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Konzertkritik

28.09.2020

Koloratur-Sopranistin Simone Kermes in Himmel und Hölle

Simone Kermes (Mitte unten) zusammen mit der Bayerischen Kammerphilharmonie in evangelisch Heilig Kreuz.
Bild: Peter Fastl

Plus Ungewöhnlich, furios, umjubelt: Die Koloratur-Sopranistin Simone Kermes huldigt zusammen mit der Bayerischen Kammerphilharmonie in ihrem Programm "Inferno e Paradiso" der Macht des barocken Stils.

Sie gilt als der Popstar der klassischen Sängerinnen und wird für die Vielfalt ihres stilistischen Repertoires gerühmt. Simone Kermes, mehrfache Echo-Preisträgerin (unter anderem "Sängerin des Jahres") war Gast beim Eröffnungskonzert 2020/2021 der Reihe "un-er-hört" der Bayerischen Kammerphilharmonie, die gleichzeitig ihr 30-jähriges Bestehen feiert. Eine gelungene Kombination, weil das in Augsburg ansässige Spitzenensemble ebenfalls für oft ungewöhnliche Programme sorgt. In evangelisch Heilig Kreuz wurde der Abend "Inferno e Paradiso" begeistert gefeiert. Unter herrschenden Corona-Bedingungen war das Konzert mit 200 Zuhören ausverkauft.

Simone Kermes, die mit ihren Konzertprojekten bevorzugt eigene Programm-Ideen kreiert, huldigt in "Inferno e Paradiso" – auch als CD im Umlauf – dem von ihr ausgerufenen Beweis, dass aller Anfang großer Musik und großer Oper in der Barock-Epoche mit ihren Arien gründet. Quasi als Urthema menschlichen Daseins führt sie in ausgesuchten Beispielen die Hintergründe und Abgründe von Himmel und Hölle, von Sünde und Tugend an. Die Kammerphilharmonie, angetreten mit Streicherkern, Oboe, Fagott, Horn, Trompete, Cembalo und Laute (Konzertmeister und Leiter: Ulrich Poschner), präsentierte zum Entree mit einem bestechenden Stimmungsbild die Spannweite der Leidenschaften. Das Allegro assai aus Luigi Boccherinis Sinfonie d-Moll mit den gespenstisch im Pianissimo lauernden Klangschichten, den wie ein Blitz einbrechenden schärfsten Forte-Attacken, den lockend-schwirrenden, süßen Nebentönen, sorgte für die Grundstimmung des Abend.

"Inferno e Paradiso": Wie eine gefährlich-zornige exotische Blume

Nun trat die Diva herein, im grellen Kostüm mit riesigem, den Kopf bergenden Dracula-Kragen wie eine gefährlich exotische Blume, und beschwor in "In braccio a mille furie" aus "Semiramide riconosciuta" von Leonardo Vinci den Zorn. Noch schien Kermes’ Virtuosität, wie im folgenden sanftmütigen "Caritas"-Teil aus Giovanni Battistas Bononcinis "San Nicola di Bari", etwas angestrengt und belegt.

Doch nach einem weiteren höchst expressiven Vivaldi-Satz zeigte sie mit der barocken Zubereitung des Sting-Songs "Fields of Gold" frappierend ausschwingende Balladen-Wucht. Die von dem Komponisten Jarkko Riihimäki im barocken Stil arrangierten Popsongs und Schlager gipfelten in der ironisch, aber doch dramaturgisch raffiniert ausgefeilten Version von Udo Jürgens’ "Aber bitte mit Sahne". Darin erfährt bei der "Völlerei" der reifen Damen, die das Zuckerschlemmen laut Schlager ja nicht überleben, eine bewundernswert sarkastische Zuspitzung auf Lust und Tod. Das Purgatorium von Vivaldi zog dann beim Thema "Mäßigung/Temperantia" die Eiseskälte des Bluts in Vivaldis "Il Farnace" nach sich, worin Kermes einen beeindruckend kühl ästhetischen Ton fand. Das "Paradiiso" aus Rameaus "Les Boréades" hingegen verströmte flirrend selige Erlösung.

Simone Kermes singt sogar "Stairway to Heaven"

Dann wurde es heftig. Was Kermes und ihr Arrangeur aus Lady Gagas kultigem "Pokerface" machen, in drastisch stürmender Barock-Überhöhung der "Wollust", war schon eine phänomenale Mutation, glühend rockig-klassisch ausgeschleudert. Abteilung "Hochmut": Dass im Song "Stairway to Heaven" des Led-Zeppelin-Sängers Jimmy Page sehr wohl eine absolut barockfähige Ballade steckt, die das Anmaßende des Inhalts à la Brechts Baal mit riesigem Charisma erklingen lässt, war der Höhepunkt des Rock-Barock-Experiments.

Zum Finale riss Simone Kermes mit ihrem spukhaft blitzenden, alle abstrusen Intervallsprünge ohne Riss bewältigenden originalen Koloraturen-Feuerwerk hin: "Non ha piu pace" von Johann Adolph Hasse beschloss einen ungewöhnlichen, furiosen, umjubelten Abend. Er klang auch mit Marlene Dietrichs "Sag mir, wo die Blumen sind", vom Publikum auf Einladung von Simone Kermes mitgesummt, anhand friedlicher Zugaben aus.

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