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Schönheits-OPs

01.09.2019

Warum Männer sich liften lassen - und welche OP am beliebtesten ist

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2 Bilder
Beliebteste Operation bei Männern war im Jahr 2018 die Oberlidstraffung.
Bild: georgerudy, Adobe Stock

Plus Lange galt die Schönheitschirurgie als Frauendomäne. Aber das ändert sich gerade. Warum das Aussehen auch für Männer immer wichtiger ist.

Einen Operationssaal betreten, um jünger auszusehen? Für Thomas Schmitt wäre das nie infrage gekommen – dachte er. Dann verliebte sich der Mittsechziger in eine jüngere Frau. Dass sein Umfeld von seiner Operation erfährt, will er nicht, deshalb behält er seinen echten Namen für sich und schlägt einen öffentlichen Ort vor, um zu erzählen, warum er sich unters Messer legte. Ein Park. Ältere Menschen unterhalten sich auf Bänken zwischen Blumenbeeten, manche haben ihren Rollator neben sich geparkt. Eltern beobachten ihre Kinder, die in der heißen Sonne ihre Arme durch das Geländer vor einem Wasserbecken strecken. Hier sind die Generationen klar bestimmt. Plastische Chirurgie kann das ändern.

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Auf einer der Bänke sitzt jetzt auch Schmitt. Ein Mann in Jeans, blauem Polo und schwarzen Leder-sneakern. Sein linker Arm mit der goldenen Uhr liegt auf der Lehne, mit der Hand des anderen Arms fährt er sich durch seine nach hinten gekämmten silbergrauen Haare. Obwohl der Augsburger sich einem Facelift unterzogen hat, ziehen sich ein paar Falten durch sein Gesicht – doch es sind wohl weniger und feinere als in den Gesichtern der meisten Altersgenossen. Wie kam es, dass er vom Skeptiker der Schönheitschirurgie zu ihrem Patienten wurde?

Er beginnt zu erzählen, wie er über Menschen dachte, die sich operieren ließen: „Ich dachte immer: Diese Leute machen etwas falsch.“ Schließlich greife man in die Natur ein, verfälsche seinen eigenen Körper. Als die Beziehung mit der 15 Jahre jüngeren Frau beginnt, die er mittlerweile geheiratet hat, entwickelt er jedoch den Wunsch, sich ihrem Alter äußerlich zu nähern – obwohl dieser Altersunterschied nicht als ungewöhnlich gelten dürfte. „Ich habe absolut keinen Druck empfunden.“ Erst als der Wunsch, jünger auszusehen, nach einem Jahr zur Entscheidung gereift ist, weiht er sie ein: Er will sich einem sogenannten Facelift, einer Gesichtsstraffung, unterziehen. Sie ist skeptisch, akzeptiert aber seinen Plan.

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Auch als der OP-Termin näher rückt, hegt er keine Zweifel. Das war vor etwa einem Jahr: Lokale Betäubung, ein leichter Schlummerschlaf, der Chirurg setzt das Skalpell an. Die Gesichtshaut wird vom darunterliegenden Gewebe getrennt, mit überschüssigem Fett modelliert, überschüssiges Gewebe wird entfernt – und schließlich näht der Arzt die Haut in der Schläfen- und Ohrenregion wieder zusammen.

Schmitt tippt mit einem Finger auf seine Ohrenpartie und sein Kinn. „Hier waren die Nähte.“ Narben sind kaum zu erkennen. Um sicherzugehen, dass unmittelbar nach dem Eingriff niemand Verdacht schöpft, fährt er vier Wochen in den Urlaub. „Das würde ich jedem empfehlen.“ Dass er operiert worden ist, merkt nach der Rückkehr niemand – er wird nur darauf angesprochen, dass er erholt aussehe, erzählt er.

Den Einsatz von Botox lernen auch Zahnärzte

Abseits der Welt von Schauspielern, Fernsehmoderatoren oder Musikern schien die ästhetische Chirurgie lange Zeit von weiblichen Patienten geprägt zu sein. Aber offenbar ändert sich das gerade. So berichtete die Vereinigung der ästhetisch-plastischen Chirurgen kürzlich, ihre Mitglieder hätten vergangenes Jahr mehr als doppelt so viele Schönheitsoperationen an Männern vorgenommen als 2017. Doch die Datenlage ist unübersichtlich: Es gibt nicht nur einen, sondern mehrere Berufsverbänd. Drei davon erfordern eine spezielle Facharztausbildung zum ästhetisch-plastischen Chirurgen. Ihre Erhebungen unterscheiden sich in der Methodik, die Teilnahme ist freiwillig.

