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Schauspiel

23.04.2018

Frau erlöst Mann

Rainer Werner Fassbinders Fernseh-Zweiteiler „Welt am Draht“ als Bühnen-Thriller

Die erste Stärke dieses Abends auf der Augsburger Brechtbühne liegt darin, dass Schlag auf Schlag Ereignisse stattfinden, die Handelnde und Zuschauer gleichermaßen an Logik und Verstand zweifeln lassen. Vor allem Fred Stiller, diese Zentralfigur in Rainer Werner Fassbinders für das Theater dramatisierten TV-Zweiteiler „Welt am Draht“ (1973), und das Publikum haben sich nach und nach die plötzlichen, rätselvollen Geschehnisse aus „Parallelwelten“ zu erschließen. Und genau dies garantiert Spannung und Mitdenk-Reiz – wie in jedem Krimi auch. Das anfängliche „blinde Stochern im Nebel der Wirklichkeiten“ mit Vexierbildern und Irrgärten wird peu à peu abgelöst durch sich zusammensetzende Mosaiksteine der Erkenntnis.

Die zweite Stärke dieser Science-Fiction-Produktion liegt in der Imaginationsfähigkeit der einstigen Filmvorlage: Daniel F. Galoyes Roman „Simulacron 3“ (1964), den Augsburgs Regisseur David Ortmann nur leicht anzupassen, zu aktualisieren brauchte, um seinen heutigen Realitätsgehalt beklemmend zu machen. Also diese perfide Eliminier- und romantische Liebesgeschichte aus (mindestens) drei Welten, von denen zumindest zwei simuliert, virtuell sind... Aber Ortmann, durch seine Augsburger „Tatort“-Produktionen und jetzt durch „Welt am Draht“ quasi zur ersten Krimi-Instanz an Schwabens künftiger Staatsbühne geworden, setzt nicht allein auf Thriller, Pseudo-Realistik und den Suspense einer digitalen Horror-Technik; er bezieht mit leichter Hand auch ein wenig Groteske und Absurdes Theater mit ein. So hat der Abend auch etwas schrecklich Vergnügliches bis zum Happy End, da Fred und Eva neben den Zuschauerreihen emporsteigen, sich also auf einer höheren Bewusstseinsebene kriegen, wo sie wohl mit Haut und Haaren übereinander herfallen werden...

Die dritte Stärke aber dieses Abends, der einmal mehr das Paradies auf Erden (durch Digitalisierung) propagiert, aber gleichzeitig zu entsetzlichen Allmachtsvorstellungen führt, diese Stärke liegt im anscheinend staatstheatermotivierten Schauspielerensemble, das in der sachlichen, aseptischen Schöner-Arbeiten-Bühnenwelt von Sabine Schmidt (auch Kostüme) mal selbst-, mal fremdbestimmt agiert.

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Bis auf Patrick Rupar als Fred Stiller, der hier einen Abend lang seine Gefühlswechselbäder zwischen Kampfesgeist und Depression überzeugend auslebt, gibt es ausschließlich Doppel- und Mehrfachrollen – was den Zuschauer in die Begutachterposition versetzt, welche Figur von welchem Ensemblemitglied am stärksten „eingefleischt“ dargestellt wird.

So frappiert Gerald Fiedler als Psychologe Hahn noch mehr denn als kauziger Professor Vollmer. So entfaltet Roman Pertl als entspannter Programmierer Walfang mehr Präsenz denn als Lause und Edelkern. So liegt Karoline Stegemann die anscheinend wirkliche Natürlich- und Herzlichkeit der Eva mehr als die ja ebenfalls reizvolle Aufgabe, eine künstliche, steife Roboter-Sekretärin zu mimen. Und Kai Windhövel geht voll in der brutal-freundlichen Chefposition von Siskins auf.

Wer genau hinschaut bei dieser Produktion, der sieht zwei Stränge in den Bühnenhimmel steigen: blau und rot. Als ob Fred Stillers IKZ-Labor an den Blutkreislauf eines höheren Wesens, einer höheren Welt angeschlossen wäre. Es ist aber kein Blutkreislauf. Es sind nur Strom- und Programmierkabel...

Schön, ja sogar herzig, dass Fred von Eva erschossen wird und von ihr ein neues Bewusstsein erhält... Frau erlöst Mann. Warmer Frühlingsapplausregen.

26. April, 4. und 26.Mai sowie 14., 15., 19. Juni

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