1. Startseite
  2. Kultur
  3. Journal
  4. „Die erste Disco der Welt“ - in Aachen?

Jubiläum

18.10.2019

„Die erste Disco der Welt“ - in Aachen?

aa1(1).jpg
3 Bilder
Die Discothek "Scotch Club" in Aachen.
Bild: Foto: Oliver Berg dpa

Es ist mindestens eine schöne Geschichte, die da in Aachen vor am 19. Oktober vor 60 Jahren ihren Anfang nahm

Kaum zu glauben, aber die legendäre Disco-Ära wurde nicht in New York oder London, sondern in Deutschland eingeläutet. Der Boom kam erst in den Siebzigern, doch bereits vor 60 Jahren, am 19. Oktober 1959, eröffnete in Aachen: „die erste Diskothek der Welt“. So jedenfalls heißt es dort. Und auch wenn die Trennung zu Vorgängern mit „Clubs“ in Paris und London gar nicht so leicht zu ziehen sind, auch wenn da kurz zuvor der „Ocambo Club“ in Osnabrück schon für sich warb – die Geschichte aus Aachen ist einfach zu schön, um sie nicht zu erzählen.

Herbst 1959 also: Der österreichische Kaufmann Franzkarl Schwendinger gestaltet sein bislang wenig erfolgreiches Speiselokal in die moderne „Jockey Tanz Bar“ um. Doch für Live-Bands fehlt schlicht das Geld. Um das Geschäft anzukurbeln, engagiert er zur Eröffnung einen Kölner Opernsänger, der die Gäste mit populären Platten in Schwung bringen soll. Doch der Mann legt nur wortlos eine Scheibe nach der anderen auf, die Stimmung ist mehr als mau.

Dank Whiskey klappten auch die ersten Ansagen

Vor Ort ist auch der damals 19-jährige Klaus Quirini, der für die Aachener Neue Ruhr-Zeitung über den „neuen Tanzschuppen“ berichten soll. Auch seine Begeisterung hält sich in Grenzen. „Meine Kollegen von den anderen Zeitungen und ich haben gelästert. Dann kam der Inhaber zu mir und fragte, ob ich das denn besser machen könne“, erinnert sich Quirini, „dann habe ich mich da hingestellt.“

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Bei seiner ersten Ansage muss er seine Zunge noch mit Whisky lösen: „Meine Damen und Herren, wir krempeln die Hosenbeine hoch und lassen Wasser in den Saal, denn ein Schiff wird kommen mit Lale Andersen.“ Dafür erntete er tosenden Beifall. Schon bald verliert der Youngster seine anfängliche Scheu.

Er hat 1000 Sprüche auf Lager, ist Ansager, Vortänzer und Stimmungskanone in einer Person. Zu jedem Titel bewegt sich der 1,90 Meter große und nur 65 Kilogramm leichte Schlaks im Rhythmus mit und heizt der Partymeute mächtig ein. Schwendinger engagiert ihn für 800 Mark im Monat. „Für mich damals ein Vermögen“, sagt Quirini. Fortan nennt er sich „Heinrich“ – das Pseudonym hat er sich auf Wunsch des Vaters zugelegt – und jeden Abend brummt der Schuppen bis in die frühen Morgenstunden.

Im Radio gab es bereits DJs wie Chris Howland, aber der Mix aus Musik und flotten Sprüchen direkt vom Mischpult neben der Tanzfläche macht Quirini zum ersten Disc-Jockey der Welt. Obwohl die Musik aus der Konserve von der Konkurrenz, die ihre Bands live auftreten lassen, als „tot“ abgetan wird, revolutioniert die Idee „Tanzbetrieb mit Schallplatte plus Plattenaufleger“ eine ganze Branche.

Auch Carpendale und Udo Jürgens schauten vorbei

Die „Heinrich-Nächte“ sprechen sich über die Grenzen hinaus herum, bald kommen Besucher auch aus den nahen Nachbarländern Holland und Belgien. Aus der „Jockey Tanz Bar“ wird später der legendäre „Scotch Club“, mit dunklen Holzmöbeln und Sitzgarnituren in Schottenkaro. Im Programm sind jetzt auch Modenschauen mit tanzenden „Mannequins“ und Stars wir Gilbert Bécaud, Howard Carpendale oder Udo Jürgens schauen vorbei. Der Begriff „Diskothek“ etabliert sich übrigens erst ab Mitte der 1960er Jahre.

