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Literatur

03.06.2019

Jonathan Franzen folgt Vögeln um die Welt

Ein Literat, der auch Vögel zählt: Jonathan Franzen 
Bild: Foto: Michael Loccisano/Getty Images

In „Das Ende vom Ende der Welt“ kann man dem Schriftsteller und Vogelbeobachter Jonathan Franzen beim Denken zusehen. Das Buch versammelt 16 kluge und elegante Essays.

Jonathan Franzen ist ein „Lister“. Er beobachtet Vögel, und er trägt auf Listen ein, welche Arten er wo gesichtet hat – ob in der weiten Welt oder im eigenen Garten. Am Ende des Jahres steht dann in seinem Fall meist eine beeindruckende Zahl. Zum Beispiel 1286 Arten im Jahr 2015. Als zwanghafter „Lister“, sagt Franzen, sei er den Vogelbeobachtern, denen es alleine um die reine Freude gehe, moralisch unterlegen. Das macht er als Schriftsteller wieder wett: Wenn Jonathan Franzen zum Beispiel den Kaiserpinguin beschreibt – wie der sich mit einem Fuß hinter dem Ohr kratzt –, klingt das nach reiner Liebe.

So viel vorneweg. Jonathan Franzen liebt also Vögel. Und er liebt die Form des Essays, die den Autor zwingt, über sich selbst klar zu werden und keine Schlampigkeit im Denken zu dulden, die auch eine Art Entdeckungsreise ist. Für die Vögel eine glückliche Fügung, für die Leser auch.

„Das Ende vom Ende der Welt“ heißt sein neuer Essayband, in dem der Amerikaner weite Reisen zurücklegt – Albanien, Argentinien, Antarktis … Er folgt den Vögeln in die entlegensten Ecken der Erde und bringt Erkenntnisgewinn mit. In 16 Stücken, erschienen in Zeitungen und Magazinen wie The Guardian und dem New Yorker, schreibt Franzen mit unaufdringlicher Eleganz über Klimawandel und Naturschutz, Trump und Clinton, Tweets und Essays... und fast immer über Vögel. Die sollte man als Leser also schon ein wenig mögen.

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Eine tödliche Falle aus Glas

Ein Beispiel. Er beginnt mit dem Bau eines Footballstadions in den Zwillingsstädten Minneapolis und St. Paul. Geplant sind Glaswände, für Vögel eine tödliche Falle – warnen örtliche Vogelfreunde. Das Geld für ein spezielles Glas, das die Zahl der Kollisionen verringern würde, würde die Baukosten um 0,1 Prozent erhöhen, aber die Sponsoren lehnen ab. Etwa zur selben Zeit veröffentlicht die Audubon Societey, eine amerikanische Non-Profit-Organisation, die sich dem Schutz von Vögeln widmet, eine Pressemitteilung, in der sie bekannt gibt, der Klimawandel sei die größte Gefahr für amerikanische Vögel: Bis 2080 könnte die Hälfte aller Vogelarten ihre Habitate verlieren. Ein Blogger aus Minneapolis stellt daraufhin die Frage: Sollte man wegen des Stadionglases überhaupt einen Aufstand machen, wenn doch die eigentliche Gefahr eine ganz andere sei... Und schon ist Franzen bei seinem großen Thema und seiner These: Dass nämlich die „Beschäftigung mit den Katastrophen der Zukunft uns hindert, lösbare Umweltprobleme im Hier und Jetzt anzugehen.“

Er diagnostiziert Unehrlichkeit in der Klimadebatte – sowohl bei Rechten, die den Wandel leugnen, wie bei Linken, die falsche Hoffnung machen, durch kollektive Anstrengung könne man das Schlimmste noch abwenden. Für Franzen jedenfalls ist der Klimawandel ausgemachte Sache, nicht aufzuhalten, bestenfalls etwas zu verlangsamen: „CO2-Emissionen zu senken ist weitaus besser, als nichts zu tun; jedes halbe Grad hilft.“ Aber man müsse sich auch der Realität zu stellen und sich auf die drastischen Veränderungen vorbereiten.

Katzen fressen nicht nur Mäuse, sondern auch Vögel

Was Franzen an der Debatte zur Rage treibt: Dass die Klimakeule als Allzweckwaffe eingesetzt wird, um Aufmerksamkeit zu gewinnen – und andere Probleme dabei aus dem Blickwinkel geraten. Siehe Audubon und Minneapolis. Bislang könne kein einziger Vogeltod zweifelsfrei auf den Klimawandel zurückgeführt werden; jährlich würden dagegen nach wissenschaftlichen Schätzungen etwa drei Milliarden Vögel durch freilaufende Katzen und Kollisionen getötet. Müsse jeder, der die Umwelt schützen will, dem Klima die oberste Priorität einräumen, fragt sich Franzen und gibt die Antwort bereits in der Überschrift seines Essays: „Rette, was du liebst“. Im Zweifel also: Naturschutz first. „Wir müssen auch in der Gegenwart eine ganze Menge Wildvögel am Leben erhalten.“ Denn je gesünder und vielfältiger die Vogelpopulationen seien, umso größer die Chance, dass sie sich in der durch den Klimawandel veränderten Welt anpassen und überleben können.  

Der Vogelbeobachter Franzen kämpft also für seine Vögel; der Schriftsteller für die gefährdete Gattung des Essay. Wobei: Leben wir nicht gerade in einem goldenen Zeitalter der Essayistik, wo doch die Grundannahme sozialer Medien darin bestehe, „dass noch das winzigste subjektive Narrativ es wert ist, mit anderen geteilt zu werden?“ Franzen wirft die Frage nur auf, um sie dann zu verneinen. All die Tweets, all die Posts, hastig hingeworfen, seien das genaue Gegenteil. Subjektives Geplapper nämlich. Der autobiografische Essay, die nachhaltige Auseinandersetzung mit einem Thema, finde sich heute vor allem in Publikationen, „die zusammen weniger Leser haben als Margaret Atwoods Follower bei Twitter“.

Ein Shitstorm in den USA

Franzen hält als Schriftsteller dagegen und schreibt Essays – auch wenn er nicht immer glücklich ist mit dem Ergebnis. Einer seiner Essays im New Yorker, in dem er das Verhältnis von Klima- sowie Naturschutz erörterte und das er trotz unguten Bauchgefühls auf Drängen eines Redakteurs veröffentlichte, zog einen Shitstorm in den Sozialen Medien nach sich. Er selbst nutzt weder Facebook noch andere Plattformen; Freunde hielten ihn auf dem Laufenden. Heute, sagt Franzen, würde er den Essay mit mehr Sympathie für die Klimaaktivisten und mit mehr Nachsicht für jene, die mehr Hoffnung brauchen, schreiben. Einen besseren Essay. Die vorliegende Sammlung bietet beste Beispiele. Auf 250 Seiten kann man dem klugen Franzen beim Denken zusehen.

Infos zum Buch Jonathan Franzen: Das Ende vom Ende der Welt. Essays. A.d. Englischen von Bettina Abarbanell und Wieland Freund. Rowohlt, 251 Seiten, 25 Euro.

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