Nostalgie-Maschine wieder verkaufen würde, wenn ein Interessent käme, sagt Anwander: „Die gebe ich nicht wieder her.“ Also wird das außergewöhnliche Unikum wohl noch viele Jahre in Höselhurst knattern, dampfen und – sägen.

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