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Staatstheater Augsburg

24.02.2019

"Baal"-Premiere beim Brechtfestival 2019: Eine Frau als Kotzbrocken

Szene aus dem „Baal“ des Staatstheaters Augsburg.
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Plus Zum Brechtfestival 2019 steuert das Staatstheater Augsburg den „Baal“ bei. Der Abend hat es in sich. Er ist hart und schmutzig und dicht.

In seinen kürzlich erstmals publizierten Tagebüchern notiert Lion Feuchtwanger am 2. April 1919: „Ein junger Mensch bringt ein ausgezeichnetes Stück. Bert Brecht.“ Und er meinte das Stück „Trommeln in der Nacht“. Zwei Tage später aber hält Feuchtwanger fest: „Ein anderes, noch besseres Stück von dem jungen Menschen gelesen: ,Baal‘.“

Es war ein roh gezimmertes, selbstreferenzielles, spätexpressionistisches, starkdeutsches Manuskript von erheblich nihilistischen Tendenzen, an dem Brecht später noch des Öfteren schlimmverbessernd herumdoktern sollte. Ein Steinbruch. Bis er erklärte: „Dem Stück fehlt Weisheit.“

Dem "Baal" am Staatstheater Augsburg fehlen die lyrischen Einschübe Brechts

Wenn jetzt das Staatstheater Augsburg den rohen, ungeschlacht-kraftvollen „Urbaal“ von 1918 zum Brechtfestival 2019 herausbringt, dann fehlt dem Stück noch mehr. Es fehlen ihm in Teilen die originären lyrischen Einschübe Brechts – etliche sagen: Das Beste an ihm! – und es fehlt ihm so ein richtiger, gewissenloser Triebtäter, der seinen Lebensinhalt im Quälen anderer Menschen sieht.

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Denn wir haben es auf der Augsburger brechtbühne im Gaswerk anlässlich des Intendanz-Finales von Brechtfestival-Leiter Patrick Wengenroth mit einer richtigen, gewissenlosen Triebtäterin zu tun. Einer Baalin also; im richtigen Leben: Natalie Hünig.

Ist das nicht ein wenig an den Haaren herbeigezogen und modisch? Ausgerechnet Baal, dieser saufende, schlechte, vergewaltigende, mordende Kerl, dieser Bruder vom Fatzer, eine Frau? Man macht doch auch keine paarungswillige Operettensoubrette zu einem frauenschändenden Bariton-Wüstling. Wäre das Gebot der Stunde nicht vielleicht sogar ein diverser, ein querer Baal? Lassen wir das.

Der Augsburger "Baal" hat eine harte, räudige, schmutzige Intensität

Denn der Abend hat in seiner raschen Dichte, mit seinen durchaus tauschbaren Szenen, die gleichwohl wie Zahnräder ineinandergreifen, ja dennoch eine harte, räudige, schmutzige Intensität – bis hin zum letzten Bild, da die Baalin, diese Kotzbrockin, grinsend und mit Victory-Fingerzeichen die Welt platzen, also hopsgehen lässt. Alles hin. Prächtig gelaufen.

So enorm wichtig ist das nämlich gar nicht, dass Regisseurin Mareike Mikat den Baal von einer Frau spielen lässt. Ihre höhere Warte lautet ja offensichtlich doch: Baals Verhalten ist indiskutabel, so oder so. Geistige und sexuelle Demütigung ist diabolisch – von wem gegenüber wem auch immer ausgeübt. Am Ende geht in ihrer geschlechterrollentauschenden Inszenierung womöglich mehr an die Nieren, dass hier die Frauenopfer Baals von Männern gegeben werden: Dass man also Männern zuschaut, wie sie im Kontakt mit einer anziehend-genialen Sau die Arschkarte des Lebens ziehen (Daniel Schmidt als Anna!). Einfluss, Macht und Herrschaft auf der einen Seite, Alleinsein, Liebeshoffnung, Abhängigkeit, Unterordnung auf der anderen Seite: Hier wird’s ziemlich düster ausgebreitet.

Und zwar nicht in einem historischen Augsburg, nicht mit einer weiblichen Brecht-Figur, was ja unschwer deichselbar wäre, sondern mit einer tourenden Independent-Rockband, deren Frontwoman eben die Baalin ist. Aber ihre Baaladen stammen nicht von Brecht, sondern unter anderem von Nick Cave, von Ton, Steine, Scherben, von Beyoncé und dem Musiker Enik, der speziell für diese Produktion komponierte. Das ist unter dem Strich philologisch sicherlich nicht korrekt und auch eine Art von literarischer Unterschlagung, aber letztlich doch werkgerecht für dieses Unternehmen, das lauter historische und zeitgenössische Absturzgefahren signalisiert. Alkohol, Autoritätsmissbrauch, Selbstberauschung, Künstlerversklavung. Dies ist so gesellschaftspolitisch, wie im Übrigen der gesamte Auftakt des Augsburger Brechtfestivals geriet. Und insofern ist die musikaffine Produktion mit ihrer Negativheldin auch jugendaffin. Durch sie lässt sich attraktive Bekanntschaft mit Brecht schließen.

Schauspielerin Natalie Hünig ist das Auge des Hurrikans

Dafür hat Bernd Schneider eine Konzertbühne mit allerlei Spielpodien bestückt und ein Schlaf- und Liegegestell für den Hintergrund bauen lassen – nichts Spektakuläres, dafür geboten improvisatorisch, notdürftig, unbehaust, doch neonbeleuchtet vom Markenzeichen „Baal“. Auf den Stationen der Tour de force wird wild jongliert – auch mit Kabarett, Cabaret, Travestie und Comedy.

Natalie Hünig ist darin das Auge des Hurrikans: zynisch, pegeltrinkend, roh, unberechenbar gewaltexplosiv. Mit männlicher Überlegenheitsmimik und -gestik rockt sie den Abend böse – auch wenn sie eine Spur zu ausgiebig die anzügliche Zunge wälzt. Unter ihrer Fuchtel, so schwer es auch ist, zeigen Profil vor allem: Gerald Fiedler (Gastgeber/Zeitungschef), Andrej Kaminsky auch als resolute und doch erfolglose Mutter Baal, Roman Pertl als elegante, hermaphroditische Erscheinung Johannes/Sophie Dechant. Starker Applaus nach zwei glatten Stunden in einem Rutsch auf abschüssiger Baal-Bahn.

Nächste Aufführungen 26. Februar, 9., 15., 23., 30. März, 4., 11., und 14. April

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