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Ziemetshausen/London

19.08.2017

Ziemetshauserin geht als „Granny-Nanny“ nach London

Unsere Mitarbeiterin Petra Nelhübel aus Ziemetshausen geht als Granny-Nanny nach London.
Bild: Sammlung Nelhübel

Warum unsere Mitarbeiterin Petra Nelhübel für vier Monate nach England geht und was sie dort erwartet.

Ab dem 1. September werde ich eine neue Mutter haben. Sie wohnt in London, ist ein paar Jahre jünger als ich und mit dem bemuttern wird es darum nicht weit her sein. Genau genommen wird sie meine Au-Pair-Mutter sein und ich werde ihre zwei Kinder ein bisschen mit bemuttern. Dafür bin ich da. Vier Monate lang. Als Au-Pair-Girl, oder genauer, als Au-Pair-Oma, oder, wie es im englischsprachigen Raum heißt, als Granny-Nanny.

Seit sich das in meinem Umfeld herumgesprochen hat, teilt sich der nähere und weitere Verwandten- und Bekanntenkreis in zwei Lager. Die, die sagen: „Toll!“ oder: „Mutig!“ und: „Das will ich auch!“ Und die Anderen, die fragen: „Spinnst Du?“ oder: „Erlaubt das denn Dein Mann?“ und: „Warum gehst Du zu fremden Leuten und lässt Deine eigenen Kinder alleine?“

Zu Frage eins: Vielleicht. Zu Frage zwei: Der beste Ehemann von Allen hat tatsächlich sehr verhalten reagiert. Aber das tut er auch, wenn ich die Möbel verrücke oder eine neue Sorte Frischkäse kaufe. Er mag keine Veränderungen, aber er mag mich. Zu Frage drei: Meine vier eigenen Kinder sind zwischen 17 und 37 Jahre alt und jedes von ihnen ist in der Lage, die Waschmaschine zu bedienen und sich ein Ei zu braten. Im Übrigen finden sie Mamas Pläne absolut klasse. Sie haben es sogar schon in ihrem eigenen Freundeskreis weitererzählt und wenn ich jetzt kalte Füße bekäme, würde das ganz enorm meinen „Coolness“-Faktor senken.

Genau genommen hat mich auch eines der Kinder erst auf die Idee gebracht. Meine Jüngste nämlich, die sich nach anstehendem Schulabschluss nicht für einen Ausbildungsplatz entscheiden wollte, konnte sich nach einigen Elterngesprächen für ein Aupair-Jahr erwärmen. Die Begeisterung war nur von kurzer Dauer, aber da war Mama – also ich – bei ihren Internetrecherchen bereits auf die Seite von Michaela Hansen gestoßen. Die Hamburgerin hat 2010 das Internetportal Granny Aupair gegründet und vermittelt seither lebenserfahrene Frauen, weltweit als Gesellschafterin, zur Kinderbetreuung, oder als Mitarbeiterin bei Hilfsprojekten.

Das war es! Wenn die Kinder schon keinerlei Neigung zeigen, das „Hotel Mama“ zu verlassen, warum sollte nicht Mama selbst einfach mal gehen? Für eine Weile wenigstens. Als Gesellschafterin für eine einsame Witwe in Washington D. C., als Nanny für eine Diplomatenfamilie in Genf, nach Irland, Dubai, Kuala Lumpur oder Singapur.

Ein eigenes Profil auf der Granny-Plattform zu erstellen ist denkbar einfach. Danach kann man selbst nach interessanten Angeboten schauen oder schlicht warten, ob man von einer Familie kontaktiert wird. Und die Nachfrage nach Granny-Nannys ist enorm. Warum das so ist, habe ich meine Kontaktfamilien natürlich auch gefragt. Viele hatten auch schon junge Aupair Mädchen. „Aber die Mädchen haben oft mangels jüngerer Geschwister keinerlei Erfahrung mehr mit kleinen Kindern“, hieß es an einer Stelle. Oder es wird befürchtet, sie könnten sich nicht durchsetzen bei Teenagern, die manchmal nur fünf oder sechs Jahre jünger wären als das Aupair. Außerdem versprechen sich viele Familien von einer älteren Person mehr Beständigkeit und Zuverlässigkeit.

Nun gut, ich werde wohl nicht meine Aupair Familie morgens um vier, nach einer durchfeierten Nacht aus dem Schlaf klingeln, weil ich meinen Haustürschlüssel verloren habe. Dafür komme ich mit der ganzen Last meiner 54 Jahre und den lieb gewordenen Gewohnheiten, die sich im Laufe eines längeren Lebens so herausbilden. Bin ich in der Lage, mich in eine ganz andere Art der Lebensführung einzuordnen? Welchen Platz werde ich beispielsweise beim morgendlichen Gerangel ums Badezimmer einnehmen? Wird „meine“ Familie morgens Kaffee oder Tee trinken? Was mache ich ohne meine gewohnte Tageszeitung? Was, wenn ich mit meiner vielen freien Zeit (in London ist Ganztagsschule üblich) nichts anzufangen weiß? Ein bisschen mulmig ist mir schon. Aber nur ab und zu. Ich werde, laut Vertrag, 30 Wochenstunden für zwei Teenager da sein und am Wochenende habe ich frei. Ich werde ein eigenes Zimmer haben. Ich werde wöchentlich Taschengeld bekommen. Das darf ich ganz allein nur für mich ausgeben. Niemand da, der sich mal schnell einen Zehner „leiht“. Ich werde Galerien und Museen besuchen, neue Leute kennen lernen und mein Englisch aufbessern.

Ich werde als ausgewiesenes Landei ins Großstadtleben eintauchen. Und vielleicht werde ich Heimweh bekommen, wahrscheinlich sogar in der Vorweihnachtszeit. Wenn London leuchtet und glitzert, werde ich das bayerische Zelt des German Christmas Market im Hyde Park besuchen und ein bisschen in meinen Glühwein weinen. Hoffentlich mit ein paar anderen Rührseligen. Und dann heißt es schon bald Abschied nehmen von meinem Aupairtochterdasein. Ich werde anrufen Zuhause und Anweisung geben, das Lotterleben zu beenden und gründlich aufzuräumen. Die Granny-Nanny geht. Die Mutter kommt wieder.

Die Agentur Granny Aupair wurde 2010 von Michaela Hansen in Hamburg ins Leben gerufen. Sie vermittelt nahezu weltweit Frauen ab 50+ (solange man sich fit fühlt, gibt es nach oben keine Altersbeschränkung) als Gesellschafterinnen oder zur Kinderbetreuung. Die Aufenthaltsdauer richtet sich nach den Bedürfnissen der Beteiligten. Homepage: www.granny-aupair.com

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