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Uraufführung in München

20.10.2019

Auftakt im Residenztheater: Die Hauptrolle spielt der Text

Schwarz, Weiß, Beige – für die Farben in der Uraufführung „Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer sorgt der starke Text.
Bild: Birgit Hupfeld

Mit einem neuen Werk des Dramatikers Ewald Palmetshofer beginnt die neue Spielzeit am Residenztheater nach dem Intendantenwechsel.

Dieses Statement ist schwer zu übersehen. Andreas Beck, der neue Intendant des Münchner Residenztheaters, hat mitten im Foyer des Hauses Porträts seines Schauspielensembles aufhängen lassen. Ein paar bekannte Gesichter wie Sibylle Canonica, Juliane Köhler, Aurel Manthei und Sophie von Kessel sind darunter und viele neue, unter anderem die bislang an den Münchner Kammerspielen gefeierte Brigitte Hobmeier, aber auch Schauspieler, die Beck aus Basel mitbringt. Diese Bilder zeigen schnörkellos, worum es Beck im Residenztheater geht: Ensembletheater – Schauspielertheater.

Noch vor der ersten Premiere musste allerdings erst einmal ein Ausfall verkraftet werden. Der australisch-schweizerische Regisseur Simon Stone hätte mit einer Uraufführung bereits am Freitagabend die erste Saison unter der neuen Intendanz eröffnen sollen. Stone sagte allerdings kurzfristig ab, weil ein über viele Jahre vorbereitetes Filmprojekt unerwartet die nötige Finanzierung bekommen hat. Wann die Uraufführung von „Wir sind hier aufgewacht“ stattfinden wird, kann noch nicht gesagt werden, allerdings hat Stone zugesichert, „as soon as possible“, also sobald als möglich wieder nach München zum Inszenieren zu kommen.

Die Gegenwartsdramatik ist ein wichtiger Bestandteil des Spielplans

Das Stück, mit dem es dann in die neue Spielzeit ging, ist ebenfalls eine Uraufführung. Der österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer hat „Die Verlorenen“ als Auftragsarbeit für das Haus geschrieben. Was wiederum zeigt, dass die Gegenwartsdramatik bei Beck ein wichtiger Bestandteil des Spielplans ist.

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Das Stück, das Palmetshofer geschrieben hat, hat es in sich: ein fast schon klassisch anmutendes Familiendrama mit blutigem Ende und kantig-abgründigen Figuren. Das 13-jährige Scheidungskind Florentin lässt sich nicht mehr erziehen, geht voll auf Konfrontation und fliegt wegen eines Demütigungsvideos, das er gedreht hat, von der Schule. Seine Mutter Clara, Hauptfigur und Dreh- und Angelpunkt des Stücks, steigt aus ihrem Leben aus, nistet sich im leer stehenden Haus ihrer Großmutter ein, weit weg in der tiefsten Provinz. Aber das Leben, vor dem sie flüchtet, folgt ihr in Form ihres Sohnes, ihres Ex-Manns Harald und dessen neuer Frau Svenja auf dem Fuß. Abgerundet wird das durch Claras Eltern, ihre Tante und ein paar eher derben Leuten aus der Provinz.

Die Figuren scheitern beim Versuch, anderen zu begegnen

Palmetshofer hebt diesen Plot, der sich vielleicht ein wenig bekannt anfühlen mag, auf eine existenzielle Ebene. Die Figuren wollen wirklich anderen begegnen, aber sie scheitern mit steter Regelmäßigkeit dabei. Mal am Timing, weil das Richtige zur falschen Zeit gesagt wird, mal an der eigenen Verletzlichkeit, wenn das Gegenüber sich nicht sofort öffnen will und schroff reagiert.

Raffiniert, wie Palmetshofer mit einem Prolog und einem Epilog, in dem das Ensemble geschlossen noch nicht in den Figurenrollen des Stücks auftritt, eine metaphysische Ebene einzieht. „Ist da wer?“, fragen die Schauspieler anfangs, bevor sie Allerweltsprobleme schildern. Das Publikum fühlt sich angesprochen. „Ist da wer?“ fragen sie am Ende des Stücks wieder. Jetzt gilt die gleiche Frage dem Gott da oben.

Uraufführung am Residenztheater: Im Vordergrund steht der Text

Und dann hat dieser Text große lyrische Qualitäten, die Sprache folgt eher dem Rhythmus als der Syntax, manchmal sind es nur Worte oder Wortfetzen, die den Takt vorgeben, dann wieder gibt es Momente, in denen sakrale Töne vorherrschen. Hausregisseurin Nora Schlocker setzt in ihrer Inszenierung genau dort ein. Im Vordergrund steht der Text, um ihn geht es, ihn bringt Schlocker und ihr Team zum Leuchten und Funkeln. Auf alles, was ablenkt, wird verzichtet.

Der weiße Guckkasten von Bühnenbildnerin Irina Schicketanz ist an Schlichtheit kaum zu übertreffen. Aber die wenigen Möglichkeiten, die er bietet, werden maximal genutzt. Der Pfahl in der Wand, an dem anfangs ein Holzkreuz als einziges Ausstattungsdetail zu sehen ist, taucht später als Zaunpfosten wieder auf, auf den jemand gestürzt ist. Als die weiße Rückwand des Kastens vor der Pause nach hinten klappt und den Raum öffnet, wartet dort keine bunte Welt, sondern das schwarze Nichts, das im zweiten Teil als Hintergrund dient.

Ein Drahtseilakt, der zu Recht gefeiert wird

Auch in den Farben der Kostüme (Marie Roth) herrscht diese Konsequenz. Beige, weiß und schwarz sind die Farben, für alles Bunte, Farbige ist der Text zuständig. Und das beherzigt dann auch das starke Schauspielerensemble. Die Figuren werden modelliert, sie werden ausgestaltet, sie bekommen ihre Eigenheiten, aber nie zulasten des Textes, nie um der reinen Schauspielkunst wegen.

Trotzdem berührt einen das, vor allem wenn Myriam Schröders Claras neue Schreckenskammern der Verzweiflung in sich entdeckt. Auch Florian von Manteuffel (als Harald), Pia Händler (als Svenja) sowie Johannes Nussbaum (als Kurzzeit-Lover von Clara) und den weiteren Schauspielern gelingt es, ihre Rolle lebendig und echt werden zu lassen und gleichzeitig diesen lyrischen Text wie ein Gedicht schwingen zu lassen. Ein Drahtseilakt, der nach zweidreiviertel Stunden völlig zu Recht vom Premierenpublikum gefeiert wird. Ein Einstand nach Maß für das neue Team, der das Publikum neugierig auf das Weitere macht.

Die nächsten Termine am 1., 2., 6. und 10. November im Residenztheater in München. Empfohlen ab 14 Jahren.

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