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Leichte Sprache

07.09.2019

Wie Leichte Sprache die Welt vereinfacht

Bild: AZ

Komplizierte Dinge einfach erklären? Gar nicht so leicht. Leichte Sprache hilft dabei. In ihr gibt es keine Fach- und Fremdwörter. Wie die Texte entstehen und warum sie so wichtig sind.

Letztens entdeckte Maria Hütter-Songailo wieder so ein Wort, das sie nicht recht verstand. Sie strich es auf dem Papier an, mit ihrem neonorangen Textmarker. Ein breiter, leuchtender Streifen liegt jetzt über den schwarzen Buchstaben: „Industrie“. Was ist das eigentlich? Tanja Blum, die den Text geschrieben hatte, wollte es ihr erklären – und kam ins Stottern. „Wenn man ein Wort leicht erklären soll, merkt man oft selbst, dass man es nicht zu hundert Prozent verstanden hat“, sagt sie. Aber es klappte. Heute hat Hütter-Songailo ein Bild vor Augen, wenn Sie „Industrie“ liest: Fabriken, Rohstoffe, rauchende Schornsteine, große Lagerhallen.

Was ist Leichte Sprache?

Sie sind ein Team: Blum, Kulturwissenschaftlerin, übersetzt Texte in eine leichtere Fassung und Hütter-Songailo – ein Mensch mit Lernschwierigkeiten – prüft sie. Gemeinsam tüfteln sie an Texten. Ihr Arbeitsplatz ist das Fach-Zentrum Leichte Sprache in Augsburg. Sonnenlicht strahlt in die Büroräume, zieht Schatten über bunte Stühle und weiße Tische und auf Flipcharts mit großer Schrift und Smileys. Unten, entlang der Straße, breitet sich ein gesichtsloses Gewerbegebiet aus. Aber hier im dritten Stock arbeiten Menschen daran, dass Sprache leichter wird.

Das Emnid-Institut legte vor einigen Jahren für eine Umfrage gut tausend Teilnehmern sechs wichtige Begriffe aus den „Tagesschau“-Sendungen einer Woche vor. Bis zu 76 Prozent der Befragten gaben an, diese Wörter zu kennen. Doch als sie erklären sollten, was darunter zu verstehen ist, scheiterten die meisten. Was ist schwer? Was ist leicht?

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Vor neun Jahren begegnete Hütter-Songailo, eine junge Frau, die aus Rumänien stammt, zum ersten Mal der Leichten Sprache. Damals war dieses Konzept in Deutschland kaum bekannt. Das Papier, das eine Leichtere Sprache weltweit fördern sollte, hatten die UN-Staaten da gerade erst unterschrieben. Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert seit 2008 ein Recht auf barrierefreie Information für Menschen mit Handicap, mit Lernschwierigkeiten. Seit 2016 sichert das Gesetz zur Gleichstellung behindertet Menschen, dass Staatsbehörden barrierefreie Informationen anbieten müssen. Das heißt: Ministerien, aber auch die Deutsche Rentenversicherung und die Bundesagentur für Arbeit stehen in der Pflicht.

Bild: Carmen Jaspersen/dpa

Was Leichte Sprache ist, erklärt Hütter-Songailo auch in Leichter Sprache: „Sie ist eine leicht verständliche Sprache. Man kann sie gut lesen. Man kann sie auch sprechen. In Leichter Sprache gibt es zum Beispiel keine Fach- und Fremdwörter.“ Was am Ende klar und einfach wirkt, funktioniert nicht ohne Regeln. Die hat sich das Netzwerk Leichte Sprache, mit ihren Übersetzungsbüros und Teams in Deutschland, selbst gesetzt. Sechs Kapitel beschreiben die Schritte zur richtigen Leichten Sprache. Es gibt Regeln für Wörter, Zahlen und Zeichen, Sätze, Text, Gestaltung und Bilder. An all diesen Enden und Bruchstellen kann das Verständnis der Sprache scheitern. Dann wird sie mühsam. Vor allem für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Ihnen gehört Punkt sechs im Regelwerk: Prüfen. Sie prüfen die übersetzten Texte auf Verständlichkeit, denn nur sie können bestätigen, ob die Sprache leicht genug ist.

