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Interview

03.03.2021

Jazz-Superstar Pat Metheny: „Ich habe nie richtig Gitarre geübt“

Richtig harte Arbeit ist für Pat Metheny nicht das Gitarrenspiel, sondern das Komponieren.
Foto: Adrian Ruitz del Hierro, dpa/epa (Archiv)

Pat Metheny spricht im Interview über die Vorteile naiver Annäherung an die Musik, Kollegen, die Maßstäbe setzen, und seine Fähigkeit, auf 42 Saiten den Überblick zu behalten.

Früher begann mit dieser Frage ein Small Talk, heute hat sie fast schon elementare Bedeutung: Wie geht es Ihnen?

Pat Metheny: Ich weiß genau, was Sie damit meinen. Es sind verrückte Zeiten, in denen wir leben. Meiner Familie und mir geht es gut, wir haben immer etwas zu essen auf dem Teller, können pünktlich unsere Miete bezahlen. Alles o.k. Aber ich bin privilegiert. Bei vielen anderen Kolleginnen und Kollegen ist gar nichts mehr o.k, sie sind weit von dem entfernt, was wir als normal empfinden. Wir verlieren gerade einen Teil einer ganzen Musikergeneration. Junge Musiker, die erst am Anfang ihrer Karriere stehen, verzweifeln, fallen in tiefe Löcher, weil sie nicht mehr zeigen dürfen, was sie können. Das ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine psychologische Katastrophe.

Gegen die nur Arbeit hilft. Stimmt es eigentlich, dass Sie bis zu elf Stunden am Tag üben?

Metheny: Nein, nein, das stimmt nicht. Ich beschäftige mich viel mit Musik, die meiste Zeit verbringe ich mit Lesen oder Schreiben. Für die Gitarre bleibt nur wenig Zeit. Ehrlich gesagt, habe ich mein ganzes Leben lang nie richtig „geübt“. Ich spiele einfach herum, probiere etwas. Ich suche mir ein Stück aus und spiele es dann in allen zwölf möglichen Tonarten. Das kann bis zu zwei Stunden dauern. Aber das ist kein Üben, sondern Spaß! Das Komponieren hingegen ist harte Arbeit, oft ein extrem schwieriger Prozess.

Wie hat sich Ihre Art zu arbeiten verändert? Ihr erstes Stück haben Sie mit elf Jahren geschrieben.

Metheny: Damals wusste ich nicht wirklich, was Komponieren überhaupt bedeutet. Das kam alles irgendwann im Laufe der Jahre, als ich in Kansas City lebte und eine Reihe von Gigs mit Orgel-Trios spielte; Blues, Stücke von Cannonball Adderley, die gängigen Themen von Wayne Shorter, Herbie Hancock oder Antônio Carlos Jobim. Ich musste Standards lernen, begreifen, wie sie aufgebaut waren und wie man sie improvisatorisch variieren konnte, das ganze Basiswissen eben. Mit 16 schrieb ich „April Joy“, die erste Komposition, die man auch als solche bezeichnen kann. Und zum ersten Mal stellte ich fest, dass die Rhythmusgruppe genau das tat, was ich beim Schreiben im Sinn hatte. Das war eine neue, coole Erfahrung.

Mit dem klassischen Jazz scheinen Sie vorerst abgeschlossen zu haben. Zum ersten Mal präsentieren Sie mit „Road To The Sun“ ein Album für Konzertgitarre – eine neue Seite des Chamäleons Pat Metheny.

Metheny: Das Entscheidende an diesem Projekt ist, dass es mich zum ersten Mal als einen Komponisten ins Blickfeld rückt, der von der ersten Note bis zur letzten Pause alles niedergeschrieben hat. Bislang waren meine Stücke so aufgebaut, dass ich oder jemand anderer in der Band irgendwann die Zügel in die Hand nahm. Nun aber hatte ich es mit brillanten, allesamt Grammy-dekorierten Musikern zu tun, die aber nun mal keine Improvisatoren waren. So schrieb ich für Jason Vieaux „Path of Light“, eine Suite in vier Sätzen, während das Los Angeles Guitar Quartet das Titelstück „Road To The Sun“ spielt, das sechs Sätze umfasst. Das Resultat ist fantastisch! Der Gedanke, dass die Noten auch noch in 100 Jahren für die Nachwelt vollständig verfügbar sind, weil sie zur klassischen Gitarren-Literatur gehören, erzeugt bei mir ein tiefes Gefühl der Genugtuung.

Wie lassen sich die Aufnahmen stilistisch einordnen?