Dr. Sven von Saldern – der Arzt, der Schmitt operiert hat – war viele Jahre Präsident der Deutschen Gesellschaft ästhetisch-plastischer Chirurgen. In Augsburger Innenstadtlage liegt die Klinik am Försterpark, in der er als plastischer Chirurg praktiziert. Er sitzt dort mit überschlagenen Beinen vor einem Bücherregal mit medizinischer Fachliteratur. „Es könnte zwar eine Steigerung der Operationen an Männern geben, aber mit den vorhandenen Zahlen lässt sie sich nicht belegen.“ Blickt er auf die Männerquote seiner eigenen Praxis, zweifelt er daran, dass die Zahl von Schönheitsoperationen an Männern explodiert: „In den vergangenen fünf Jahren blieb der Männeranteil unter meinen Patienten bei 17 bis 18 Prozent konstant.“

Noch schlechter lässt sich beurteilen, wie viele Männer sich minimal-invasiven Eingriffen unterziehen. Die beiden verbreitetsten Methoden sind Spritzen mit Botulinumtoxin, kurz Botox, und Hyaluronsäure. In Wochenendkursen, die den Einsatz von Botox lehren, finden sich auch Zahnmediziner und Hausärzte. Wie oft sie Patienten spritzen und damit Gesichtsmuskeln schwächen, um Falten zu lindern, wird nirgendwo erfasst, weil die Patienten selbst zahlen. Hyaluronsäure, mit der erschlafftes Gewebe aufgefüllt wird, dürfen sogar Kosmetiker spritzen, weil sie als Medizinprodukt, nicht als Medikament verkauft wird. „Die Einzigen, die wissen, wie viel Hyaluron gespritzt wird, sind die Hersteller. Und die rücken mit ihren Zahlen natürlich nicht raus.“

Ob also tatsächlich mehr männliche Patienten im OP landen oder sich per Spritze verjüngen lassen, vermag von Saldern nicht zu sagen: Eine Gruppe von Männern fällt ihm allerdings zunehmend auf, nämlich sehr junge. In den vergangenen Jahren kamen sie verstärkt in seine Sprechstunde. 14-Jährige, die plötzlich ein Muttermal entfernen lassen wollten, habe es schon immer gegeben. Nun aber wünschten sich junge Männer regelmäßig kaum nachvollziehbare Änderungen an ihrem Körper, zum Beispiel durch eine Augenlidoperation, die sich eigentlich eher an ältere Menschen richtet: „Das geht manchmal so weit, dass ich eine Störung des eigenen Körperbilds dahinter vermute.“ Bei weiblichen Patienten beobachtet er das seltener.

Als Ursache vermutet von Saldern das Smartphone: Heute ermöglichen unterschiedlichste Apps, das eigene Gesicht mit ein paar Wischs auf dem Display nach eigenen Wünschen zu verändern: Eine vermeintlich perfekte Nase, optimierte Augen, straffe, glatte Haut erscheinen auf dem Bildschirm. Schon vor 20 Jahren gab es Programme dieser Art – allerdings mussten Schönheitschirurgen sie für mehrere tausend Mark kaufen. Heute kosten sie, wenn überhaupt, so viel wie eine Tasse Kaffee. Und wahrscheinlich noch verbreiteter: Plattformen wie Instagram. „Soziale Medien bewirken, dass die Gesellschaft sich mehr präsentiert und exhibitionistischer geworden ist“, sagt von Saldern. Die VDPÄPC, der größte Verband ästhetisch-plastischer Chirurgen, spricht in diesem Zusammenhang von einem „Selfieboom“, der junge Menschen zu einem Eingriff motiviere. Obwohl dieser Trend beide Geschlechter betreffe, glaubt Chirurg von Saldern nicht, dass sich die ästhetische Chirurgie weit über das bisherige Ausmaß verbreitet. Und er vermutet, dass Frauen auch künftig viel häufiger Schönheitsoperationen in Anspruch nehmen werden als Männer.