Hütter-Songailo richtet ihren Zopf zurecht und blinzelt durch ihre runden, starken Brillengläser. Auch das ist eine Bedingung für Leichte Sprache: Die Schrift muss groß genug sein. Zu erkennen, was auf einem Bushalteplan steht, fällt der Prüferin manchmal schwer. Beipackzettel von Arzneimitteln könne sie auch nur schwer entziffern und schwer verstehen. Das liegt nicht nur an Fremdwörtern und Begriffen: Das Auge denkt mit. Deshalb gehören eine große Schrift und begleitende Bilder fest zur Leichten Sprache.

Christine Borucker leitet im Auftrag der Caritas das Fach-Zentrum. Jeden Tag landen neue Aufträge in ihrem Mail-Postfach: Firmen, Museen, Behörden. Sie würden gerne Informationen in Leichter Sprache anbieten. Hütter-Songailo lernt mit jedem Text, den sie mit dem Leuchtmarker nach Problemstellen röntgt. Sie liest Texte über Gesundheitspolitik, über Museen und Kathedralen. „Wissen Sie, ich habe einen unheimlichen Lerndurst auf Bildung. Ich lese hier so vieles, das ich bisher noch nicht kenne.“

Die Texte werden mit Leichter Sprache länger

Nicht alle Menschen verstehen, warum es immer auch eine Version von Leichter Sprache geben soll. „Vor allem, wenn Leichte Sprache schlecht gemacht ist“, sagt Borucker. Das beginnt bei den Piktogrammen, die einen Text begleiten. „Das ist hier zum Beispiel ein bisschen kindisch“, sagt Hütter-Songailo und deutet auf eine bunte, kindliche Zeichnung in einer Broschüre.

Borucker erzählt: Bei den Kommunalwahlen 2017 in Schleswig-Holstein wurden nur Wahlzettel in Leichter Sprache verteilt. Ausschließlich. Viele fühlten sich verschaukelt, nicht ernst genommen. Für Borucker gibt es deshalb nur eine Lösung für so wichtige Dokumente: „Beide Versionen sind im Angebot, beides ist wählbar.“ Die Gemeinde Ebersberg arbeite eng mit dem Fachzentrum zusammen, sagt Borucker. „Dort geben sie Formulare in beiden Versionen heraus.“ Leicht und schwer. Aber wem soll man das Formular in einfacher Version anbieten? „Man sieht es den Menschen ja nicht an der Nase an.“ Außerdem steigt mit jedem Formular, das Behörden anbieten wollen, der Aufwand. Alles in doppelter Ausführung. Und mit jeder Erklärung eines Fremd- oder Fachworts werden Texte noch ein Stück länger.

Lücken in der Versorgung mit Leichter Sprache gebe es in vielen Bereichen, sagt Hütter-Songailo. „Eigentlich überall.“ Romane zum Beispiel. „Ich finde das schade, ich lese so gerne.“ Aber dem Team des Fachzentrums fehle die Zeit, literarische Texte zu übersetzen oder gar zu schreiben, sagt Borucker. Sie hievt einen prallen, massiven Ordner auf ihren Tisch. Die Aufschrift: „Qualität bei Pflege und Wohnen.“ Für das Gesundheitsministerium haben sie diese Texte übersetzt. Ein Jahr Arbeit sei das gewesen, sagt Borucker. Ein Jahr zwischen den Deckeln eines Ordners.

Nicht nur der Duden durchlebt Rechtschreibreformen und nimmt neue Wörter auf. Auch Leichte Sprache entwickelt sich fort. Borucker zeigt eine Broschüre des Regensburger Doms. Sie deutet auf Worte, wie sie die deutsche Sprache liebt: Zusammengesetzt. Domführer. Domkapitel. Dombaumeister. Doch zwischen den einzelnen Bestandteilen jedes Wortes steht ein kleiner Punkt. „Dom.führer“. So lassen sich die Puzzleteile besser verstehen. Lange Zeit trennte nach den Regeln der Leichten Sprache ein Bindestrich die Worte, nun kommt der Punkt in Mode. „Elegant“ sei das, sagt Christine Borucker. Nicht so einfach findet das Hütter-Songailo. Dieser Punkt, der da auf halber Höhe hängt, ganz dezent und unauffällig, zwischen den Teilen eines Worts, erleichtert vielen das Verständnis. Anderen erschwert er es. Wie man richtig trennt, wird auf Netzwerktreffen noch immer diskutiert. „Land-Bindestrich-Tag, wer soll das verstehen?“, sagt Borucker. Das gleiche gilt für Nebensätze, die ein Komma erfordern. Sie sind in Leichter Sprache nicht erlaubt. Eigentlich. Das Fach-Zentrum für Leichte Sprache setzt sich dagegen eine Quote von maximal zwei Nebensätzen pro Seite. „Nebensätze? Die stören mich gar nicht“, sagt Hütter-Songailo. Jeder Mensch, der auf Leichte Sprache angewiesen ist, hat seine eigenen Bedürfnisse.

