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Interview

09.02.2020

Schauspielerin Barbara Sukowa: "Ich habe schon mal geklaut"

Barbara Sukowa hat gerade ihren 70. Geburtstag gefeiert und ist nun in der Kino-Kömödie "Enkel für Anfänger" zu sehen.
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Barbara Sukowa hat gerade ihren 70. Geburtstag gefeiert und ist nun in der Kino-Kömödie "Enkel für Anfänger" zu sehen.
Bild: Jens Kalaene, dpa

Schauspielerin Barbara Sukowa ist in „Enkel für Anfänger“ als Paten-Oma zu sehen. Hier spricht sie über ihre Familie, Erziehung und warum sie die Jugend von heute toll findet.

Mit Ihren letzten Rollen schlagen Sie eine neue Richtung ein, unter anderem auch eine heitere. Hat alles seine Zeit oder bedauern Sie es rückblickend ein wenig, sich nicht schon früher auf diesem Terrain bewegt zu haben?

Barbara Sukowa: Nein. Die ernsten Rollen habe ich sehr gerne gespielt. Es ist ein Zufall, dass ich den Kinderfilm „Rocca verändert die Welt“ und dann gleich wieder einen Film mit Kindern gemacht habe. Das bedeutet nicht, dass ich jetzt nur noch Komödien spiele. Es ist einfach so passiert.

Saß eine Zeit lang ein Fassbinder-Teufelchen auf Ihrer Schulter, das in Ihr Ohr geflüstert hat: „Barbara, mach das nicht…“?

Schauspielerin Barbara Sukowa: "Ich habe schon mal geklaut"

Sukowa (lacht): Nee! Ich habe das Drehbuch gelesen und gleich laut gelacht. Was man ja normalerweise nicht tut, wenn man allein in seinem Zimmer sitzt. Ich hatte so etwas noch nie gemacht und große Lust darauf. Ich habe sofort zugesagt, das ging ganz schnell.

Ihre Figur Philippa in "Enkel für Anfänger" gibt sich als fröhlicher Alt-Hippie, zeigt aber in stillen Momenten ihr wahres, verletzliches Gesicht. Kann man in dieser Gesellschaft nur überleben, wenn man sich eine Maske zulegt?

Sukowa: Ich glaube, dass man auch anders überleben kann. Aber letztendlich tragen wir doch alle Masken, weil es die Gesellschaft von uns verlangt. Bis zu einem Punkt, an dem man die eigene Maske gar nicht mehr wahrnimmt. Der Schauspieler muss sich darüber im Klaren sein, dass er mit einer Maske arbeitet. Aber viele andere Menschen tragen eine Maske und wissen es gar nicht mehr. Sie sind zur Maske geworden. Philippa versucht, ihre Trauer zu überspielen. Es tut ihr weh, dass sie ihr Kind und ihre Enkeltochter nicht mehr sieht. Deshalb macht sie immer einen auf lustig und geht anderen Menschen damit natürlich auf die Nerven.

"Als meine Kinder klein waren, hatten wir zu Hause nie einen Fernseher"

Sind Sie Schauspielerin, um Ihr eigenes Ich zu erforschen oder um diesem Ich zu entfliehen?

Sukowa: Beides. In jüngeren Jahren wollte ich diesem Ich durch die Arbeit wahrscheinlich eher entfliehen. Je älter ich werde, um so stärker beginne ich mich für mich selbst zu interessieren. Man sieht ja oft, dass ältere Schauspieler gar nicht mehr viel machen. Bei ihnen genügt fast das bloße Dasein. Ich habe kürzlich den Film „The Irishman“ gesehen. Ein Schauspieler wie Joe Pesci ist nur noch da. Das ist etwas sehr Schönes. Er flieht nicht mehr vor sich selbst und sucht auch keine Zuflucht in einer Rolle. Natürlich kann man das nicht immer so machen. Manche Rollen verlangen etwas Komödiantisches oder eine große Veränderung. Aber es gibt diese Rollen, bei denen man loslassen kann, um das zu sein, was man ist.

Sie haben drei erwachsene Söhne. Wurden Ihnen Enkel geschenkt, die Sie gelegentlich betreuen?

Sukowa: Ich habe eine Enkeltochter. Ich lebe ja in New York und sie in Berlin. Deshalb kann ich mich nicht so oft um sie kümmern. Aber wenn ich in Berlin bin, dann bin ich natürlich mit ihr zusammen.

Verwöhnen Sie sie?