Metheny: Ich werde ständig gefragt: Ist das Klassik? Für mich sind das keine musikalischen oder kulturellen, sondern eher politische Begriffe. Musik ist eine einzige große Sache, und ich bin ein leidenschaftlicher Fan von ihr! Als ich aufwuchs, hatte ich keine differenzierte Vorstellung, wie man mit Musik von Mahler, den Beatles, von Bach, Steely Dan, Dolly Parton oder Cecil Taylor umgehen sollte. Ich reagierte einfach instinktiv darauf und spürte: Das ist großartig! Der soziale Kontext, aus dem sie stammte, spielte überhaupt keine Rolle. Erst jetzt merke ich, wie naiv ich damals war; ein einfaches Kind im ländlichen Missouri, das sich alles selbst beibrachte und keine Ahnung hatte.

Wer so Gitarre zu spielen vermag wie Pat Metheny, kann über sein Gitarrenspiel schon auch mal scherzen.
Foto: Jimmy Katz, dpa

Aber diese Naivität, diese unverstellte Herangehensweise ist doch ein Geschenk!

Metheny: Eines der größten überhaupt! Einfach die Musik ohne intellektuellen Filter aufnehmen können, unbelastet und unbefangen, ohne den Hintergrund oder die Politik ihrer Entstehung zu kennen! Ich versuche bis heute, an dieser Art des Zuhörens festzuhalten, diese naive Perspektive auch in meiner eigenen Musik abzubilden.

Zum ersten Mal tun Sie dies über andere Musiker. Dennoch trägt das Album Ihren Namen. Warum?

Metheny: Weil die Grenze zwischen dem Musiker Pat Metheny und dem Komponisten längst aufgehoben ist. Zu erleben, wie andere deine Musik spielen, das ist etwas, was ich eigentlich nicht beschreiben kann. In meiner privilegierten Position habe ich bislang ein weites Portfolio an Stimmungen und Kontexten ausprobiert. Das reichte von detailliert strukturierter bis völlig freier Musik, von unglaublich lauten bis kaum vernehmbaren Passagen, von rasend schnellen bis schleppend langsamen, fast simplen Melodien. Und nun eben das. Das Los Angeles Guitar Quartet gilt ja als eine Art Kronos Quartet in Sachen Gitarre. Und Jason, nun ja – es gibt aus meiner Sicht derzeit niemanden, der das Instrument so perfekt beherrscht wie er. Der Typ ist der Maßstab an der Gitarre schlechthin, auch für mich. Ich habe versucht, mich in beide hineinzuversetzen. Das war die Herausforderung.

Sie selbst sind gegen Ende doch noch zu hören: auf Arvo Pärts „Für Alina“, das sie mit Ihrer 42-saitigen Pikasso-Gitarre der kanadischen Gitarrenbauerin Linda Manzer spielen. Bitte erklären Sie einem Laien, wie man bei 42 Saiten den Überblick behält.

Metheny: Meine Standardantwort darauf lautet: Es erhöht meine Chance, hin und wieder mal die richtige Note zu treffen (lacht). Um auf der Gitarre etwas zum Klingen zu bringen, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man schlägt die Saiten offen an oder man drückt sie mit den Fingern aufs Griffbrett. Deshalb träumte ich schon lange von einer Gitarre, auf der eine Menge Noten über andere laufen, ohne dass ich eingreifen muss. Eigentlich kennt jeder „Für Alina“ als relativ einfaches Klavierstück. Das Bearbeiten für diese spezielle Gitarre war aber doch ein sehr komplexes Unterfangen.

Sie nennen das Stück einen „Bonus-track“.

Metheny: Nach all den Modulationen der beiden anderen Suiten wollte ich etwas dabeihaben, auf dem wenigstens für eine Minute die Tonart unverändert bleibt. Und es passte zum Konzept: auskomponierte Musik. Obwohl, im Mittelteil hat Arvo Pärt ein paar Noten geschrieben, die ich als Erlaubnis auffasste, ein bisschen mit dem Stück zu spielen. Ich denke aber, es ist keine Improvisation. Vielleicht ein bisschen Ornette Coleman: Er nannte das musikalische Freiheit.

Zur Person Pat Metheny wurde 1954 im US-Bundesstaat Missouri geboren. Der Gitarrist zählt zu den einflussreichsten Musikern des Jazz, bekannt für seinen melodiösen Instrumentalstil wie für seine Lust an musikalischer Grenzüberschreitung.

Das Album Pat Metheny: Road To The Sun (Modern Recordings/BMG).

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