Leichte Sprache stärkt das Selbstbewusstsein

„Durch die Leichte Sprache bin ich selbstbewusster geworden“, sagt die Prüferin. Diese Sprache soll Menschen helfen, an der Gesellschaft teilzuhaben und ihr Leben selbst zu bestimmen. „Ich würde nie etwas unterschreiben, was ich nicht verstehe“, sagt die Prüferin. „Leichte Sprache können viele Menschen viel besser aufnehmen. Dann kann man auch mitreden. Dann ist man dabei und nicht ausgegrenzt.“ Wenn es überall mehr Informationen in Leichter Sprache gebe, sagt sie, könnte sie noch einen Schritt weitergehen: Vielleicht bräuchte sie dann keinen rechtlichen Betreuer mehr. „Ich wünsche mir das. Nicht nur für mich.“ Für sie ist jeder Text in Leichter Sprache ein Schritt hin zu mehr Freiheit.

Wie viele Wörter die deutsche Sprache hat, können Experten kaum schätzen. Im Rechtschreib-Duden drängen sich 145000 Stichwörter, das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm listeten 450000. Der Duden sammelt Wörter in einem sogenannten Korpus. Diese elektronische Sammlung umfasst Stand 2017: 23 Millionen Wörter. Niemand kennt sie alle. Natürlich nicht. Und die Möglichkeiten, Wörter zu verketten, immer weiter, zu wahren Bandwurmwörtern? Unendlich.

Die Wandlung von schwer zu leicht dauert und fordert Geduld: Absprachen mit Auftraggebern, kürzen, übersetzen und zusammenfügen, was zusammengehört. Ganze Strukturen und Wörter ersetzen, vier-, fünf-, sechsmal hin und her, dann noch die Bilder. Bis Hütter-Songailo mit dem Leuchtstift an den Text rückt. Zwei geschulte Menschen mit Lernschwierigkeiten überprüfen denselben Text. „Wenn alles passt, kommt ein Stempel drauf. Seite für Seite“, sagt sie.

Auf dem Prüfstand stehen auch politische Themen und Aufträge. Borucker sagt, Übersetzer und Prüfer stoßen bei solchen Texten oft auf Oberflächlichkeiten und Parolen. Das Projekt „Wir mittendrin“ soll dabei helfen, mit einer Broschüre in Leichter Sprache Vorurteile gegen Flüchtlinge zu überprüfen. Hütter-Songailo traf dafür einen jungen Mann, der aus Syrien geflüchtet war. „Dass er so offen ist, hätte ich nicht gedacht. Und dass er so gut Deutsch kann“, erinnert sie sich. Beide unterhielten sich ganz leicht und problemlos über dies und jenes, über ihr Lieblingsessen (der Syrer liebt Käsespätzle), ihr Leben und schließlich auch die Flucht. Wie er auf einem wackligen Schlauchboot übers Mittelmeer kam. „Sein Leben ist bewegend. Das kann einen echt berühren.“

Einmal nahm das Zentrum den Auftrag an, ein Parteiprogramm zu übersetzen. Eine Prüferin habe sich alles durchgelesen, sagt Borucker. „Sie kam zu dem Schluss: Die wähle ich nicht. Die machen zu wenig für Menschen mit Behinderung.“

Nicht simpel, sondern klar sollte die Leichte Sprache sein, sagt die Leiterin des Fachzentrums. Doch kompliziert zu erklären, das gelte in unserer Gesellschaft oft als Qualitätsmerkmal. Dieser Stil werde kultiviert und honoriert – schon wieder schwierige Wörter. Christine Borucker erklärt: „Wir sind alle geprägt von Fachsprache, in jeder Ausbildung. Jeder ist dazu aufgefordert, sich möglichst kompliziert auszudrücken, am besten in Englisch, man verliert dabei aber schnell den Kontakt zum Gegenüber.“

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