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Philosophie

06.05.2011

Die Grenzen unseres Wissens

Was uns David Hume 300 Jahre nach seiner Geburt noch zu sagen hat

Augsburg Ein Teilchenbeschleuniger gibt Aufschlüsse über den Ablauf des Urknalls. Messungen von Hirnforschern entschlüsseln die Funktionsweisen der Liebe. Solche Meldungen aus den Wissenschaften vermitteln den Eindruck, der Fortschritt bringe ein im Detail immer genaueres, im Ganzen immer umfassenderes Wissen des Menschen über sich und die Welt. Es scheint, als schritten wir auf immer festerem Grund voran Richtung Verstehen. Der Mensch betreibt Raumstationen, gewinnt aus winzigen Teilchen riesige Mengen Energie – wer mag angesichts solcher technischer Errungenschaften am Verstehen noch zweifeln? Der, der die Gedanken David Humes kennt.

Dem Schotten ging es ums Grundsätzlichste. Klassisch philosophisch wollte er den Fragen nach den Prinzipien von Sein und Wirklichkeit nachgehen: Was ist der Mensch? Was ist das Leben? Und: Gibt es einen Gott? Doch Hume wollte dazu nicht den seinerzeit noch vorherrschenden Weg nehmen, wonach die Antworten nur im Nachdenken zu finden sind und die so postulierte Ordnung dann die Sichtweise auf die Wirklichkeit bestimmt. Denn dieser spekulative Weg hatte nach Humes Auffassung zu Sichtweisen geführt, die von Glauben und Autorität geprägt sind, nicht aber zu verlässlichen Schlüssen. Darum wandte er seine Forschungsrichtung um, wie es Isaac Newton vor ihm als Naturwissenschaftler getan hatte: Was kann der Mensch aus der Wirklichkeit heraus über die grundsätzlichen Fragen ableiten und also erkennen?

Unergiebig ist nach Hume der Bereich der einfachen Wahrnehmungen. Die Beschreibung „Vor mir liegt ein rotes Buch“ ist wie die Erinnerung „Ich habe gestern Wein getrunken“ für das Verstehen des Grundsätzlichen letztlich ohne Belang. Worauf es ankommt, ist die Sphäre der aus der Beobachtung abgeleiteten Gedanken. Dort nämlich finden die Schlüsse aus solchen Beobachtungen statt, die zur Annahme von Gesetzmäßigkeiten führen.

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Steckt hinter der rollenden Billardkugel noch mehr?

Immer wieder können wir wahrnehmen, wie sich Billardkugeln verhalten, wenn sie aufeinandertreffen, wie sich Eisenspäne an einem Magneten ausrichten. Diese Erfahrung wird für uns zu der Gewohnheit, die eine Billardkugel als Auslöser für die Bewegung der anderen zu verstehen, den Magneten als Grund für die Ausrichtung der Eisenspäne. Wir entwickeln Erklärungsmodelle für diese Einzelerscheinung und gehen damit den Schritt hin zum Allgemeinen. Stellt sich das Modell mitsamt seiner unterstellten Wirkkräfte und materiellen Eigenschaften als praktikabel und widerspruchsfrei heraus, ist es gültige Theorie.

Das ist die Grundform des Verstehens, auf der alles aufbaut, was naturwissenschaftliche Forschung heißt. Doch für Hume sind die entscheidenden Schritte problematisch: Wir kennzeichnen etwas als Auslöser und unterstellen also eine innere Notwendigkeit, die wir aber nur aus der Gewohnheit einer äußeren Beobachtung ableiten; und aus solchen überinterpretierten Erfahrungen formen wir dann auch noch Gesetzmäßigkeiten von allgemeiner Gültigkeit. Beides unhaltbar für Hume.

Die Skepsis mag im Falle der Billardkugel oder der Eisenspäne noch befremden – wenn man dann aber sieht, dass im Laufe der vergangenen Jahrhunderte Wissenschaften wie die Physik gleich mehrfach radikal umgekrempelt werden mussten, weil sich deren Erkenntnisse als trügerisch herausgestellt hatten, rückt Hume wieder näher.

„Es gibt nur falsche Schlüsse oder keine“

Nach Newton meinte man, theoretisch sei der Lauf der Welt aufgrund derart erschlossener Gesetzmäßigkeiten bis ins Kleinste vorherzusagen, würde man nur die Ladungen aller Teilchen kennen. Mit Einstein haben die Bewegungen und Massen dieser Teilchen aber den absoluten Bezug verloren. Weil sich aber trotzdem das Verhalten mancher Teilchen im Kleinsten nicht erklären ließ, kam die Quantentheorie hinzu. Weil aber Einstein und die Quantentheorie nicht kompatibel waren, entstand auch noch die String-Theorie, die eine Lösung des Problems in mehr als zehn Dimensionen hinter der erscheinenden Welt errechnet. Diese Verschiebung ins nie mehr durch Erfahrung Einholbare hat selbst ein Gutteil der Physiker veranlasst zu spötteln, ob es nicht plausibler wäre, wieder zur alten Ordnung, zu Gott und seinen Wundern zurückzukehren…

So sieht sich die Wissenschaft heute selbst als ein Erklärungssystem, in dem sich Theorien bei möglichster Widerspruchsfreiheit gegenseitig stützen und, wo möglich, durch Experimente und Anwendungen an die Wirklichkeit angedockt werden. Und diese Spur lässt sich tatsächlich zurückverfolgen bis zur Billardkugel und den Eisenspänen. Der Mensch kann sich die aus der Erfahrung gewonnenen Gewohnheiten zunutze machen – und vorläufige Theorien in einem logisch widerspruchsfreien Wissenschaftssystem formulieren. Aber von einem letzten Verstehen seiner Selbst und der Welt, von Wahrheit kann hier nicht die Rede sein.

Was die angeht, resümierte David Hume: „Es gibt nur falsche Schlüsse oder keine.“

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