Sukowa: Ja, schon. Ihre Eltern mögen es gar nicht so, wenn sie mit dem Telefon oder dem iPad spielt. Dabei ist das ihre große Leidenschaft. Als meine Kinder klein waren, hatten wir zu Hause nie einen Fernseher. Die Jungs hatten immer Fernsehentzug und sind zu den Nachbarn gegangen, um dort fernzusehen. Und jetzt lasse ich meine Enkelin auf meinem iPad kucken, obwohl sie das eigentlich nicht darf.

Welche Werte waren Ihnen bei der Erziehung Ihrer Kinder besonders wichtig?

Sukowa: Ehrlichkeit. Und ich sehe an meinen Söhnen, dass ich sie zur Höflichkeit erzogen habe. Sie sind rücksichtsvolle Menschen, sie nehmen mir sofort meine Einkaufstasche ab oder helfen einer Frau in den Mantel. Das finde ich schön. Es war mir immer wichtig, dass man einen zivilisierten Umgang miteinander pflegt. Ich habe sie auch immer so behandelt. Ich glaube, das ist mir gelungen.

Haben Sie das Gefühl, dass Höflichkeit und Anstand rarer werden?

Sukowa: Das kann ich nicht sagen. Ich habe seit 28 Jahren nicht mehr fest in Deutschland gelebt. Aber die junge Generation, die ich kenne, finde ich wahnsinnig nett. Viel netter, als wir damals waren. Wir waren so rebellisch und haben gesagt, trau keinem über 30. Wir haben uns gegen unsere Eltern gewehrt. Die jungen Leute, die ich kennenlerne, sind sehr liebenswürdig. Meine Kommilitonen und ich waren viel frecher. Als meine Kinder klein waren, herrschte gerade die Phase der antiautoritären Erziehung. Manche Eltern ließen ihre Kinder einfach alles machen. Das habe ich nie getan. Meine Kinder mussten immer „Bitte“ und „Danke“ sagen, was manche Freunde unmöglich fanden. Wie kann ich meinen Kindern so etwas Altmodisches beibringen!? Für mich war das wichtig.

"Ich kann mir durchaus vorstellen, nach Deutschland zurückzukehren"

Philippa meint, dass jeder einmal im Leben etwas geklaut haben sollte …

Sukowa: Ich habe mal geklaut. Ich war mit einer Freundin unterwegs und steckte einen Lippenstift ein. Aber ich habe meine Kinder nie dazu angestiftet, im Gegenteil. Mein Sohn hat mal in einem Eisenwarengeschäft eine Schraube mitgehen lassen. Wir sind in den Laden gegangen, er musste sie zurücklegen.

Viele Ihrer Filme sind intellektuelle Werke. Wie empfinden Sie es, dass das Wort „intellektuell“ heute beinahe schon eine negative Konnotation hat?

Sukowa: Hat es das? Ja, in Amerika manchmal, das ist wahr. Die Amerikaner mögen ja auch keinen Präsidenten, der intellektuell ist. Zumindest scheint es so. Man darf aber nie vergessen, dass er nicht von der Mehrheit gewählt worden ist. Die Amerikaner haben ja schließlich auch mal Obama gewählt.

Wie hat sich Ihre Wahlheimat Amerika nach Ihrem persönlichen Empfinden unter Trump verändert?

Sukowa: Was man sehr stark wahrnimmt, ist diese unglaubliche Trennung in zwei Lager. Sie scheint fast unüberbrückbar zu sein. Die Medien sind völlig geteilt und Republikaner und Demokraten können sich kaum mehr verstehen. Das merke ich am stärksten. Ansonsten ist New York natürlich sehr stark gentrifiziert. Arme Leute werden herausgedrängt. Die Ketten verdrängen den kleinen Einzelhandel, den es in Manhattan schon kaum mehr gibt. Es gibt ihn noch in Brooklyn, in Queens oder der Bronx. Aber Manhattan hat sich in dieser Beziehung schon sehr verändert.

Könnten Sie sich vorstellen, nach Deutschland zurückzukehren?

Sukowa: Ich kann mir alles vorstellen. Ich hätte mir nicht vorstellen können, irgendwann nach Amerika zu gehen. Jetzt kann ich mir durchaus vorstellen, nach Deutschland zurückzukehren. Es ist im Moment aber nicht geplant. Ich schmiede solche Pläne nicht mehr. Es kommt, wie es kommt.

Lesen Sie dazu auch: Barbara Sukowa sieht Generationen heute näher beieinander

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