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Theater Ulm

01.10.2018

Rebellion im Anzug

Ungleiche Brüder: Franz (Benedikt Paulun, links) und Karl Moor (Maurizio Micksch). <b>Foto: Martin Kaufhold</b>
Bild: Martin Kaufhold

Der neue Schauspieldirektor zerlegt „Die Räuber“ gekonnt

Ulm Ohne Pistole und Hut ist so ein Räuber nicht wirklich Furcht einflößend. Aber 2018 sind es ohnehin die entfesselten Biedermänner, die einem Angst machen sollten. Solche wie in Jasper Brandis’ Inszenierung von „Die Räuber“ am Theater Ulm: mittelmäßige Typen in mittelmäßigen Anzügen. Doch der neue Schauspieldirektor schickt nicht plakativ besorgte Bürger oder radikalisierte Loser in den Kampf gegen das System: Er zerlegt Friedrich Schillers Frühwerk in seine Einzelteile und prüft es auf seine Relevanz. Ein überzeugender Saisonstart.

„Die Räuber“ könnte ein Stück zur heutigen Zeit sein, schließlich geht es um Menschen, die sich gegen Staat und Gesellschaft auflehnen, Freiheit nach eigenen Regeln suchen: jenseits der Väter, jenseits der Religion, jenseits der bürgerlichen Moral. Karl Moors Räuberbande ist eine Terrormiliz der Abgehängten. Und Bruder Franz, die Kanaille, ist aus dem Holz geschnitzt, aus dem auch die Potentaten von heute sind. Aber was ist denn der heulende alte Moor für eine Vaterfigur? Was soll man mit einer Frau wie Amalia anfangen, die nur aus Treue besteht? Und was tun mit dem überschäumenden Männerpathos?

Regisseur Brandis, der in Ulm auch schon Hans Henny Jahnns Ungetüm „Die Krönung Richards III.“ bändigte, stellte sich diese Fragen – und macht den großen Klassiker zunächst klein: alle Figuren vor dem Vorhang, Text aufsagen, Regieanweisungen, vom Chor geflüstert.

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Und wenn sich dann endlich die Bühne (Ausstattung: Andreas Freichels) öffnet, sieht man nur Raum und mittendrin ein goldenes Häuschen, das sich auf einem Podest dreht wie bei einem Werbespot der Bausparkasse. Weil jetzt Amalia gebraucht wird, legt die einzige Schauspielerin (Marie Luisa Kerkhoff) unter dem Johlen der Kollegen mit einem Strip den Anzug ab und schlüpft ins Kleidchen: Eine Männerfantasie ist entlarvt.

Die Inszenierung nimmt Schillers Text da ernst, wo er es verdient hat, und liefert nicht gleich die Deutung mit. Keine Pegida, kein IS, kein Trump. Regisseur Brandis rückt die Sprache ins Zentrum, er beherrscht aber auch die Tricks des Regietheaters – und er lässt mit Selbstironie, Humor und „Theater im Theater“ an den richtigen Stellen die Luft heraus. Auch aus der Lokaldebatte um das einen Spatzen zeigende neue Theaterlogo. Es wird zum Erkennungszeichen der Bande, auch wenn Fiesling Spiegelberg das berühmte Rad der Berliner Volksbühne vorschlägt. (Dieses entstand einst für eine „Räuber“-Inszenierung von Frank Castorf.)

Was aber das Erfreulichste an den Ulmer Räubern ist: Das Ensemble, je zur Hälfte neue und schon bekannte Schauspieler, harmoniert auf der Bühne prächtig. Maurizio Micksch zeichnet Räuberchef Karl als wenig heldenhaften Zweifler mit kurzer Zündschnur; Benedikt Paulun schafft es, mit seinem differenzierten Körperspiel sogar Momente des Mitgefühls für Oberbösewicht Franz zu erzeugen. Am Ende starker Applaus.

Termine Wieder am 3., 5. und 13. Oktober im Großen Haus. Weitere Vorstellungen bis Mitte Dezember.

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