Auch Männer werden jetzt immer mehr über ihr Äußeres wahrgenommen

Diese Verteilung war nicht immer so. Tatsächlich richtete sich die ästhetische Chirurgie historisch an Männer, wie Professorin Paula-Irene Villa Braslavsky erklärt. Sie erforscht am Institut für Soziologie in der Münchner Maxvorstadt unter anderem die gesellschaftliche Komponente von Schönheitsoperationen. „Im 15. und 16. Jahrhundert ließen sich wohlhabende, adelige Herren häufig ihre sogenannten Syphilisnasen operieren, die von der Krankheit verformt waren und sie sichtbar machten.“ Später behandelten rekonstruktive Chirurgen im Ersten Weltkrieg kriegsversehrte Soldaten, also wiederum Männer – und dabei ging es nicht nur darum, körperliche Funktionen wiederherzustellen, sondern auch um Ästhetik. Erst im Laufe des Jahrhunderts seien Frauen die Zielgruppe der Disziplin geworden.

Die Professorin beantwortet die Frage, ob sich Männer künftig genauso häufig operieren lassen wie Frauen, anders als der Augsburger Chirurg: „Ich fürchte und ich hoffe es.“ Dass dem bislang nicht so ist, führt sie überwiegend auf einen Grund zurück: „Frauen werden immer noch stärker und wesentlicher über Äußeres wahrgenommen.“ Um diese Erkenntnis zu erlangen, reiche es schon, gewisse Magazine aufzuschlagen: Frauen seien zu dick, zu schlank, zu schön, zu hässlich. Immer stärker widerfahre das auch Männern. Man nehme sie zunehmend als Geschlecht wahr, wie es bei Frauen bislang geschah. „Das bringt auch für Männer vermehrt die Möglichkeit, sich zu gestalten, vielleicht zu schminken, zu stylen oder auch sich operieren zu lassen.“

Fragen des Körpers und des Geschlechts seien grundsätzlich geprägt von Ambivalenz: von der Freiheit, sich zu gestalten, und der Unfreiheit, durch gesellschaftliche Normen beeinflusst zu werden. Erhalten Männer mehr Möglichkeiten, ihren Körper zu gestalten, werden sie auch stärker daran gemessen. „Heute will man, anders als früher, sichtbar machen, wie hart man an seinem Äußeren arbeitet: durch Sport, durch Ernährung und vielleicht auch durch ästhetische Chirurgie.“

„Menschen, die sich operieren lassen, sind definitiv nicht die dummen, körperbesessenen Mediensklaven, als die sie manchmal von den Medien selbst dargestellt werden“, sagt Paula-Irene Villa Braslavsky. Relativ häufig handle es sich um sehr selbstbestimmte Entscheidungen. Andererseits gebe es natürlich gesellschaftliche Normen, an denen sich Menschen orientieren. Etwa, dass ein Mann keine Brüste hat. „Nun haben Männer aber manchmal eben doch Brüste. Und dann stellt sich für manche aufgrund äußerer Erwartungen die Frage einer Operation.“ Oft liege eine lange Leidensgeschichte hinter einem solchen Eingriff. Soziale Medien bewirkten insbesondere, dass das Bild eines Männer- oder Frauenkörpers, der als ideal gilt, immer enger definiert werde. „Wahrscheinlich kann man sagen: Es gab noch keine Gesellschaft, die dauernd so viele Körper zu sehen bekommen hat wie unsere.“ Abschätzige Bemerkungen über Äußerlichkeiten seien Frauen besser bekannt – aber sie treffen laut der Wissenschaftlerin immer häufiger auch Männer. „Viele junge Männer empfinden heutzutage einen unheimlichen Körperstress.“ Und das könnte sich künftig in dem Wunsch äußern, seinen Körper zu verändern.

Thomas Schmitt ist sich nicht sicher, ob er sich wieder wünschen wird, jünger auszusehen. Die Wirkung eines Facelifts halte normalerweise acht bis zehn Jahre. Er wäre dann Mitte 70 und könnte sich erneut operieren lassen. „Das hängt stark davon ab, wie groß ich den Altersunterschied zwischen mir und meiner Frau dann wahrnehme“, sagt er. Er sei sehr zufrieden mit dem Ergebnis der Operation. Das hat aber auch einen Nebeneffekt: Nun kann er sich durchaus vorstellen, auch andere Eingriffe an seinem Körper vornehmen zu lassen. „Man kommt auf den Geschmack.“

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