Zunächst mausert sich Aachen zum unbestrittenen Disco-Mekka, innerhalb weniger Jahre gibt es hier mehr als 40 Diskotheken. Der Siegeszug zieht schließlich durch die Länder und Metropolen ganz Europas, immer mehr Betreiber kopieren Schwendingers Konzept und auch den „DJ Heinrich“.

Die Besucher schätzen die große Auswahl an unterschiedlicher Musik und den satten Sound. Nach und nach spezialisieren sich die Macher auf bestimmte Stilrichtungen, überall entstehen neue Clubs. Ende der 1960er Jahre ist die Diskothekenszene vielschichtig, es gibt Beat-, Heavy-Metall-, Pop- und Schlagertreffs. Das Motto für die Nachtschwärmer liefert ab 1971 Ilja Richters TV-Kultsendung „disco“: „Licht aus – Spot an“.

Erst zu dieser Zeit, mit mehr als zehnjähriger Verspätung, erreichen Diskotheken auch die USA. Anfänglich nur in Underground-Schwulenclubs hip, avanciert die Funk- und Discobewegung unaufhaltsam zum Massenphänomen. Jetzt gibt es sogar eigene Disco-Musik, Songs wie „Kung Fu Fighting“ von Carl Douglas, „Shame, Shame, Shame“ von Shirley & Company und „You Sexy Thing“ von Hot Chocolate ebnen den Weg.

Der Höhepunkt dann 1977: Die Bee Gees stürmen mit Songs wie „Stayin’ Alive“ aus dem Film „Saturday Night Fever“ mit John Travolta die Hitparaden. Berühmt berüchtigte Nachtclubs wie das „Studio 54“ in New York kennt nun jeder, Glitzerpaläste mit der unverwechselbaren Discokugel und die aufwendige Technik mit Licht- und Lasershows werden zu Standardelementen. Der Unterschied zwischen Diskothek und Disco? Quirini sagt: „In einer Diskothek wird Musik durch Moderation lebendig gemacht, in einer Disco durch Effekte wie Nebel oder Glitzerkugeln.“

Fast alle Heranwachsenden von den Swinging Sixities bis heute verbinden einen Großteil ihrer Jugenderinnerungen mit einer Diskothek. Die Wochenenden dort stehen für Spaß, Abtanzen, Freunde treffen, Alkohol trinken, Kennenlernen, vielleicht den ersten Flirt, Schmuseblues oder gar die Begegnung mit dem heutigen Partner. Jährlich bis zu 100 Millionen Besucher im Disco-Fieber bescherten den Besitzern in der Bundesrepublik über Jahrzehnte goldene Zeiten.

Heute ist der DJ von einst 79 - und in der Branche

Auch in der DDR strömten rund 50 Millionen Gäste pro Jahr zu Tanzvergnügen. Obwohl die Führung 1964 beschlossen hatte, westliche Rock- und Popmusik als „imperialistische Unkultur“ zu verdammen, war der Sturm in die Discoveranstaltungen nicht aufzuhalten. Für die „staatlich anerkannten Schallplattenaufleger“ keine leichte Aufgabe, musste doch 60 Prozent der gespielten Musik aus der DDR oder den sozialistischen Bruderländern stammen. Aber die jugendlichen Partyfans wollten lieber Stones und Beatles hören.

Der 79-jährige Quirini ist heute freilich kein Discogänger mehr. Der Kontakt zur Szene aber ist nie abgerissen. Bereits 1963 gründete er die Deutsche Disc-Jockey Organisation, 1970 den Verband Deutscher Diskotheken-Unternehmer und 1974 den Verband Deutscher Musikschaffender. Inzwischen ist er Berater, Autor, Dozent und Experte für Musikrecht. Wirtschaftlichen Erfolg brachte ihm seine Firma „Neuphone“ mit dem Verkauf von Discokugeln, Leuchten und Rauchmaschinen. Das Fazit des DJ-Pioniers: „Die Diskotheken-Szene hat sich in den letzten 60 Jahren kaum verändert. Früher wurde nur wesentlich mehr getrunken.“ Ach ja, und das: die Kleiderordnung. In der „Jockey Tanz Bar“ blitzten damals Frank Elstner oder Udo Lindenberg trotz Promi-Bonus einfach ab, weil sie keine Krawatte trugen. Sie mussten leider draußen bleiben.

Die „erste Diskothek der Welt“ ist schon seit 1992 geschlossen. Sie musste einer Modeboutique weichen. Der neue Besitzer des „Scotch-Club“ hatte keine Betriebsgenehmigung mehr erhalten – den Nachbarn war die Musik zu laut.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren