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Geschichte

13.04.2015

Der Untergang: nicht aufzuhalten

Heute vor einem halben Jahr trat Pegida erstmals in Erscheinung. Ihr Kampfbegriff von der Gefährdung des Abendlandes steht in großer Tradition. Was Oswald Spenglers Geschichtsphilosophie wirklich über unsere Kultur sagt

Natürlich, es ist Zufall, dass heute Adolf Hitlers Geburtstag ist. Aber wenn man allein sieht, wie Pegida von ihren Gegnern als nationalistische, rechtslastige Bewegung bekämpft wird, die ja teils tatsächlich von Rechtsradikalen und Neonazis Zulauf findet, und ferner sieht, dass bei Pegida-Demonstrationen wie vergangene Woche in Dresden Kanzlerin Merkel in Montagen zu Hitler wird – dann beweist das zumindest, dass im ideologischen Gegeneinander derzeit gerade das Heftigste gut genug ist. Ob da jedoch überhaupt Verbindungslinien bestehen, abseits billiger Plakat-Effekte? Das zu verstehen, führt zunächst einmal weit von Hitler weg.

Der zentrale Kampfbegriff der Demonstranten taucht bereits im Namen auf: „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Das knüpft auch inhaltlich an die Entstehung des Begriffes an, als in der Romantik Europa wertebetont als Abend- gegen das muslimische Morgenland abgegrenzt werden sollte. Seine größte Wirkung entfaltete der Begriff ausgehend von einem Klassiker der Kulturwissenschaft. 1917 erschien Oswald Spenglers Großwerk „Der Untergang des Abendlandes“ – und wurde trotz seiner zwei Bände und über tausend Seiten ein epochaler Erfolg.

Und das wohl aus einem von vielen Missverständnissen heraus. In Spenglers kulturphilosophischer Schrift schien die nationale Entmutigung der bald darauf besiegelten, deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg einen umfassenden Nachhall zu finden – ein Trost, der sich mit den gleichen Begriffen bald in neuen Kampfeswillen verwandeln sollte. Dabei war das aus Spengler eigentlich gar nicht zu gewinnen. Denn „Der Untergang des Abendlandes“ ist bei ihm nichts Drohendes, Abzuwendendes – sondern reinste Gewissheit. Seine letzten Sätze lauten: „Wir haben nicht die Freiheit, dies oder jenes zu erreichen, aber die, das Notwendige zu tun oder nichts. Und eine Aufgabe, welche die Geschichte gestellt hat, wird gelöst, mit dem Einzelnen oder gegen ihn.“ Diese Notwendigkeit aber ist eben, dass das Abendland untergeht – und keiner kann etwas dagegen unternehmen.

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Wie kommt Spengler dazu?

In seinem Werk analysiert er die großen Kulturen der Menschheitsgeschichte: die ägyptische, die indische, die antike, die islamische und die abendländische. Und er erkennt an ihrem Verlauf ein sich wiederholendes Muster, das er mit den Lebenszeiten einer Pflanze vergleicht, vom Aufkeimen über die Blüte und Frucht bis zum Absterben. Es mag erstaunen, dass der Kulturphilosoph die griechische und die römische Antike als unterschiedliche Kulturen nicht trennt. Aber der Gründungskeim des Abendlandes ist eben erst der germanische Katholizismus. Und vor allem aus dem Vergleich der beiden europäischen Kulturen gewinnt Spengler die hellsichtigsten Analysen. Auf das Wesentliche beschränkt: Der Sommer des Abendlandes lag bereits im 17. Jahrhundert, die großen abschließenden Systeme haben Anfang des 19. dann Denker wie Goethe und Kant geliefert – mit dem Nachklang der Aufklärung beginnt bereits der Verfall. Es ist der Punkt erreicht, wo die Kultur zur Zivilisation kippt.

In der Antike ist das der Übergang der Reiche, eine kategoriale Änderung in der Gestalt der Macht. Spengler schreibt: „Man kann die Griechen verstehen, ohne von ihren wirtschaftlichen Verhältnissen zu reden. Die Römer versteht man nur durch sie.“ Und später weiter: „Durch das Geld vernichtet die Demokratie sich selbst, nachdem das Geld den Geist vernichtet hat.“ Dieser Kippmoment im Abendland ist die Industrialisierung und das Aufkommen des Finanzkapitalismus, eine Zeit, in der erstmals ein neuer Schauplatz für überreife Kultur mitentscheidend wird: Amerika. Und dieses Prinzip kann nur noch von einem abgelöst werden: der „Herrschaft des Blutes“.

Spengler nennt die Zeit nach antikem Vorbild „Cäsarismus“, ein despotisches Imperium. Dramatischer als damals sei der Wandel im Fall des Abendlandes, weil durch das Aufkommen der Maschine die Zivilisation und dadurch das Leben der Menschen eine mächtigere Prägung erfährt als je zuvor. Als Zeitraum für unseren Cäsarismus hat Spengler die Jahre 2000 bis 2200 angegeben – für danach bleibt die Welt der einst großen Kultur als Beute für junge Völker und fremde Eroberer …

Diese Gedanken haben Oswald Spengler später immer wieder den Vorwurf eingebracht, er hätte schon damals Cäsaren wie Mussolini und vor allem Hitler geistig den Weg bereitet. Auch weil er für die Menschen keine Alternative aufgezeigt habe, als sich dem Lauf der Geschichte zu fügen – und damit den Nazis. Dabei sah Spengler sich höchstens in den Anfängen der Bewegung bestätigt und wehrte sich gegen die Vereinnahmung. Und gerade wer „Der Untergang des Abendlandes“ gelesen hatte, wusste, dass Spengler mit der verbreiteten Propaganda, nur der Führer könne das Abendland noch retten, nichts gemein haben konnte.

Viel interessanter aber sind die Folgerungen für die heutigen Erscheinungen. Wir befinden uns nach Spengler ja noch immer im Übergang von der Herrschaft des Geldes zum Cäsarismus. So wie das Finanzkapital und die Maschinen noch bestimmender für das Weltgeschehen geworden sind, muss es demnach weitere Despotien, weiteren Zerfall des Nationalen und weitere Imperien geben. Aber bestätigt das nicht Pegida mit den Sorgen des Werte-Verfalls, der Euro-Furcht und der Warnung vor der Übernahme durch den Islam fast wörtlich?

Spengler ist wohl eher so zu lesen: Der Ablauf ist nach ihm ja unabänderlich; und wer das durch Rückbezug auf die alten Werte aufzuhalten versucht, forciert gerade den Cäsarismus, die Herrschaft des Blutes. Die jetzt ein halbes Jahr andauernde Pegida-Bewegung erscheint demnach wie die von ihm genannte „zweite Religiosität“, in der die Werte nur noch als entkernte Kampfbegriffe dienen. Auch die Kultur des Islam befindet sich nach Spengler übrigens längst in diesem Stadium – sie kann also nicht der fremde Eroberer werden.

Wer dann? Spengler schreibt: „Dem Christentum Dostojewskis gehört das nächste Jahrtausend.“ Meint also: Russland. Eines, das nicht Marx, sondern einer religiösen Idee folgt. Dass bei Pegida-Demonstrationen auch Plakate mit Forderungen wie „Frieden mit Russland“ getragen werden, könnte man demnach für ein schweres Missverständnis halten – oder aber für den Lauf der Geschichte. Wer jedenfalls Abendland sagt, kämpft, Spengler zufolge, begrifflich auf verlorenem Posten.

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