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Internationale Belletristik

13.10.2019

"Die Zeuginnen": Nun spricht Tante Lydia!

Margaret Atwood: Die Zeuginnen

Plus Ein psychologisch komplex gezeichneter, klug konstruierter und durchweg gelungener Roman. Spannend, aber glattgebügelt: die Fortsetzung von „Der Report der Magd“.

Ein Roman aus einer anderen Zeit: Als Margaret Atwood Anfang der 80er-Jahre mit der Arbeit an ihrem Buch „Der Report der Magd“ begann, regierte Ronald Reagan die USA, im Fernsehen lief Dallas und Denver, und dort, wo Atwood schrieb, stand eine Mauer.

Die Kanadierin lebte als Stipendiatin mit ihrer Familie in Berlin, nutzte die Zeit auch für Reisen in die osteuropäischen Nachbarländer und auf dem Papier ließ sie derweil einen totalitären Staat in Nordamerika entstehen, in dem Frauen entrechtet und entmachtet sind, das Patriarchat von Gilead. Das Arbeitsgerät: Schreibmaschine natürlich. Ihre Prämisse: „Ich wollte nichts hineindichten, was nicht irgendwer irgendwo schon einmal getan hatte.“

"Wir leben noch nicht in Gilead, aber es gibt Entwicklungen wie in Gilead“

Nun, 34 Jahre nach dem Erscheinen des Romans, ist er gegenwärtiger denn je. Während damals der Erfolg nur langsam anrollte, der Roman in Deutschland beispielsweise erst zwei Jahre später auf dem Markt kam, wurde diesmal das Erscheinen des Nachfolgers „Die Zeuginnen“ schon im Vorfeld mit großem Bohei begleitet, mit höchster Geheimhaltungsstufe versehen und als internationales Buchereignis gehypt. Die Serie, die dazu heute läuft, nennt sich „The Handmaids Tale“, dritte Staffel mittlerweile, eine gelungene Fortschreibung des Buches mit grandiosen Darstellern. Und enormer Wirkung. Die Uniform der Mägde von Gilead, blutrotes Kleid und weiße Kappe, haben sich Frauenrechtsaktivistinnen als Demonstrationskluft zu eigen gemacht. Die Mägde fehlen nun bei keinem Protest gegen die Reform des Abtreibungsrechtes. Soweit also zu diesem Roman aus einer anderen Zeit, der in drei Jahrzehnten scheinbar nichts an Aktualität eingebüßt hat – im Gegenteil, wie auch Atwood befindet: "Wir leben noch nicht in Gilead, aber es gibt Entwicklungen wie in Gilead“ – und den sie nun endlich fortgeschrieben hat.

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„Die Zeuginnen“ setzt etwa 16 Jahre nach der Handlung des ersten Romans ein. Der endete offen: Die Magd Desfred steigt in ein Auto, das sie entweder ins Arbeitslager oder in die Freiheit bringen wird. Schwanger? Im neuen Roman wird ihre Tochter eine der drei Erzählstimmen übernehmen. Daisy, rotziger Teenager, ist in Kanada bei Widerstandskämpfern aufgewachsen, ihre wahre Identität erfährt sie erst, als die Pflegeeltern bei einem von Gilead aus gesteuerten Terroranschlag ums Leben kommen. Wie es im Nachbarstaat zugeht, weiß sie aus dem Schulunterricht: „Eine ganz schreckliche Welt war das, wo Frauen nicht arbeiten und nicht Autofahren durften, und wo Mägde gezwungen wurden, schwanger zu werden – wie Kühe, nur das Kühe ein deutlich besseres Leben hatten. Was waren das nur für Menschen, die Gilead in Schutz nahmen? Vor allem die weiblichen darunter?“

Als dritte Stimme spricht die Inkarnation des Schreckens selbst

Gute Frage. Und genau die vor allem versucht Atwood im neuen Roman zu beantworten. Neben Daisy lässt sie das Mädchen Agnes Jemima erzählen, in Gilead privilegiert als Tochter eines Kommandanten aufgewachsen, die einer Ehe mit einem sehr viel älteren Funktionär nur entgehen kann, indem sie sich zu einer der berüchtigten Tanten, den Aufseherinnen, im Haus Ardua ausbilden lässt. Als dritte Stimme spricht die Inkarnation des Schreckens selbst: Tante Lydia, den Leserinnen noch aus dem ersten Roman bekannt, nun gibt ihr Atwood eine Vergangenheit und macht sie damit zur vielschichtigsten und interessantesten Erzählerin. Was waren das also nur für Menschen? Die sadistische Oberbefehlshaberin, erfahren die Leser, arbeitete einst als Richterin. Weil Lydia sich – um selbst zu Überleben – an einer Massenexekution beteiligte, empfahl sie sich als willige Schergin des Systems. „Lieber Steine werfen, als mit Steinen beworfen werden“, schreibt sie in ihr geheimes Tagebuch. Auch ein Denkmal wurde ihr mittlerweile errichtet. Doch Lydia, die dieses perfide System installiert hat, in dem Frauen sich selbst überwachen, ist längst zur Doppelagentin geworden, listet in jenem Tagebuch auch die Vergehen der Gilead-Elite auf. Sie wird zur Strippenzieherin des Untergangs. Der Anwärterin Agnes spielt sie geheime Informationen zu und füttert damit ihren Widerstandsgeist. Und Daisy, die es in Gilead als „geraubtes Kind“ zum ikonischen Status gebracht hat, schleust sie zurück ins Land. Die zwei jungen Frauen bringen dann nach Lydias Anweisung den ganzen autoritären Gottesstaat zum Wackeln.

Er steht auf der Shortlist für den Booker Price

Wie sich das liest? Packend. Ein Pageturner. Mehr auf Effekt und Spannung gebürstet als der Vorgänger, immer noch versehen mit dem typischen trockenen Atwoodschen Humor, ausreichender Stoff für mindestens noch zwei oder drei Staffeln … „Die Zeuginnen“ ist ein psychologisch komplex gezeichneter, klug konstruierter und durchweg gelungener Roman, Gattung Agententhriller, und dennoch: Im Vergleich zum nachhaltig beklemmenden Vorgänger ein glattgebügelter Schrecken. So nah wie Desfred, der Magd, die sich dem System unterwirft, aber Liebende bleibt, kommt man keiner dieser dreien. Männer agieren in der Fortsetzung ohnehin nur als Schattenfiguren.

„Gibt es irgendwelche Fragen?“, so hat Atwood, die im November 80 Jahre alt wird, ihren Roman damals beendet. Indem sie sie nun selbst beantwortet, hat sie sich die Hoheit über ihren Stoff zurückerobert. „Die Zeuginnen“ ist kurz nach ihrem Erscheinen auf den Bestsellerlisten. Er steht auf der Shortlist für den Booker Price. Die größere Wirkungsmacht aber wird vermutlich die nächste Staffel der Serie entfalten.

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