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Nationaltheater München

20.11.2019

Große Oper auf dem Siedepunkt

Wenn die übermächtige Vergangenheit die erwünschte Zukunft zunichte macht: Paul (Jonas Kaufmann) kurz vor der Ermordung Mariettas (Marlis Petersen). 
Bild: Foto: Winfried Hösl

Die Bayerische Staatsoper bringt Korngolds genialische Oper „Die tote Stadt“ heraus und bietet dafür Jonas Kaufmann und Marlis Petersen auf. Sie sind eine Wucht.

Welch ekstatischer Abend; welche Kraft der vokalen, orchestralen, szenischen Verführung! Da schaukelte sich was auf – und zündete hernach im Auditorium. Es raste.

Nur Koryphäen walteten ihres Amts. Kirill Petrenko, der mittlerweile Deutschlands Galions-Orchester, die Berliner Philharmoniker, freundlich übernommen hat – und sein Münchner Finale nächstes Jahr mit einem Operfestspiel-„Falstaff“ gibt. Marlis Petersen, umjubelte Lulu und Salome, nun als wunderbar gleißende Marietta und Marie in Erich Wolfgang Korngolds noch immer viel zu selten gegebener Symbolismus-Oper „Die tote Stadt“. Sodann Jonas Kaufmann, dieser nicht unbekannte Spitzentenor, in einem Rollendebüt namens Paul. Schließlich Regisseur Simon Stone, von dem mittlerweile erlöserhafte Wundertaten erwartet werden, der aber jüngst das Münchner Residenztheater zur Spielzeit- und Intendanz-Eröffnung hatte sitzen lassen, um einen hoch dotierten Netflix-Film zu drehen.

Jedenfalls vier Chefköch*innen.

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Pauls Frau Marie starb wohl an Krebs

Der einzige Wermutstropfen, der den Stolz der Bayerischen Staatsoper ankratzt: Die Inszenierung dieser „Toten Stadt“ kommt aus Basel, wo sie als Simon Stones Opernregie-Debüt schon 2016 Premiere feierte. Aber dies macht das Konzept ja nicht schlechter – außerordentliche Inszenierungen, wenn sie sich als solche erwiesen haben, gehen viel zu selten auf Reisen. Lieber kochen Theater ihr eigenes Süppchen, als gelungene Rezepte mit fremden Zutaten zu übernehmen. Insofern zeigt die Staatsoper nun auch Größe – mal ganz abgesehen davon, dass noch nie so viele Jonas Kaufmänner in einer Produktion aufgeboten wurden wie hier. Ein Tenor im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit. Dazu später mehr.

Korngolds genialische „Tote Stadt“, die 1920 uraufgeführt wurde und aufrauschend die Wagner-Schreker-Strauss-Spätromantik in die Moderne überführt, ist ein einziger Psycho-Strudel: Paul hat seine über alles geliebte Frau verloren – in Stones zeitgenössischer Inszenierung an Krebs –, lernt aber eine junge Tänzerin kennen, die ihr – und das ist wörtlich zu nehmen – bis aufs Haar gleicht. So könnte er mit ihr als grundsätzlich durchaus interessierter Partnerin viele Gottesdienste in seiner obsessiven „Kirche der Erinnerung“ feiern – wenn sie als willenloses Ersatzmittel mitspielen würde, was sie aber natürlich nicht tut.

Stattdessen tritt sie gegen die posthume Macht der Toten an – symbolistisch: das verehrte Haar der Toten –, was sie letztendlich das Leben kostet. Paul erdrosselt sie mit ebendiesem Haar.

Jonas Kaufmann: vervielfältigtauf der Münchner Bühne

Jedoch: Letztlich stellt sich die böse endende amour fou zwischen Marietta und Paul als ein Albtraum Pauls heraus, und sie wie er gehen getrennt ihres Wegs. Bei einem letzten Bier in kleinbürgerlicher Reihenhaus-Küche begreift Paul: Er muss abschließen mit der Vergangenheit, es soll keine Wiederauflage des Gewesenen geben.

Wie Simon Stone aber diesen dreiaktigen Albtraum zusammen mit dem Bühnenbildner Ralph Myers illustriert, dies ist das szenische Ereignis der Produktion: Paul verliert sich nicht nur in Labyrinthen der Erinnerung, der Räume, der Treue, der Visionen, des Wahns, der Religion, sondern auch in einem Labyrinth der Persönlichkeitsspaltung. Und so begegnen wir ihm ebenso im Dutzend, wie wir auch Marietta im Dutzend begegnen und der kahlköpfigen toten Marie. Ein Horror nicht der Leere, sondern der irrsinnigen Verzweigungen.

Kirill Petrenko hält diesenWurf auf dem Siedepunkt

Und in diesem Horror erleben wir zwei existenziell Kämpfende: Paul, der seinen Sinnen nicht trauen kann und zwischen Hoffnung und Verzweiflung taumelt; Marietta, die liebt, helfen will – aber natürlich ihr eigenes Wesen zu schützen hat. Es ist eine ekstatische Jagd zwischen den beiden, darstellerisch wie vokal: Kaufmann bewältigt seine seelische und sängerische Tour de force fulminant (bei kleinen Verfärbungen und einem finalen Frosch im Hals); Marlis Petersen reißt hin als kokette Soubrette wie als verfolgte Dramatische. Und Petrenko vor dem Bayerischen Staatsorchester hatte tatsächlich nichts Besseres zu tun als diesen großen Abend, diesen Wurf, diese Wucht auf dem Siedepunkt zu halten. So was vergisst man nicht.

Wieder am 22., 26. November, 1., 6., 11. Dezember

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