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26.09.2010

Osteuropäische Lausbubengeschichten

Dr. Gertrud Roth-Bojadzhiev ließ mit ihrer Lesung im Krumbacher Heimatmuseum den hintersinnigen Humor und die bäuerliche Arbeitswelt eines uns kaum bekannten Südosteuropas lebendig werden. Foto: Petra Nelhübel
Bild: Petra Nelhübel

Krumbach Wer hat Vaters Arbeitsschuhe zusammengebunden und mit Wasser gefüllt? Wer den weißen Pudel der Nachbarin mit Tinte "parfümiert" oder die Schuhe des Bruders mit Teer ausgegossen, sodass er aus selbigen herausgeschnitten werden musste? Wer jetzt an den Michel aus Löneberga denkt, oder an Ludwig Thomas Lausbubengeschichten, kennt die südosteuropäische Variante nicht, die Gertrud Roth-Bojadzhiev bei einer Literaturlesung im Krumbacher Heimatmuseum ihren Zuhörern näher brachte. Albanien, Serbien, Bulgarien - Länder, die wir höchstens aus Nachrichtensendungen oder Politdiskussionen kennen, bestenfalls noch von einem Schwarzmeerurlaub, sind sprachlich, kulturell und literarisch oftmals weiße Flecken auf der Landkarte des Westeuropäers. Diese weißen Flecke mit Farbe und Leben zu füllen, ist Gertrud Roth-Bojadzhiev, langjährige Dozentin an der Universität Augsburg, ein Anliegen, das aus ihrer Ehe mit einem Mann bulgarischer Herkunft resultiert.

Kyrillische Schrift gelernt

Erst über die Sprache und das Erlernen der kyrillischen Schrift, fand sie Zugang zu einer reichhaltigen literarischen Welt die bei uns, da wenig übersetzt, nahezu unbekannt ist. Der Rückgriff auf alte DDR-Ausgaben und, bei Branislav Nusic sogar eigene Übersetzungsarbeit, machten es erst möglich, diesen Teil erzählerischen Schaffens einem westeuropäischen Publikum zugänglich zu machen. Und so machte sie die Krumbacher Zuhörer mit einer Welt bekannt, in der alte Patriarchen noch mit einem scharfen Blick Ehefrauen, Töchter und Mägde dirigieren, der Vater nur verächtlich auf den Boden spuckt, wenn ihm schon wieder ein Mädchen geboren wird und der am nächsten Tag ein Freudenfest feiert, wenn sich herausstellt, dass sich die sturzbetrunkene Hebamme verguckt hat und das Mädchen ein heiß ersehnter Knabe ist.

Dieser Knabe ist eben jener Branislav Nusic der sich in seinen Lebenserinnerungen gar nicht darüber beruhigen kann, dass er sieben Tage nach dem errechneten Geburtstermin geboren wurde. Tage, die ihm, so hofft er, am Ende des Lebens wieder dazugegeben werden. Nicht dass etwa sein Lotterielos gewänne, während er zu früh in die Grube sänke, obwohl ihm doch noch eine Woche in Reichtum zustünde. Mit diesen hintersinnigen und philosophischen Überlegungen hielt der kleine Branislav schon als Bub nicht hinter dem Berg, was seine hilflose Mutter allzu oft mit einer Tracht Prügel beantwortete, wenn er etwa den Onkel fragte, wo denn sein Loch im Kopf wäre, durch das sein Verstand verdunstet sei, wie es der Vater immerzu erzähle. So bleibt dem kleinen Philosophen nur, sich Hosen zu wünschen, wie sie Buben am Balkan erst ab fünf Jahren bekommen (zuvor tragen sie Röcke ohne Unterwäsche wie die Mädchen), um sein geplagtes Hinterteil besser zu schützen und um besser über Zäune klettern zu können, um sich die Welt zu erobern und um endlich erwachsen zu werden.

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Die Tücke der Erwachsenenwelt

Dass auch die Erwachsenenwelt ihre Tücken hat, bestätigte sich spätestens beim zweiten, an diesem Abend vorgestellten Autor, Ivailo Petrov, dem großen Humoristen Serbiens. Als dessen Eltern befanden, dass auf dem bäuerlichen Hof noch eine zusätzliche Arbeitskraft vonnöten sei, wurde dem 16-jährigen Ivailo kurzerhand beim Stallausmisten mitgeteilt, dass er noch diesen Winter heiraten müsse. Unwillig, linkisch und schüchtern geht er mit Heiratsvermittler Gotscho Kürbiskopf auf Brautschau. Die Kindheit ist zu Ende.

Lebendig, anschaulich und oft herzerfrischend komisch verstand es Gertrud Roth-Bojadzhiev Geschichte und Tradition eines Landes mit persönlichen Einzelschicksalen zu verknüpfen und vor dem Zuhörer eine Welt entstehen zu lassen, die es so gar nicht mehr gibt.

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